BBC Panorama entgleist

Simon Plosker, HonestReporting, 22. Juli 2015

jerusalem-light-rail-train-770x400

Hätte Israel entschieden, Jerusalems Straßenbahn solle die palästinensischen Bürger diskriminieren, indem sie ihre Stadtviertel vermeidet, so hätten die BBC und viele andere sofort die Schwerter ausgepackt. In Wirklichkeit bedient die Straßenbahn alle Einwohner Jerusalems, egal ob Juden, Christen oder Moslems.

Aber das hat die BBC nicht davon abgehalten, die Straßenbahn als Mittel zu missbrauchen, um die Palästinenser Jerusalems als die Opfer eines finsteren Plans darzustellen, die Stadt auf ihre Kosten zu „judaisieren“. Das Thema der BBC hierzu? Der Ausbau von Jerusalems Transportnetzwerk.

BBC Panorama, das wichtigste Format des Senders zum Thema Zeitgeschehen, strahlte am 20. Juli den Beitrag „The Train That Divides Jerusalem“ aus. Es ist ein voreingenommener und einseitiger Blick auf Jerusalem.

Hier der YouTube-Link (allerdings ist er in diesem Fall wohl nur innerhalb Großbritanniens erreichbar)

‚ALS JUDE‘ SPRECHEND

Der Filmemacher Adam Wishart stellt zu Beginn des Beitrags deutlich klar, dass er ein britischer Jude ist, der vor ca. 30 Jahren an einer zionistischen Lehrreise durch Israel teilgenommen hat, so als ob ihm seine Identität irgendeine spezielle Autorität über die Thematik des Beitrags verleihen würde. Im Beitrag selbst wird dann deutlich, dass Wishart weder für die britischen Juden spricht noch irgendwelche besonderen Kenntnisse über Jerusalem besitzt.

Das Eröffnungssegment vermittelt einen guten Eindruck darüber, worauf Wishart abzielt. Vermischt mit Filmclips palästinensischer Beschwerdeführer trägt er vor:

Jerusalem, eine alte Stadt mit nagelneuer Straßenbahn. Sie hätte dabei helfen sollen, die Stadt zu einen, aber sie führt zu weiterer Spaltung … Jetzt ist es für Juden leichter, in palästinensische Vorstädte zu fahren … Aber die Palästinenser hätten lieber, dass sie fortbleiben.

Dies zeichnet den Rahmen, durch welchen Wishart Jerusalem betrachtet — eine Stadt, die entlang ethnischer Linien getrennt sein sollte. Wenn es ihn so beschäftigt, dass Juden mit der Straßenbahn leichter in „palästinensische Vorstädte“ kommen, hat er dann auch die Tatsache erwogen, dass die Straßenbahn es umgekehrt auch palästinensischen Bewohnern Jerusalems erleichtert, zu Krankenhäusern, Einkaufszentren, Cafés, Kinos usw. zu gelangen?

AL-AQSA BEDROHT?

Schon bald wird klar, dass die Straßenbahn Wisharts Werkzeug ist, um gründlich auf dem Thema „geteilte Stadt“ herumzureiten. Aber das ist keine Trennung von Gleichen. In Wisharts Augen sind Palästinenser die Opfer von israelischen Juden. Als werden die muslimischen heiligen Stätten auf dem Tempelberg von einigen Juden bedroht, „die den Tempel auf dem Berg, den sie Tempelberg nennen, komplett neu errichten wollen, obwohl dort schon muslimische heilige Bauwerke stehen.“

Wishart interviewt Rivka Shimon, die eindeutig diese Haltung vertritt. Was er jedoch verschweigt: Shimon ist eine prominente Aktivistin des Women’s Forum for the Temple, einer von diversen kleinen jüdisch-nationalistischen Organisationen, die sich mit dem Status des Tempelbergs beschäftigen.

Diese Gruppen werden nicht nur als extremistisch betrachtet, sondern Wishart verschweigt ebenfalls, dass das wahre Thema, das in letzter Zeit diskutiert wurde, nicht der Neubau des Tempels ist, sondern der Zugang von Juden zum Tempelberg und ihr dortiges Gebetsrecht. Wie bei BBC-Berichten über Israel üblich, wurden auch hier wichtige Zusammenhänge einfach weggelassen. Muslimische heilige Stätten werden von Juden nicht bedroht, aber Wishart erwähnt erst kurz am Ende dieses Segments, dass es die explizite Politik der israelischen Regierung ist, dass Juden am Tempelberg nicht beten dürfen.

