Archive for the ‘Medienwelt’ category

Voreingenommenheit #6: Nutzung von Fakten für falsche Schlussfolgerungen

9. September 2016

Teil 6 einer achtteiligen Serie über die acht Kategorien von Medien-Voreingenommenheit.

Verletzung #6
Nutzung von Fakten für falsche Schlussfolgerungen

Medienberichte führen oft Fakten ins Feld, aus denen sie falsche Schlussfolgerungen ziehen

Selbst wenn alle Fakten stimmen, ist es Journalisten immer noch möglich, falsche Schlüsse zu ziehen. Irren ist menschlich, richtig?

In diesem Video diskutieren Haviv Rettig Gur von der Times of Israel und Michelle Chabin von USA Today und anderen Blättern mit HonestReporting darüber, wie Reporter Fakten einsetzen können, um falsche Schlüsse zu ziehen:

APlogoBEISPIEL: Als Premierminister Benjamin Netanyahu im März 2015 wiedergewählt wurde, machte der Associated-Press-Reporter Dan Perry abfällige Bemerkungen über die Resultate, weil Palästinenser nicht wählen durften.

Doch unter den Israelis gibt es die zunehmende Angst vor der Tatsache, dass ihr aus 8 Mio. Menschen bestehendes Land auch um die 2,5 Mio. Palästinenser im Westjordanland kontrolliert, die kein Stimmrecht für ihr Parlament haben.

Fügt man der Gleichung die 2 Mio. Palästinenser im Gazastreifen hinzu, einem indirekt von Israel dominierten Gebiet, dann wäre das Heilige Land zusammen mit den 2 Mio. arabischen Bürgern Israels Heimat einer Bevölkerung von um die 12 Millionen Menschen, gleichmäßig aufgeteilt in Araber und Juden.

Von den Arabern hat nur ein Drittel Stimmrecht. Das sind die „israelischen Araber“, die in den Gebieten leben, die im israelischen Unabhängigkeitskrieg, der die Grenzen des Landes festlegte, zum Land Israel geworden sind.

Die Fakten sind absolut zutreffend: Palästinenser im Westjordanland sind keine israelischen Staatsbürger und können bei Wahlen in Israel nicht wählen. Das bedeutet aber nicht, dass Israel ihnen das Wahlrecht entzogen hätte.

Der Grund, warum die bei der Palästinensischen Autonomiebehörde lebenden Palästinenser nicht wählen, ist, weil sie bei Wahlen der Palästinensischen Autonomiebehörde ihre eigenen Führer wählen. Seit 2006 haben sie dies allerdings nicht mehr getan; für 2010 angesetzte Wahlen wurden wegen der Fehde zwischen Hamas und Fatah niemals abgehalten, aber das ist ein internes palästinensisches Problem.

BEISPIEL: Während Operation Wolkensäule im Jahr 2012 sagten Kritiker, Israels Raketenabwehrsystem Eiserne Kuppel sei so erfolgreich, dass es Militäreinsätze der IDF unnötig und unverhältnismäßig mache. Ein Beispiel hierfür war ein Tweet von Anthony De Rosa, damals ein Social-Media-Redakteur für Reuters. Die Antwort eines Lesers beendete diese Konversation schlagartig.

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BEISPIEL: Die Behauptung von Menschen wie dem BBC-Reporter Jeremy Bowen oder dem politischen Kommentator Peter Beinart, Israel „besetze“ Gaza. Der Gedanke hinter dieser Behauptung ist, dass Israel (und Ägypten) die Land- und Seegrenzen des Gazastreifens sowie auch dessen Luftraum kontrollieren. Aber ein genauerer Blick auf die Logik hinter den Argumenten zeigt, dass Israel Gaza nicht besetzt hält.

Beim Abzug aus Gaza im Jahr 2005 brach Israel alle Siedlungen ab, evakuierte alle Siedler und zog alle IDF-Soldaten aus dem Gazastreifen ab. Die Blockade erfolgte zwei Jahre später, und zwar als Antwort auf die gewaltsame Machtübernahme der Hamas.

