Palästinenser gegen alle anderen: Die selektive Empörung der Medien, wenn Israel nicht beteiligt ist

HonestReporting, 26. Juli 2021

Im April 2015 gab Ahmed Tibi, ein Mitglied der Arabischen Gemeinsamen Liste des israelischen Parlaments, eine gewichtige Erklärung ab, mit der er die Kriegsverbrechen des Islamischen Staats (ISIS) an der syrisch-palästinensischen Bevölkerung verurteilte. „Was im Lager Yarmuk geschieht, ist ein Verbrechen gegen die Menschheit“, sagte er unter Bezugnahme auf die gewalttätige Übernahme des Flüchtlingslagers nahe Damaskus nur wenige Tage zuvor.

„Mehr als tausend Palästinenser wurden getötet“, versicherte Tibi.

Es fällt auf, dass diese Äußerung von praktisch allen Medien außerhalb Israels ignoriert wurde; die einzige Ausnahme war der Washington Examiner, der als einige große Nachrichten-Website Tibis Kommentare erwähnte. Die Tatsache, dass die Kommentare nicht berichtet wurden, war besonders bemerkenswert, wenn man im Hinterkopf hat, dass die Medien oft und ausgiebig alle seine Behauptungen über angebliche, von Israel begangene Verbrechen an Palästinensern berichteten (siehe z.B. hier, hier und hier).

Offenbar verdienen angebliche Verbrechen, die von Israel an Palästinensern begangen werden, mehr Aufmerksamkeit der Medien als tatsächliche Gräueltaten, die von anderen Akteuren an ihnen begangen werden.

Bevor 2011 der syrische Bürgerkrieg ausbrach, war Yarmuk Heimat für rund 160.000 palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen, was es zur größten solchen Gemeinschaft im Land macht. Das Lager wurde ursprünglich 1957 gegründet und hatte das Ziel arabische Flüchtlinge vor Israels Unabhängigkeitskrieg von 1948 zu beherbergen, bei dem fünf arabische Armeen den jungen jüdischen Staat angriffen.

Der syrische Bürgerkrieg zerstörte Yarmuk komplett. Bis Januar 2019 waren nur ein „paar Dutzend Familien“ im Lager übrig, es gab nur noch ausgebombte Gebäude und Schutt.

Nach Zusammenstößen zwischen Kräften von Anhängern und Gegnern Baschar al-Assads verhängte die syrische Regierung eine Belagerung des Bereichs. Zwischen Juli 2013 und Februar 2014 verzeichnete Amnesty International 194 Tote in Yarmuk, darunter 12 Babys, sechs Kinder und 41 alte Menschen. Zwei Drittel verhungerten; andere starben wegen fehlender medizinischer Behandlungen. In den folgenden Jahren brachten sich intensivierende Zusammenstöße, Luftangriffe und Artilleriebeschuss weitere Zerstörung und trieben die Todesopfer in Yarmuk auf geschätzte 1.458 hoch.

„Der syrische Präsident Baschar al-Assad hat mehr von uns getötet als Israel es in seinem letzten Krieg gegen den Gazastreifen gemacht hat“, sagte ein palästinensischer Flüchtling der New York Times am 16. Dezember 2012.

Eine große Datenanalyse durch HonstReporting offenbart hingegen, dass die meisten prominenten Medienorgane diese palästinensischen Toten weitgehend übersehen haben. Zum Beispiel erwähnten, als das syrische Regime während einer einwöchigen Bombardierungskampagne auf Yarmuk 20 Zivilisten tötete, nur fünf Artikel die getöteten palästinensischen Zivilisten.

Dann übernahmen während des Angriffs der Regierung auf Yarmuk im April 2015 Terroristen des Islamischen Staats für kurze Zeit die Kontrolle über das Lager. Nach Angaben des Botschafters der Palästinensischen Befreiungsorganisation in Syrien, Anwar Abed al-Hadi, hat ISIS palästinensische Bewohner „hingerichtet, geköpft und vergewaltigt“. Diese Behauptungen wurden von palästinensischen Quellen vor Ort bestätigt, erhielt jedoch wenig bis keine Aufmerksamkeit seitens der Mainstream-Medien.