Als Wishart erzählt, wie Besucher der Tempel-Bewegung im November 2014 von Palästinensern auf dem Tempelberg angegriffen worden waren, sagt er:

Die Polizei betrat deshalb die Al-Aqsa-Moschee. Das mochten nur wenige Meter gewesen sein, aber für viele Muslime war dies das Überschreiten einer heiligen Linie.

Wishart schenkt dem Mythos Glauben, Israel habe die Moschee während des Palästinenseraufstands entweiht. Wer entweihte denn wirklich eine heilige Stätte? Wie HonestReporting anhand einiger akkurater Medienberichte damals schrieb, schossen die palästinensischen Aufständischen Feuerwerk aus dem Inneren der Moschee auf die Polizei, während sie sich hinter Möbeln verbarrikadiert hatten. Beim Versuch, die Türen der Moschee zu schließen, waren die Polizisten gezwungen, ein paar Schritte ins Gebäude hineinzugehen.

Aber warum sollten die Zusammenhänge die BBC kümmern, wenn sie Israelis als Aggressoren hinstellen kann — oder in diesem Fall als Schänder von muslimischen heiligen Stätten?

Später sagt Wishart:

Als ich vor 31 Jahren hier war, waren selbst meine heißblütigsten zionistischen Freunde nicht darauf aus, schnellstens an diesem Ort einen Tempel zu bauen. Jetzt nimmt die Idee Fahrt auf und erhält sogar Unterstützung vom Mainstream. Selbst ein Mitglied des neuen Regierungskabinetts unterstützt diese Idee. Mir kommt der Gedanke, dass dies sicherlich der letzte Widerstand der Palästinenser wäre, wenn einige Juden diese Idee noch weitertreiben.

Zwar existiert die Sehnsucht nach einem dritten Tempel, aber niemand „ist darauf aus, schnellstens an diesem Ort einen Tempel zu bauen“. Wishart hat eine sensationsheischende Hypothese aufgestellt, um das Bild von den extremistischen Israelis zu festigen.

Adam Wishart in der Jerusalemer Straßenbahn (Screenshot: BBC Panorama)

Adam Wishart in der Jerusalemer Straßenbahn (Screenshot: BBC Panorama)

EIN FIASKO DES KONTEXT

Der Mangel an Kontext erstreckt sich auch auf die Geschichte Jerusalems. Ohne Erwähnung, wie Israel die Herrschaft über ein wiedervereinigtes Jerusalem als Resultat des Sechstagskrieges erlangte, sagt Wishart einfach, Israel habe „1967 die Ostteile Jerusalems besetzt„. Er ergänzt: „Die hier lebenden Palästinenser bleiben wütend, dass sie sich unter israelischer Kontrolle befinden. Und die Straßenbahn fügt noch weiteres Leid hinzu.

Was Wishart seinen Zuschauern verschweigt, sind die Vorteile, die die palästinensischen Einwohner Jerusalems durch die israelische Souveränität haben, z. B. dieselbe nationale Versicherung und Gesundheitsversorgung, die alle Israelis genießen, und das Recht, in Israel zu leben und zu arbeiten. Diese Palästinenser haben auch die Möglichkeit, die israelische Staatsangehörigkeit anzunehmen. Und wo Wishart eine zwischen Juden und Arabern geteilte Stadt sieht, ist die Realität, dass Araber überall in der Stadt Wohnungen und Gebäude mieten oder kaufen können.

Für Wishart besteht jedoch eine Invasion von Juden in vorrangig arabische Bereiche, und das sieht er als problematisch. Nach dem Interview mit Rivka Shimon redet Wishart ausführlich mit Aryeh King, ebenfalls ein Vertreter von Ansichten, die nicht dem israelischen Mainstream entsprechen. Tatsächlich war King, ehemals ein Mitglied des Jerusalemer Stadtrats, im September 2014 von Bürgermeister Nir Barkat gefeuert worden, als er Barkats Plänen widerstanden hatte, Häuser für palästinensische Bewohner Ostjerusalems zu bauen.