Grenzcheckpoints sind keine Funktion einer „Besatzung“, und Militäreinsätze entsprechen dem Selbstverteidigungsrecht gegen feindliche Terrorhandlungen. Was Gazas Luftraum betrifft, so haben international sanktionierte Koalitionen Flugverbotszonen in Bosnien und Herzegowina, Iraq und Libyen beschlossen, ohne dass es zu irgendwelchen Rechtsfragen über „Besatzung“ gekommen wäre. Ebensowenig gab es Behauptungen, die USA habe Kuba „besetzt“, als sie die Insel während der Kubakrise 1962 blockierte.

Nächsten Monat folgt das nächste Kapitel dieser Reihe: „Verzerrung von Tatsachen: Fakten werden als falsch dargestellt.“

„Red Lines: The Eight Categories of Media Bias“ ist auf Amazon als E-Book erhältlich.

APs verworrene Mathematik

17. Juli 2016

Yarden Frankl, HonestReporting, 7. Juli 2016

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KLARSTELLUNG

Eine Quelle bei AP hat bestätigt, dass die Urversion der Story folgenden Satz enthielt: „Etwa 200 Palästinenser, von denen Israel die meisten als Angreifer bezeichnete, wurden im selben Zeitraum getötet.“ Die fett gedruckten Wörter tauchen in der von Sky News Australia überarbeiteten Version nicht auf.

Während die AP-Story noch immer ernste Fragen aufwirft (siehe unten), ist Sky News Australia für das Herauslassen wesentlicher Zusammenhänge verantwortlich.

* * *

In einem Bericht über Israels Antwort auf kürzliche Anschläge setzt die Associated Press die palästinensischen Terroranschläge gewaltig herab. AP schreibt:

Palästinenser haben seit September Dutzende Anschläge verübt und dabei 34 Israelis und zwei auf Besuch befindliche Amerikaner getötet. Etwa 200 Palästinenser wurden im selben Zeitraum getötet.

Wie viele Anschläge haben die Palästinenser in dieser Zeit verübt? Das israelische Außenministerium sagt:

Es gab 155 Messerangriffe (darunter 76 Versuche), 96 mit Schusswaffe, 45 mit Fahrzeug (Ramm-Attacken) und eine Bus-Bombe.

terror-4monthsDas sind insgesamt 297 Anschläge. In der Sprache der AP wären das fast 25 Dutzend.

Zudem scheint AP die palästinensischen Opfer von diesen Anschlägen zu trennen. Der Nachrichtendienst sagt einfach nur, wie viele Palästinenser „im selben Zeitraum“ getötet wurden. Dadurch erweckt AP den Eindruck, Israel handele grob unverhältnismäßig gegenüber unschuldigen Palästinensern — und das ist weit von der Wahrheit entfernt.

Und ein weiterer Satz ohne jeden bedeutungsvollen Kontext scheint die palästinensischen Anschläge sogar zu rechtfertigen. Als Beschreibung der umstrittenen Territorien schreibt AP einfach:

Israel nahm im Krieg von 1967 das Westjordanland und Ostjerusalem ein.

Zwar trifft das im Grunde zu, aber wer sich in der Geschichte der Region nicht auskennt, könnte annehmen, Israel habe diese Gebiete aufgrund eigener Aggressionen eingenommen. Dan Diker vom Jerusalem Center for Public Affairs sagt in unserem jüngsten Red-Lines-Video:

Es ist eine Tatsache, dass sich Israel verteidigte. Die UN sagte 1967 in der UNSC-Resolution 242, dass Israel bei diesem Krieg (von 1967) Verteidiger war. Auslandsreportern obliegt es also, eine Zeile zu schreiben — vier Wörter –, dass Israel die Ostseite Jerusalems und das ehemals von Jordanien besetzte Westjordanland in einem Selbstverteidigungskrieg eroberte… „in einem Selbstverteidigungskrieg erobert“ — das würde einem Bericht eine ganze Menge Kontext geben.