Die Verbrechen von ISIS an Palästinensern beschränkten sich nicht auf den Angriff auf Yarmuk. Nach Angaben von UNRWA, der UNO-Organisation für palästinensische Flüchtlinge, töteten Bomben des Islamischen Staats von Januar bis Juni 2016 in der Umgebung von Qabr Essit – einem weiteren Flüchtlingslager in den Außenbezirken von Damaskus – mindestens 36 Palästinenser.

Eine Analyse von HonestReporting stellte fest, dass diese palästinensischen Opfer von ISIS-Gräueltaten von großen Medien wie der New York Times, der Washington Post, CNN, Los Angeles Times, Associated Press, Reuters, der BBC und anderen nicht ein einziges Mal erwähnt wurden.

Bei Verbrechen der Hamas gegen die Palästinenser wegsehen

Genauso schienen viele Medienorgane Verbrechen einen Persilschein zu geben, die von der Hamas an Palästinenser begangen werden, also von der Terrororganisation, die den Gazastreifen seit mehr als einem Jahrzehnt regiert. Am 24. Juli 2021 riefen Palästinenser in der Küstenenklave die Hamas und andere bewaffnete Gruppen auf, aufzuhören Waffen in Wohngebieten zu lagern. Der seltene Aufschrei folgte einer großen Explosion im Al-Zawiya-Markt in Gaza Stadt, bei dem eine Person getötet und 14 weitere verletzt wurden.

Obwohl mehrere Medien schnell über die Explosion berichteten (siehe hier, hier und hier), entschieden sie sich später die Nachrichten über die wahrscheinliche Beteiligung palästinensischer Terrorgruppen zu ignorieren.

Tatsächlich offenbart eine Untersuchung der journalistischen Berichterstattung über den Gazastreifen ein Muster selektiver Berichte, wenn es um palästinensisches Leid geht. Als zum Beispiel ein Gaza-Teenager letztes Jahr von einem Sprengsatz getötet wurde, an dem er arbeitete, wurde in den Medien dieser Vorfall nicht erwähnt, der offenbart, wie die Terrorgruppen im Gazastreifen Minderjährige für sich rekrutieren – eine Tat, die ein Kriegsverbrechen darstellt.

Und im Kontext des Gaza-Konflikts vom Mai 2021 gingen Organe wie die New York Times einen Schritt weiter: Sie spielten aktiv die Verbrechen der Hamas an deren eigener Bevölkerung herunter (siehe hier und hier).

Das syrische Regime und Terrororganisationen wie ISIS und Hamas sind für ihre völkermörderischen Taktiken und Menschenrechtsverletzungen bekannt. Dennoch scheinen große Nachrichtenorgane anscheinend blind gegenüber dem Leid gewöhnlicher Palästinenser, die in ihr Fadenkreuz geraten.

Die Medien-Apathie erstreckt sich allerdings auch auf vom Westen unterstützte Regierungen. Zum Beispiel geht es Palästinensern nicht sonderlich besser, die unter der autoritären Herrschaft der palästinensischen Autonomiebehörde (PA) in der Westbank leben. Aber während der Tod von Nizar Banat, einem palästinensischen Menschenrechts-Aktivisten, der in PA-Gewahrsam starb, Anfang des Monats beträchtliche Berichterstattung erhielt (siehe hier, hier und hier), war die den Menschenrechtsverletzungen der PA gewidmeten Aufmerksamkeit flüchtig.

Wo waren diese Presseorgane, als die USA Ramallah beschuldigten gegen Teilnehmer des Wirtschafts-Workshops „Frieden zu Wohlstand“ in Bahrain vorzugehen – und sie in einigen Fällen folterte – ein Paukenschlag von einem Vorwurf, der nur in Israel Schlagzeilen machte?

Wenn Israel nicht beteiligt ist, scheint Schweigen eher die Faustregel zu sein als die Ausnahme. Es scheint fast so, als ob einige palästinensische Leben mehr zählen als andere.

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