Newsweeks Apartheid-Schlagzeile und die Reaktion eines Journalisten

Simon Plosker, HonestReporting, 10. April 2016

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Bei Newsweek erscheint eine regelmäßige Kolumne namens „Tel Aviv Diary“ von Marc Schulman, der seine persönlichen Ansichten über das Leben in Israel beschreibt. In seinem jüngsten Beitrag schreibt er über die aktuelle Kontroverse, ausgelöst durch einen israelischen Untersuchungsbericht, dass jüdische Mütter in israelischen Krankenhäusern ein separates Zimmer bekommen, wenn sie nicht mit israelischen Arabern zusammenliegen wollen.

Das Thema wurde durch Kommentare von Knessetmitglied Bezalel Smotrich und seiner Frau verschärft, die von Politikern sowohl aus dem linken wie aus dem rechten Spektrum zurückgewiesen wurden, darunter auch von Bildungsminister Naftali Bennett, dem Vorsitzenden von Smotrichs Partei HaBayit haYehudi.

Angesichts der unangenehmen Natur der Thematik und des möglichen Schadens für Israels Ansehen in der Welt formulierte Marc Schulman seinen Beitrag auf faire und ausgewogene Weise — was sehr für ihn spricht.

Leider gilt das nicht für die Schlagzeile:

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Im zweiten Absatz stellt Schulman klar, die Trennung von Juden und Arabern habe „stattgefunden, obgleich es der offiziellen Politik des Gesundheitsministeriums und der offiziell verkündeten Politik der Geschäftsführung jedes der betroffenen Krankenhäuser entgegensteht“.

Dies und die anschließende öffentlichte Entrüstung reicht, um zu zeigen, dass „Apartheid“ ganz gewiss keine offizielle Staatspolitik ist und auch nicht vom israelischen Volk gestützt wird.

Scheinbar beschwor die Schlagzeile einen Sturm auf den Autor Marc Schulman herauf, der auf seinem persönlichen Blog wie folgt darauf reagierte (Hervorhebungen von uns):

Ich glaube, ich habe recht gute Arbeit geleistet, indem ich die Fakten dargelegt habe, ohne gegenüber den meisten Akteuren übermäßig kritisch zu sein, und ich habe Bildungsminister Naftali Bennett sogar in ein relativ schmeichelhaftes Licht gerückt. Daher war ich von den Kommentaren sehr überrascht, die der Artikel hervorgebracht hat. Aber ich hätte gar nicht überrascht sein brauchen, nachdem ich die Schlagzeile gesehen habe. Vielleicht sollte ich anmerken: Ich habe keinerlei Kontrolle über die Schlagzeile, etwas, was einzelne Kritiker nicht zu erkennen scheinen. Wir schreiben eine Story, und die Redakteure oder die Schlagzeilenschreiber formulieren die Schlagzeile. Hierfür suchen sie nach etwas, das eine Verbindung mit der Story hat und die Leute zum Anklicken und Lesen des Artikels bewegen soll. In jenen Tagen, in welchen die Medien vor allem auf Papier verbreitet wurden, wurde die Schlagzeile als wichtig betrachtet, als ein Weg, die Aufmerksamkeit des Lesers zu erregen. Heute ist sie noch weit wichtiger — denn die Leser lesen in den Medien nicht mehr linear wie früher, sondern überfliegen die Schlagzeilen und suchen sich dann die Storys aus, die ihr Interesse erweckt haben.

Zwar war ich mit der Schlagzeile „Apartheid in der Entbindungsstation“ nicht einverstanden, aber es ist eine wirksame Schlagzeile und spiegelte zumindest bestimmte Aspekte der Story. Natürlich ist Wirksamkeit eine Funktion der Resultate, und dieser Artikel führte gewiss zu dem Ausmaß an Leserschaft und Interaktion, die sich eine webbasierte Nachrichtenorganisation wünscht. Mein Redakteur und der Chef von Newsweek schrieben mir sogar ein E-Mail und dankten mir darin für den Artikel. Ist die Schlagzeile hundertprozentig zutreffend? Nein. Israel innerhalb der Grenzen von 1967 ist kein Apartheid-Staat. Araber können jeden Beruf ergreifen, überall hingehen, überall leben. Gibt es in der israelischen Gesellschaft Rassismus und Diskriminierung? Ja, so wie in praktisch jeder Gesellschaft. Sind Apartheid, Rassismus und Diskriminierung im Gesetz kodifiziert? Nein. Natürlich ist die Lage im Westjordanland ganz anders, aber das gehört in einen anderen Artikel. Was jedoch stimmt, ist, dass es in unserer Situation eines immerwährenden Krieges viel zu leicht ist, in die Falle zu laufen und ein Apartheidstaat zu werden.

Zwar ist Schulman nicht für die Handlungen der Newsweek-Redakteure verantwortlich, aber er hat im Grunde zugegeben, dass trotz der im Artikel erwähnten Fakten die Prioritäten des Blattes darin lagen, das Wort „Apartheid“ in der Schlagzeile zum Generieren möglichst vieler Leser zu missbrauchen. Der Gebrauch dieses Wortes ist beleidigend und ein kruder Versuch (wie Schulman selbst zugibt), auf Kosten der Akkuratesse Traffic zu generieren.

HonestReporting weist diese unethische und unprofessionelle Praxis zurück und vertritt die Ansicht, die Newsweek-Schlagzeile solle abgeändert werden.

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2 Kommentare - “Newsweeks Apartheid-Schlagzeile und die Reaktion eines Journalisten”

  1. hmm Says:

    80% der Leser von solchen Medien lesen nur die Schlagzeile
    und damit wird diese zur Anschlagszeile.


  2. […] Magazin “Foreign Policy” bezeichnet die Hamas als palästinensische Widerstandsgruppe – Newsweeks Apartheid-Schlagzeile und die Reaktion eines Journalisten – Die New York Times und das jüdische Heimatland – Financial Times hält […]


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