Es hätte AP nicht viele Worte gekostet, akkurat darzustellen, wie viele palästinensische Anschläge es gab und dass die meisten Palästinenser bei ihren Terroranschlägen getötet wurden und dass Israel die umstrittenen Territorien erst einnahm, nachdem es angegriffen wurde. Statt dessen ließ man wesentlichen Kontext aus und führt die Leser in die Irre.

NBC News: „Mutmaßlicher“ Terrorist ermordet israelischen Teenager

5. Juli 2016

Simon Plosker, HonestReporting, 30. Juni 2016

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Enttäuschenderweise wurde die Schlagzeile wieder geändert, diesmal um zu sagen, dass Hallel Yaffa Ariel auch amerikanische Staatsbürgerin war. Ihr Mörder ist für NBC News nicht länger ein palästinensischer Terrorist, sondern ein „palästinensischer Teenager“, womit die Sprache aufgeweicht und verwässert wird.

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UPDATE 2

Die Schlagzeile wurde angepasst und das Wort „mutmaßlicher“ entfernt. Der Eröffnungsabsatz, in dem bereits dasselbe Wort entfernt worden war (siehe Update 1), wurde noch stärker verändert. Das zutreffende Wort „Terrorist“ wurde leider unnötigerweise durch „Angreifer“ ersetzt.

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UPDATE 1

Einige Stunden nach dem Terrorakt entfernte NBC News das Wort „mutmaßlicher“ aus dem Eröffnungstext des Artikels. Dieser lautet nun: „Ein Teenager-Mädchen wurde im Westjordanland in ihrem Schlafzimmer von einem palästinensischen Terroristen erstochen, teilten israelische Beamte am Donnerstag mit.“

Die Schlagzeile blieb jedoch unverändert.

* * *

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Hallel Yaffa Ariel

Wie bestialisch muss die Tat eines Palästinensers sein, bevor die Medien sie als Terrorakt akzeptieren?

Die 13jährige Hallel Yaffa Ariel wurde von einem palästinensischen Terroristen in ihrem Schlafzimmer erstochen. Laut NBC News war der Mörder ein „mutmaßlicher Terrorist“:

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Es scheint kristallklar, dass dieser schreckliche Vorfall ein Terrorakt eines palästinensischen Terroristen war. Wie kann NBC News das Wort „mutmaßlich“ dem israelischen Militär oder israelischen Beamten zuschreiben, wenn im Artikel eingebettete Tweets vom IDF sowie vom IDF-Sprecher Peter Lerner klar feststellen, dass dies ein Terroranschlag war?

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Der leitende Redakteur von HonestReporting, Simon Plosker, sagte:

Selbst wenn NBC das Wort „Terror“ benutzt, können sie sich nicht dazu durchringen, es ohne Einschränkungen zu benutzen. Ein israelisches Teenagermädchen ist von einem palästinensischen Terroristen geschlachtet worden. Daran ist nichts „mutmaßlich“.

Wir haben NBC News um Korrektur gebeten.

„Wasser-Apartheid“ war nur eine geborstene Wasserleitung, aber den Medien ist das egal

25. Juni 2016

Daniel Pomerantz, HonestReporting, 16. Juni 2016

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Angeblich hat Mark Twain gesagt: „Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, ehe sich die Wahrheit die Schuhe anzieht.“ Und das ist genau das, was hier passiert ist.

Der Independent, die International Business Times, Radio New Zealand und die Times of London haben allesamt eine vollkommen falsche Al-Jazeera-Story übernommen.

Speziell der Independent tut sich als herausragendes Beispiel für Fiktion anstelle von Journalismus hervor und stellt Israel fälschlicherweise so dar, als verwehre es den Palästinensern im Westjordanland absichtlich das Wasser.