Es mag im Fernsehen interessanter aussehen, wenn BBC und Co. Israelis interviewen, die politisch oder religiös extreme Ansichten vertreten, aber es ist nicht repräsentativ für den israelischen Mainstream.

EINE ‚ILLEGALE SIEDLUNG‘

Wishart sagt:

Ich frage mich, was der Zweck der Straßenbahn ist. Bietet ihre Endstation einen Hinweis? Sie verläuft im Norden durch die palästinensischen Viertel und schlängelt sich um das Flüchtlingslager. Was so kontrovers ist, ist die Endstation: eine israelische Siedlung — 1.000 Morgen Land, von Israel genommen, um eine schöne Vorstadt zu bauen. Wie alle Siedlungen in besetztem Gebiet betrachtet die internationale Gemeinschaft sie als illegal.

Ganz offensichtlich wäre kein BBC-Kommentar über Israel komplett ohne eine Erwähnung der „illegalen Siedlungen“. Wo ist diese Siedlung, die Wishart so kontrovers findet? Es ist Pisgat Ze’ev, eine nördliche Vorstadt von Jerusalem, und zwar innerhalb der Stadtgrenzen.

Haaretz schrieb 2012:

Das Nordjerusalemer Viertel Pisgat Ze’ev wurde hauptsächlich auf Land erbaut, das jüdischen Holocaustopfern gehörte. Dies wurde kürzlich von der Company for Location and Restitution of Holocaust Victims‘ Assets gemacht, die 2007 von der israelischen Regierung eingesetzt wurde, um Besitztümer von Holocaustopfern in Israel aufzuspüren und sie ihren rechtmäßigen Erben zuzuführen.

Das Land, heute achtstellige Schekel-Summen wert, wurde vor dem 2. Weltkrieg von europäischen Juden erworben — hauptsächlich aus Lettland und Estland, aber auch aus Rumänien und Belgien. Nur wenige überlebten den Krieg, und die meisten haben keine lebenden Erben.

Tatsächlich ziehen immer größere Zahlen von Arabern in die jüdischen Viertel Jerusalems wie z. B. Pisgat Ze’ev, das Wishart als Siedlung betrachtet. Aber Nuancierung war noch nie BBC-Politik, wenn es um jüdische Gemeinden jenseits der sogenannten Grünen Linie geht, da BBC-Journalisten nicht zwischen Jerusalemer Vierteln, etablierten Siedlungsblocks wie Gush Etzion und isolierten und manchmal illegal errichteten Außenposten tief in den umstrittenen Territorien unterscheiden. Für die BBC ist das alles dasselbe.

Wishart beendet seinen Beitrag mit einer letzten Botschaft an Israel, die er „als Jude“ formuliert:

Meine Reise brach mir das Herz. Als sich meine Großeltern für den Staat Israel einsetzten, hofften sie auf einen Ort der Zuflucht, der Toleranz, der Gleichberechtigung für alle. Während ich den letzten Zug zurück nehme, kann ich nicht glauben, dass es sich hier um jenen Ort handelt, von dem sie vor so vielen Jahren träumten.

Und das beschließt Wisharts Reise — eine, wo die Enttäuschungen und Herzensbrüche nur gegen Israelis und Juden gemünzt sind, die er als die einzige Seite betrachtet, die irgendwelche Verantwortung für Ereignisse und Umstände trägt.

Wishart hat ein Bild von Jerusalem gezeichnet, das die Bewohner von Israels Hauptstadt schwierig mit ihrem Alltagsleben vereinbar finden werden, denn in ihrem Alltag gibt es keine ständige Anspannung und Gewalt. Dass er Jerusalems Straßenbahn als Symbol und Ursache der Spannungen bzw. Schwierigkeiten in Jerusalem sieht, beweist nur, wie weit Wishart und die BBC geistig entgleist sind.

Bild: CC BY-SA StateofIsrael via flickr mit Modifikationen von HonestReporting

Advertisements
Explore posts in the same categories: Antiisraelismus, Araber, Europ. Medien und Nahost, Israel, Palästinenser

Schlagwörter: ,

You can comment below, or link to this permanent URL from your own site.

One Comment - “BBC Panorama entgleist”


  1. […] nahm eine gründliche Widerlegung des halbstündigen Beitrags vor, der selbst nach BBC-Standards als derart voreingenommen angesehen […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: