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Was die Universitäten über Israels Status auf ihrem Campus lernen können

17. Februar 2015

Gastautor, HonestReporting 9. Februar 2015 (übersetzt von Cora)

Cherryl Smith, PhD, ist emeritierte Professorin für Rhetorik und Gestaltung an der California State University, Sacramento. Ihr Blog ist Framing Israel.

In den postmodernen Universitäten, zumindest in den Sozial- und Geisteswissenschaften, sind Fakten, nun ja, nicht mehr faktisch, dem Staat Israel ergeht es dort übel. Statt Informationen über das Land ist über die letzten dutzenden von Jahren auf den College-Campus eine abstrakte Idee von Israel entstanden. Der jüdische Staat scheint die einzige Nation der Welt zu sein, die einen Boykott ihrer (derzeitigen) Produkte und akademischen Institutionen verdient. Die palästinensische Darstellung herrscht vor, aber es ist eine besondere, monolithisch palästinensische Darstellung, die zum Beispiel völlig außen vor lässt, dass die Palästinenser gegen den Boykott Israels sind.

Diese abstrakte Wahrnehmung Israels zeigt sich in unzähligen Foren auf dem Campus, in Vorlesungen, Protestdemonstrationen, zugehörigen Wahlkampagnen; hinzu kommen an vielen Universitäten jedes Jahr zwei Wochen Performance- Aktivismus, der die Studenten mit inszenierten „Checkpoints“, Photos von blutigen Opfern und emporragenden Pappen als „Apartheid“-Mauern konfrontiert.

32 Wissenschaftler haben in ihrer neuesten Sammlung „The Case Against Academic Boycotts of Israel“ die Kluft zwischen dem Status Israels und der Realität untersucht. Unter verschiedenen Themen sprechen sie auch die Verletzung der akademischen Freiheit an, die auftritt, wenn Akademiker nur auf Grund ihrer Nationalität boykottiert werden (R. Berman, G. Brahm und A. Romirowski; D. Hirsh, M. Nussbaum.), ebenso die Absurdität., die darin liegt israelische Institutionen zu verleumden, die nicht nur als Beispiel für multikulturelles Lernen und Lehren stehen können, sondern auch selber Bastionen der akademischen Freiheit sind; die Gründer der Bewegung des Israelboykotts bekamen ihr Abschlussdiplom von der Universität Tel Aviv noch während sie sich für den Boykott stark machten (S. Wolosky, I. Troen). Das Buch bietet außerdem eine prägnante, hochwertige Geschichte Israels (C. Nelson, R. Harris und K. Stein), die sehr nötig ist, da die Boykottbewegungen und ihre Agitationen gegen Israel einen erschreckenden Mangel an Interesse an nachprüfbaren Belegen, Dialog und die üblichen Erwartungen an eine akademische Debatte aufzeigt.

Eine Anzahl von Autoren in „Case Against Academic Boycott of Israel“ bestätigen die einseitige Präsentation des Vorhabens und Verfahren, wie andersdenkende Stimmen unterdrückt werden (S. Musher, J. Robbins). Außerdem werden Einwände von Studenten und Fakultäten gegen die Aussonderung des israelischen Staates, nur um Beifall zu bekommen, oftmals ignoriert (D. Divine, M Kotzin). Während Sprach-Codes und Empfindlichkeiten schon bei kleinsten Aggressionen an den Universitäten Mainstream sind, stellen etliche Autoren fest, dass jüdische Besorgnis über Antisemitismus abgewiesen oder schlimmer, lediglich als Wege betrachtet werden die Debatte abzuwürgen (R. Fine, K. Marcus).

Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf die Stellung Israels auf dem Campus richten, erkennen wir, dass eine Diskussion über dieses Thema nicht wirklich möglich ist. Die Richtigkeit der Behauptungen über Israel in den Boykott Planungen ist absolut nicht diskutierbar. Die einzige Frage, die gestellt wird, ist, ob oder ob nicht boykottiert wird und ob oder ob nicht die akademische Freiheit oder die professionelle Organisation, die den Boykott durchführt, Schade nehmen könnte. Bezeichnungen wie „Apartheid“ und „Kolonialisten“, die auf Israel angewandt werden, werden in den meisten akademischen Umgebungen nicht kontrovers betrachtet. Was bei den Diskussionen über Israel auf dem Campus fehlt, ist Israel selbst: seine Geschichte, seine Menschen, die derzeitige Situation, das alltägliche Leben und sein Platz im Nahen Osten.

Antizionismus an den Universitäten, so stellt die Mitherausgeberin Cary Nelson fest, wird so gesehen, als sei es für eine progressive Politik unerlässlich – unabhängig von Israels tatsächlichem Progressivismus, der alltäglichen Demokratie, der lebendigen Redefreiheit der Presse, der Religion und der Verpflichtung für die Rechte der Frauen, Homosexuellen, Minderheiten und all seiner Bürger.

Die Weigerung, die Realitäten in Israel anzuerkennen und daran festzuhalten die einzige Demokratie im Nahen Osten für einen Boykott auszusondern, sagt mehr über die Universitäten aus, als über das Thema Israel.

Die Vereinigung amerikanischer Studenten nennt ihren Israelboykott einen Lackmustest für die „Grundhaltung der Organisation zu Palästina“. Dabei wäre der derzeitige Status Israels möglicherweise nur in einem akademischen Umfeld ein Lackmustest, in dem die progressiven Qualifikationen des Einzelnen darauf beruhen an der Parteilinie festzuhalten und wo Fakten nicht bloß dehnbar, sondern nur dann akzeptiert werden, wenn sie in die vorherrschende Ideologie passen.

Israel fällt auf dem Campus auf, weil es unter den Studenten und einigen Professoren Widerstand gegen den Antiisraelismus der Universitäten gibt. Möglicherweise ist das die einzige große Veränderung im Mainstream der Campus-Politik. Als solches kann der Status Israels auf dem Campus als Warnung vor dem sich unkontrolliert ausbreitenden Dogmatismus und dem Mangel an Raum für gedankliche Vielfalt in dem Bereich dienen, den wir als Marktplatz der Ideen bezeichnen.

Foto: CC BY-NC-SA Xurxo Martínez via flickr mit Ergänzungen von HonestReporting

Amira Hass: Wenn nur Journalisten, die uns passen, willkommen sind

5. Oktober 2014

Pesach Benson, HonestReporting, 1. Oktober 2014 (Übs.: Yvaine de Winter)

JournalistsActivists

Was ist an diesem Bild verkehrt?

Die israelische Journalistin Amira Hass berichtete über eine Konferenz an der Bir-Zeit-Universität. Sie war ehrlich mit den palästinensischen studentischen Organisatoren, die bei der Veranstaltung aushalfen, und gab an, dass sie für Haaretz arbeitet.

Hass sagt, sie habe 20 Jahre lang über Veranstaltungen berichtet und Palästinenser am Ramallah-Campus interviewt und sei mit vielen von ihnen befreundet. Es gab keinen Grund zu glauben, die Konferenz am Dienstag mit dem Titel „Alternativen zur neoliberalen Entwicklung im besetzten palästinensischen Territorium – kritische Perspektiven“ sei anders als andere akademische Plaudereien, über die sie berichtet hatte.

In den vergangenen zwanzig Jahren war ich Dutzende Male in der Birzeit-Universität und saß dort bei verschiedenen akademischen Konferenzen im Publikum. Ebenso interviewte ich Universitätslehrkräfte auf dem Campus und auch außerhalb.

Aber dieser Dienstag war anders.

Zwei der Dozenten forderten Hass auf zu gehen.

Israelische Juden sind auf dem Campus nicht gestattet. Studenten könnten in die Konferenzhalle einbrechen, um gegen ihre Präsenz zu protestieren. Palästinensische Studenten brauchen eine sichere, israelfreie Zufluchtsstätte. Hass sollte angeblich gehen, um ihre eigene Sicherheit zu wahren. Es gab Gerüchte, die langjährige Haaretz-Kolumnistin sei angegriffen worden.

Hass’ Freunde sympathisierten mit ihr – einige verließen aus Protest sogar die Konferenz -, aber die lebhafte Lobby im Said Khoury Development Studies Building war nicht die geeignete Plattform, um über die Politik der Universität zu diskutieren.

Also ging sie.

Amira-HassAmira Hass

Ich weiß, wie es ist, als Reporter in einem Raum voller Leute zu sein, die dich nicht unbedingt bei sich haben wollen. Man fühlt, wie die Augen auf einem ruhen. Mental priorisiert man die Informationen, die man haben will, falls man zu einem vorzeitigen Abschied veranlasst wird. Man formuliert witzige Einzeiler im Geiste, um aufdringliche Leute zum Schweigen zu bringen.

Auch wenn man innerlich nervös ist, macht man seinen Job, denn das wird von professionellen Journalisten erwartet.

Und wenn man gehen muss, geht man. Die Geschichte schreibt man trotzdem.

Hass’ Reaktion war jedoch, ihre ungerechtfertigte Behandlung zu rechtfertigen:

Ich verstehe das emotionale Bedürfnis der Palästinenser nach einem sicheren Raum, der den Bürgern jenes Landes nicht zugänglich ist, das ihnen ihre Rechte vorenthält und ihr Land raubte. Als Linke jedoch hinterfrage ich die antikolonialistische Logik des Boykotts von linken israelisch-jüdischen Aktivisten. Solche Linke streben nach keinem Koscher-Zertifikat, während sie sich der Besatzung entgegenstellen und dem jüdischen Privilegien-Regime ein Ende setzen wollen.

Das Problem dabei ist, dass es hier nicht wirklich um „sicheren Raum“ geht, was durch die viele Zeit bewiesen wird, die Hass vorher an der Bir-Zeit-Universität verbracht hatte.

Hier geht es um die machtvolle palästinensische Bewegung gegen die Normalisierung der Beziehungen zu Israel. Diese Antinormalisierungsbewegung stellt sich Unternehmern entgegen, die mit Israelis arbeiten, gegen Friedensdelegationen an der gesellschaftlichen Basis, selbst gegen nichtpolitische Wohlfühlveranstaltungen wie eine Fußballklinik mit Lionel Messi und dem FC Barcelona.

Und zu verschiedenen Gelegenheiten hat die Antinormalisierungsbewegung auch Hass’ professionelle Kollegen bedroht, israelische Journalisten, die in der Westbank arbeiten. Hier einige Beispiele:

1. Unterbrechung einer Pressekonferenz in Ramallah wegen der Anwesenheit israelischer Journalisten.
2. Bedrohung des Lebens des erfahrenen arabisch-israelischen Journalisten Mohammed Najib, der Menschen auf Ramallahs Straßen für i24 News interviewte.
3. Der Beinahemord an Times-of-Israel-Reporter Avi Issacharoff.
4. Der Boykott von Aktivitäten am Internationalen Tag der Pressefreiheit, da diese vom US-Konsulat gesponsert wurden.

Hass besuchte Bir Zeit als Reporterin, suchte nach einer Story und blieb am Puls der Palästinenser. Das tun Journalisten im öffentlichen Interesse. Doch als Hass ihren Rauswurf aus Bir Zeit schönredet, schreibt sie als Aktivistin, nicht als Journalistin. (Hinsichtlich Haaretz und deren offen dargelegter politisierter Agenda überrascht das nicht wirklich.)

Ihre Antwort ist auch nicht so extrem wie die von Robert Fisk (Nachdem der britische Journalist 2001 von afghanischen Flüchtlingen verprügelt wurde, schrieb er: „Wäre ich ein afghanischer Flüchtling in Kila Abdullah, hätte ich genauso gehandelt. Ich hätte Robert Fisk angegriffen. Oder irgendeinen anderen Westler, den ich hätte finden können.“), aber sie begibt sich auf Glatteis gegenüber israelischen Reportern, die von Antinormalisierungs-Hitzköpfen angegriffen wurden und solche Übergriffe auch in Zukunft zu befürchten haben.

Bir Zeits Stellungnahme zu dem Vorfall skizziert die Politik des Campus als israelfreie Zone.

Die Universitätsgemeinschaft ist stolz darauf, dass sie den akademischen Boykott Israels wahrt. Dieser Boykott bezieht sich jedoch auf Institutionen, nicht auf Individuen, insbesondere im Falle von Personen, die bewiesen haben, dass sie wie Journalistin Hass auf der Seite der Menschlichkeit und Gerechtigkeit stehen.

Doch Hass war dort in ihrer Eigenschaft als Reporterin für Haaretz, einer israelischen Institution.

Was Bir Zeit in Wirklichkeit sagt, ist, dass nur Journalisten willkommen sind, die ihnen passen.

Als Journalistin sollte diese Politik für Hass unhaltbar sein, selbst wenn (oder sogar besonders weil) sie auf der Empfängerseite steht. Doch als Aktivistin gibt Hass letztlich ihr Einverständnis.

Bild: CC BY-SA HonestReporting, flickr/Keoni Cabral, Hass via YouTube/FrancePalestine

Chomsky ist nicht sicher, dass es BDS gibt

30. April 2014

Alex Margolin, HonestReporting.com, 28. April 2014

Bring Noah Chomsky auf deinen Campus und du weißt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, das die BDS-Frage aufkommt.

Und genau das geschah letzte Woche an der Brown University, wo Chomsky eine lebhafte Debatte über den Nahen Osten mit Dennis Ross führte, dessen Beteiligung an den Friedensgesprächen bis zu den Oslo-Vereinbarungen in den 1990er-Jahren zurückgeht.

Als sie zur Boykott-, De-Investitions- und Sanktions-Bewegung gefragt wurden, waren Ross und Chomsky von Anbeginn an unterschiedlicher Meinung zur Natur der Frage; sie übertönten sich gegenseitig und ließen den anderen kaum zu Wort kommen.

Ross sagte, er unterstütze die Bewegung allgemein nicht; sie fordere weltweite Wirtschaftsmaßnahmen gegen Israel, um das Land zu zwingen eine Menge palästinensischer Ziele zu akzeptieren. Dieses Herangehen ist falsch, denn es schafft eine Verbindung zu einer Einstaaten-Lösung, sagte er. Chomsky wich der Frage aus und sagte, die Bewegung existiert in der Praxis nicht, also sei darüber zu reden „totale Zeitveschwendung“.

Chomsky sagte aber, er unterstützt bestimmte Byokott-Bemühungen, darunter die, die Unternehmen ins Visier nehmen, die in der Westbank bauen.

Nach Chomsky gibt es also keine BDS-Bewegung, so wie es den Löffel im Film Matrix nicht gibt.

Was ist mit akademischen Boykotten?

Vor der Veranstaltung sagte Chomsky gegenüber The Herald, dass er die Boykottierung israelischer Universitäten nicht unterstützt. Er fügte hinzu, dass die USA auch an internationalen Verbrechen beteiligt sind und er würde nicht vorschlagen das MIT oder Harvard zu boykottieren.

Boykotte müssten „von Prinzipien geleitet“ und „zielgerichtet“ sein, um effektiv sein zu können, sagte er dem Herald.

Während Chomsky nicht ausdrücklich erklärte, dass er gegen die BDS ist, scheinen seine Worte „von Prinzipien geleitet“ und „zielgerichtet“ der BDS-Bewegung entgegenzustehen, die eine völlige wirtschaftliche, politische, kulturelle und sportliche Boykottierung Israels fordert. Sie hat außerdem kein Interesse an den internationalen Standards, die Israel das Existenzrecht einräumen. Sie ist also weder von Prinzipien geleitet noch zielgerichtet und damit ineffektiv.

Doch Chomskys Abneigung unverblümt seine Gegnerschaft zu BDS zu erklären, legt nahe, dass er versuchen könnte sich beiden Seiten anzudienen. Immerhin ist Chomsky für die Israel-Basher seit Jahren ein Held. Was würden die denken, würden sie erkennen, dass Chomsky er mit Israel nachsichtig ist?