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Im Artikel steht:

Israel hat die Wasserversorgung für weiträumige Gebiete im Westjordanland unterbrochen, wie palästinensische Behörden behaupten.
Zehntausende Palästinenser stehen während des islamischen heiligen Monats Ramadan, einer Fastenperiode, ohne Zugang zu sicherem Trinkwasser da — zu einer Zeit, zu der die Temperaturen 35°C überschreiten können.

Zwischenzeitlich hat die International Business Times israelische Handlungen zweimal als „Wasser-Apartheid“ bezeichnet und schreibt dieses beleidigende Zitat lediglich vagen und ungenannten „Israelkritikern“ zu, impliziert jedoch, es wäre ein allgemein anerkannter Begriff.

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Doch wie sich herausstellte, war die „Wasser-Unterbrechung“ nichts weiter als eine geborstene Wasserleitung, die israelische Arbeiter bereits gewissenhaft reparierten. COGAT, die israelische Behörde, die Aktivitäten in den Palästinensergebieten koordiniert, postete ein Video der geborstenen Leitung.

Diese Storys stammten ursprünglich von einem Al-Jazeera-Artikel, der anfangs keinerlei Aussagen aus Israel enthielt. Nachdem HonestReporting Al Jazeera kontaktierte, setzte sich die Zeitung endlich mit israelischen Quellen in Kontakt und überarbeitete seinen Text.

Nun sagt Al Jazeera, dass es eine starke Reduktion der Wasserversorgung für das Westjordanland gegeben hat, erwähnt jedoch Israels Aussage, dass dies am Rückgang der verfügbaren Wassermenge lag. Danach wird Israels nationales Wasserunternehmen zitiert:

Alle Anlagen sind aktiv, und die Versorgungsmenge unterschreitet den Verbrauch. Kürzlich genehmigte die Wasserbehörde einen Masterplan für den Wassersektor, und demgemäß bauen wir die Systeme, welche den Verbrauch des Westjordanlands decken.

2015 beschuldigte Al Jazeera Israel der absichtlichen Flutung Gazas durch das Öffnen von Dämmen. Wie sich herausstellte, existierten die fraglichen Dämme erst gar nicht, und die Flut rührte von Regenfällen her. Als dies herauskam, machte Al Jazeera einen Rückzieher.

Wie eine Studie aus dem Jahr 2013 zeigte, ist das Wassermanagement im Westjordanland eine kontroverse und komplexe Angelegenheit, und viele der Probleme entstehen durch die Misswirtschaft der Palästinenserregierung und deren Weigerung, sich mit Israel zusammenzusetzen, um Aktivitäten rund um das Wassermanagement zu koordinieren.

Trotz der Widrigkeiten geht Israel weit über seine vertraglichen Verpflichtungen hinaus und bietet Palästinensern im Westjordanland Trinkwasser. Tatsächlich genießen Palästinenser im Westjordanland heute besseren Zugang zu Wasser als viele ihrer arabischen Nachbarn.

Zudem ist die Zahl der palästinensischen Häuser mit Zugang zur Wasserversorgung von 10% auf 95% gestiegen, seit Israel 1967 die Kontrolle über das Westjordanland errang, aber die Palästinenserbehörde verwaltet ihre Infrastruktur nur mangelhaft, was zu vielen Problemen führt wie zum Beispiel dem in diesem Artikel angeführten. All dies ist wichtiger Kontext, aber sämtliche Zeitungsberichte verschweigen ihn total.

HonestReporting hat Quellenmaterial zur Verfügung gestellt, welches die Vielzahl verbreiteter Mythen und tatsächlicher Fakten über das Wasser in den Palästinensergebieten erklärt.

Sowohl der Independent als auch die International Business Times widmen mehrere emotional suggestive Absätze der palästinensischen Perspektive über die Wassersituation im allgemeinen, aber ohne jegliche technischen Einzelheiten über die exakte Natur der angeblichen Versorgungsunterbrechung oder deren Ursachen.

Zum Ende des Artikels hin schafft es der Independent endlich, einige tatsächliche Fakten rund um die angebliche Versorgungsunterbrechung zu erwähnen:

Ein Sprecher der israelischen Regierung sagte dem Independent, in diesen Behauptungen läge „keine Wahrheit“, die Verknappung läge vielmehr an schadhaften Wasserleitungen.

Man sagte: „Vor einigen Stunden reparierte COGATs Zivilverwaltungsteam eine geborstene Wasserleitung, die die Wasserversorgung der Dörfer Marda, Biddya, Jamma’in, Salfit und Tapuach unterbrach. Der Wasserfluss wurde reguliert und funktioniert aktuell wieder.“

Wer war die Quelle für die Behauptung, Israel habe absichtlich die Wasserversorgung unterbrochen? Ein vager und nicht verifizierbarer Verweis auf eine Behauptung ungenannter „palästinensischer Behörden“.

Kurz: Der Independent kannte die Wahrheit, entschied sich aber trotzdem dafür, ein emotional aufgeladenes Stück verleumderischer Fiktion dahinzuschmieren und es dann zu veröffentlichen, als sei es Journalismus. Und die International Business Times scherte sich erst gar nicht um die Wahrheit.

Titelbild: enthält Elemente von Vectors by Vecteezy!

Voreingenommenheit #3: Als Nachrichten getarnte Meinungen

9. Juni 2016

Pesach Benson, HonestReporting, 2. Juni 2016

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Teil 3 einer achtteiligen Serie über die acht Kategorien der Medienvoreingenommenheit.

Voreingenommenheit #3
Als Nachrichten getarnte Meinungen

Es ist Aufgabe des Journalisten, Fakten wiederzugeben, ohne die eigene Meinung oder Interpretation einzuschieben.

Journalisten steht ihre eigene Meinung zu, und erfahrene Journalisten haben Erkenntnisse gemacht, die das Verständnis der Öffentlichkeit über aktuelle Entwicklungen bereichern kann und auch soll. Aber der richtige Ort für die Meinung oder Interpretation eines Journalisten ist der Kommentarbereich oder in Artikeln und Seitenspalten, die klar als Analyse gekennzeichnet sind.

Den Unterschied zwischen Fakten und Meinungen verschwimmen zu lassen, unterläuft die Aufgabe des Journalisten, die Fakten zu berichten und das Publikum sich sein eigenes Bild machen zu lassen.

Selbst korrekt als solche bezeichneten Kommentare erfordern ein gewisses Maß an Objektivität. Meinungen müssen auf akkuraten Informationen und gesunder Logik beruhen und respektvoll vorgebracht werden. Sind Kolumnisten, Sprechern oder Bloggern die Fakten egal, verdrehen sie die Logik oder lassen sich zu persönlichen Angriffen herab, wird der öffentliche Diskurs toxisch.

Hier ein Video mit Steve Linde und Gil Hoffman von der Jerusalem Post, Ruthie Blum von The Algemeiner und Dan Diker vom Jerusalem Center for Public Affairs, wie sie mit HonestReporting das Thema „Als Nachrichten getarnte Meinungen“ diskutieren:

BEISPIEL: Beim Interview einer Jüdin bei einem Pariser Solidaritätsmarsch nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo unterbrach sie der BBC-Reporter Tim Willcox und sagte:

Viele Kritiker an Israels Politik würden sagen, dass auch die Palästinenser sehr unter der jüdischen Hand leiden.

Es ist wichtig zu bemerken, dass Willcox „jüdisch“ sagte und nicht „israelisch“, womit er im Grunde das französische Judentum (und alle Juden) für die Taten Israels verantwortlich machte.

BEISPIEL: Am Wahltag 2009 erschienen die Gesichter von Ehud Barak, Tzipi Livni und Benjamin Netanyahu im Nachrichtenbereich des Evening Standard mit folgender (nachher veränderter) Schlagzeile:

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BEISPIEL: folgende Behauptung von Journalisten: „Israelische Siedlungen sind völkerrechtswidrig.“ (Zuweilen folgt dieser Aussage die bezeichnende Bemerkung: „Aber Israel bestreitet das.“) In Wirklichkeit ist die Meinung des Völkerrechts zur Rechtmäßigkeit der Siedlungen nicht ganz so klar und eindeutig. Eugene Kontorovich, Mitchell Bard, Eugene Rostow, Moshe Dann und Jeffrey Helmreich (und viele andere) erläutern den Grund. Helmreich schreibt zum Beispiel:

„Gaza und Westjordanland sind umstritten, nicht besetzt, und sowohl Israel wie auch die Palästinenser hegen legitime historische Ansprüche. Vor 1967 existierte keine palästinensische Souveränität in Gazastreifen und Westjordanland. Juden haben eine tiefe historische und emotionale Verbindung mit dem Land, und, da ihre Rechtsansprüche denjenigen der Palästinenser mindestens gleichkommen, ist es für Juden völlig natürlich, Häuser in Gemeinden in jenen Gebieten zu bauen, genauso wie die Palästinenser in ihren Gebieten bauen.“

WEITERE BEISPIELE beinhalten eine Kolumne von David Leonhardt über die US-Gesundheitsreform, die 2010 auf der Titelseite der New York Times erschien. Leser beschwerten sich bei Public Editor Arthur Brisbane, die Platzierung auf der Titelseite lasse die Grenze zwischen Nachricht und Kommentar in unangemessener Weise verschwimmen. Und die in Toronto ansässige Globe & Mail war Gegenstand einer Kontroverse, als der Reporter Jan Wong einen Amoklauf an einer Schule in Montréal dem in Quebec vorhandenen Rassismus sowie Sprachgesetzen zuschrieb.

Nächsten Monat folgt das nächste Kapitel dieser Reihe: „Fehlender Zusammenhang: Der Kontext beschreibt die Situation, in der etwas geschieht. Ohne einen Bezugsrahmen für die Leser können Journalisten das wahre Bild erheblich verzerren.“

„Red Lines: The Eight Categories of Media Bias“ ist auf Amazon als E-Book erhältlich.

Falschbehauptung der „Time“: Lieberman drohte mit dem „Mord an Palästinensern“

1. Juni 2016

Simon Plosker, HonestReporting, 25. Mai 2016

Die „Time“ berichtet über die Koalitionsvereinbarung zwischen Benjamin Netanyahu und dem Führer der Partei Yisrael Beiteinu, Avigdor Lieberman. Die Schlagzeile und der begleitende Tweet konzentrieren sich stark auf Liebermans Neigung zu bombastischen und kontroversen Aussagen.

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Drohte Lieberman wirklich mit dem „Mord an Palästinensern“?

Nein.

Im Artikel selbst, einer Wiedergabe der Meldung der Associated Press, steht:

Im Lauf der Jahre hat Lieberman Schlagzeilen für eine Reihe aufwieglerischer Kommentare gemacht. Einmal forderte er das Bombardement des ägyptischen Assuan-Staudamms und legte einen Umsturz der international unterstützten Palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland nahe. Erst vor einigen Wochen drohte er mit dem Mord an einem Hamasführer im Gazastreifen. Wiederholt hat er seine Skepsis über Frieden mit den Palästinensern kundgetan.

Es gibt einen bedeutenden Unterschied zwischen der Morddrohung an einem bestimmten Hamasführer im Gazastreifen und der Morddrohung an Palästinensern. Die Schlagzeile präsentiert Lieberman fälschlich als Befürworter eines Genozids.

Und nur für den Fall, dass die sensationsheischende Absicht des Schlagzeilenschreibers der Time in Frage stehen sollte, vergleichen wir sie mal mit der Originalschlagzeile von AP:

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Wir haben uns per Mail und per Twitter bei der Time beschwert.

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Kurz nachdem diese Kritik erschien — und ausgelöst durch Ihre Beschwerden, liebe Leser, und die unsrigen — änderte die Time ihre Schlagzeile zum AP-Original zurück: „Israel erweitert Regierung, Lieberman wird Verteidigungsminister“.

Die Sunday Times hält einen Vorschlag für etablierte Politik

27. Mai 2016

Yarden Frankl, HonestReporting, 22. Mai 2016

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Unter der Schlagzeile „Israel plant Todesstrafe für palästinensische Kämpfer“ stellt die britische Sunday Times die folgende Behauptung auf:

Israel ist im Begriff, die Todesstrafe für palästinensische Kämpfer einzuführen, nachdem Benjamin Netanyahu eine ultranationalistische Partei dazu eingeladen hat, seiner Koalitionsregierung beizutreten.

Bei dieser Schlagzeile und dem Artikeltext gibt es nicht nur eins, sondern gleich zwei dicke Probleme.

Das erste Problem ist die Verwendung des Wortes „Kämpfer“. Dieses Wort kann fast alle Menschen mit extremen Ansichten beschreiben. Fordert Lieberman wirklich die Todesstrafe für jeden Palästinenser, der als Extremist betrachtet wird?

Nein. Der von Lieberman unterstützte Vorschlag besteht in der Todesstrafe für überführte Terroristen. Zwar ist auch dieses Konzept kontrovers, aber es hört sich weniger extrem an, wenn akkurate Terminologie benutzt wird. (Siehe hierzu unseren Artikel und unser Video über irreführende Terminologie.)

Aber der irreführendste Teil von Schlagzeile und Artikel ist die Behauptung, der Staat Israel betreibe die aktive Planung solcher Gesetzgebung. Dies trifft schlichtweg nicht zu.

Nur weil ein Knessetmitglied, selbst ein baldiger Verteidigungsminister, eine bestimmte Sichtweise hat, macht es das nicht gleich zur nationalen Politik. Falls die israelische Regierung dies offiziell unterstützt und zur Regierungspolitik macht, es der Knesset zur Abstimmung übergibt, ist es nichts weiter als ein Vorschlag. (In diesem besonderen Fall hat Lieberman ursprünglich gewollt, dass Netanyahu seine Politik als Bedingung dafür akzeptiert, dass Lieberman sich der Koalitionsregierung anschließt. Zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels wird der Vorschlag immer noch diskutiert, obwohl es bedeutenden Widerstand innerhalb der Regierung gibt.)

Aber der Artikel der Sunday Times, der auch in anderen Medien weltweit erschien wie z. B. im Australian, versagt darin, seine Leser akkurat über die Details des Vorschlags und dessen Status zu informieren.

Die International Business Times nutzt die Schlagzeile „Israelische Regierung könnte Todesstrafe für palästinensische Kämpfer einführen„. Der Gebrauch des Wortes „könnte“ lässt die Leser zumindest wissen, dass es sich hier um eine Möglichkeit handelt und nicht um vollendete Tatsachen.

Ebenso erwähnt der Artikel:

Die Knesset, das israelische Parlament, hat Petitionen zur Ausweitung der Todesstrafe mehrfach abgeschmettert. 2015 brachte Liebermans Partei Yisrael Beiteinu einen Gesetzesvorschlag zur Erweiterung des Gebrauchs tödlicher Gewalt ein, was bei der ersten Lesung mit 94 zu 6 Stimmen abgelehnt wurde.

Es ist fair zu sagen, dass die Ernennung Liebermans nicht kontroversenlos geblieben ist. Aber die Medien haben die Verpflichtung, akkurat zu berichten und den Lesern eine informierte Meinung zuzugestehen.

Joe Hyams, Geschäftsführer von HonestReporting, sagte:

Die Verantwortlichkeit des Journalisten besteht in der Sicherstellung, dass der typische Nachrichtenleser auf vernünftige Weise zu einem informierten und zutreffenden Bild der Tatsachen vor Ort gelangen kann. Diese sensationsheischende Schlagzeile spiegelt mehr die Ansichten des Schreibers, als dass sie eine akkurate Beschreibung des Status des Vorschlags ist.

Foto von Nati Shohat / Flash 90.