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Von Hitler und Stalin zu Putin und Raisi: Warum das Herunterspielen des Bösen durch die Medien so gefährlich ist.

11. August 2022

Gil Hoffman, HonestReporting, 21. Juli 2022

In ihrem neuen Buch „The Newspaper Axis“ (University of California) schreibt Davis-Geschichtsprofessorin Kathryn S. Olmsted, dass viele amerikanische und britische Zeitungen es versäumten, den Aufstieg Adolf Hitlers in den 1930-er Jahren ernst zu nehmen.

Olmsted beschuldigte sechs der mächtigsten englischsprachigen Verlage der Ära des Zweiten Weltkriegs, aktiv „Hitler ermöglicht“ und ihren Einfluss genutzt zu haben ihn herunterzuspielen und sogar seinen Aufstieg zu fördern. Sie schrieb, dass William Randolph Hearst, dem 28 Zeitungen und eine Nachrichtenagentur gehörten, Hitler und seinen Stellvertreter Hermann Göring bezahlte, um Propaganda für seine Zeitungen zu schreiben.

Einer der Gründe, die sie anführt, war die Unterstützung des Isolationismus und die amerikanische Angst vor dem Verlust an Leben, sollten die USA in einen Krieg in Europa verwickelt werden. Darüber hinaus war die redaktionelle Entscheidung dieser Zeitungsachse von der Gegnerschaft zum langjährigen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt angetrieben.

Olmsted hält auch einen weitere Faktor fest: den Antisemitismus der Herausgeber der Zeitung.

„Sie machten sich Verschwörungstheorien zu jüdischer Einflussnahme auf die Regierung zu eigen und glaubten, die Juden selbst seien für den Antisemitismus verantwortlich zu machen“, erklärt eine Rezension der Washington Post zu „The Newspaper Axis“ und fügte hinzu: „Daher hatten sie wenig Verständnis dafür, dass die europäischen Juden durch Hitlers Hand litten und sie hatten den Verdacht, dass amerikanische Juden planten die Nation in einen Krieg zu zwingen – eine Unterstellung, die regelmäßig in ihren Leitartikeln auftauchten.“

Es ist kein Wunder, dass sogar der Molotow-Ribbentrop-Pakt vom August 1939, der es Berlin und Moskau ermöglichte Polen untereinander aufzuteilen und der Dreierpakt vom September 1940 zwischen Deutschland, Italien und Japan die Welt nicht aufweckte.

Das im Iran zur Schau gestellte Böse: Wo bleibt die Nachrichten-Berichterstattung?

Diese Woche, als der russische Präsident Wladimir Putin beschloss die Islamische Republik Iran als ersten Zielort für seine erste Auslandsreise außerhalb der ehemaligen Sowjetunion seit seinem Einmarsch in die Ukraine im Februar auszuwählen, machte er eine Pause von den Angriffen auf Zivilisten in der Ukraine, um ein Land zu besuchen, das an zahlreichenFronten kämpft, das regelmäßig Terroranschläge gegen Israel und den Jemen sponsert und Raketen auf ein amerikanisches Konsulat im nordirakischen Erbil schoss.

Haben die führenden Medienorganisationen der Welt es denn diesmal gut gemacht?

Die globale Nachrichtenagentur Reuters berichtete: „Ein aufkeimendes  Werben zwischen Russland und dem Iran ist eine unwillkommene Entwicklung für den Westen, die die USA mit Sorge beobachten wird, aber das ist noch längst keine geopolitische Veränderung.“

Die Wahrheit ist viel schlimmer, als die Art, wie Reuters das darstellt. Diese unheilige Allianz zwischen Moskau und Teheran gefährdet die gesamte Welt und wenn nicht bald gehandelt wird, könnte man sich an das Treffen später als an den charakterisierenden Augenblick im Versagen der internationalen Gemeinschaft die Welt sicher zu halten erinnern.

Derweil berichtete The Associated Press (AP), eine Nachrichtenagentur mit mehr als 130.000 Kunden, Putin habe die Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran gefordert, um eine „freie Entwicklung der Kooperation in allen Bereichen und ohne jegliche Diskriminierung“ zu gestatten.

„Vom Westen und seinen regionalen Rivalen in die Ecke gedrängt, hat die iranische Regierung die Urananreicherung intensiviert, ist hart gegen Dissens vorgegangen und macht Schlagzeilen mit optimistischen, unnachgiebigen Haltungen, die die iranische Währung Rial vor dem Absturz bewahren sollen“, hieß es in dem AP-Bericht. Er geht weiter: „Ohne eine Befreiung von den Sanktionen in Sicht ist die taktische Partnerschaft mit Russland zu einer des Überlebens geworden, während es so scheint, dass Moskau Teheran beim Schwarzmarkt-Ölhandel unterbietet.“

Das Framing und die Formulierung dieses Artikels löst Mitgefühl für den Iran aus und ganz so wie Reuters macht er den Westen zum eigentlichen Bösewicht.

In einem Text der New York Times, der sich auf Putin und den Iran als „gemeinsam Ausgestoßene“ bezieht, wird Israel nur einmal erwähnt – in einer Erklärung, warum Putin seine Beziehungen zum Iran nicht früher vertiefte.

Dass der Iran, unterstützt von Putin, Atomwaffen anstrebt und dabei beträchtliche Fortschritte macht, wird gar nicht erwähnt.

Ähnlich berichtete CNN, dass der iranische Präsident Ebrahim Raisi bei seinem Treffen mit Putin ein erhebliches Engagement für Sicherheitskooperation zwischen den beiden Ländern bejubelte; er sagte, die beiden Staaten hätten „gute Erfahrungen“ bei der Bekämpfung von Terrorismus.

Warum wird nicht erwähnt, dass der Iran der Top-Terrorsponsor der Welt ist? Vom Iran finanzierte Gruppen, darunter Hamas und Hisbollah, werden sowohl von den USA als auch der Europäischen Union als Terrororganisationen eingestuft.

Schließlich berichtete die weltweit tätige französische Nachrichtenagentur AFP in einem unkritischen Artikel, der als Posse hätte missverstanden werden können: „Teheran versicherte am Mittwoch, dass seine Atompolitik sich nicht verändert hat und dass es weiterhin an einer Fatwa festhält, die Massenvernichtungswaffen verbietet, nachdem ein offizieller Vertreter des Iran sagte, das Land sei in der Lage Atombomben zu bauen.“

Zu wenig berichtet: Die Verbindung zwischen Putins Iran-Besuch und Bidens Nahost-Reise

Zu Putins Iran-Besuch ist entscheidender Kontext ausgelassen worden, was ein durchsichtiger Versuch war US-Präsident Joe Bidens im Fokus der Öffentlichkeit stehender Reise bei Feinden der Islamischen Republik etwas entgegenzusetzen: Israel und Saudi-Arabien.

Während seiner Reise in den Nahen Osten bestätigte der Präsident die starke Allianz zwischen Amerika und dem jüdischen Staat und versuchte die Beziehungen zu den Saudis zu reparieren.

In krassem Gegensatz zu Putins Besuch in Teheran pries ein offizieller Twitter-Account mit Verbindung zum Obersten Revolutionsführer Ali Khamenei den russischen Präsidenten für seine „neuste Haltung gegen die Zionisten“.

Vom Präsidenten Russlands eingenommene aktuelle Standpunkte gegen die ZIonisten sind löblich.

Diese neue Weltordnung muss von den Medien anerkannt und darüber mit der nötigen Sorgfalt berichtet werden.

Jetzt, wo es offensichtlicher ist als je zuvor, dass die neue Achse des Bösen mit Wladimir Putin und dem Iran dabei kollaborieren die Welt zu einem gefährlicheren Ort zu machen, müssen die Medien die Welt wecken und dürfen das Böse nicht gewinnen lassen.

Das kann nur getan werden, wenn prominente Nachrichtenpublikationen aus der Geschichte etwas über die Gefahren der Verharmlosung des Bösen lernen, damit es sich nicht wiederholt.

Wie Russlands Einmarsch in die Ukraine Holocaust-Verzerrung schürt

17. März 2022

Gidon Ben-Zvi, HonestReporting, 10. März 2022

Russlands Einmarsch in die Ukraine und die furchtbare humanitäre Krise, die das verursacht, sind weltweit seit zwei Wochen das Top-Thema gewesen. Prominente Nachrichtenorganisationen haben über die sich schnell entwickelnden Entwicklungen vor Ort sowie ihre möglichen langfristigen geopolitischen Auswirkungen berichtet. Dabei ist ein beunruhigender Trend aufgetaucht: die Verwendung von Analogien zum und Bildern vom Holocaust in Bezug auf diesen Konflikt.

Die Zerstörung, die von Europas heftigster militärischer Krise seit dem Zweiten Weltkrieg verursacht wird, ist unbestreitbar schrecklich.

Aber in der Ukraine findet derzeit kein Völkermord – wie die systematische Auslöschung von rund 6 Millionen Juden durch die Nazis – statt.

Entsprechend zeichnen die Medien, in den meisten Fällen ungewollt, ein verzerrtes Bild der aktuellen Lage und verringern damit das Ausmaß, die Erinnerung und die Lektionen aus dem Holocaust, indem sie unkritisch den Sprachgebrauch verbreiten, der von Führungspolitikern weltweit verwendet wird.

Bedenken Sie das folgende Zitat aus einem Artikel der Washington Post vom 6. März mit der Überschrift: Israelischer Premierminister Bennett sagt, zwischen Ukraine und Russland zu vermitteln ist eine „moralische Verpflichtung“.

Der Botschafter der  Ukraine in Israel, Jevgeni Korniytschuk ging weiter … und beschuldigte [Israel] die Geschichte der Ukraine bei der Hilfe für Juden während des Holocaust zu vergessen.

Ein weiteres Beispiel findet sich in einem Text von CNN vom 5. März mit der Überschrift Israels angespannter Balance-Akt zwischen Russland und der  Ukraine:

Gleichzeitig muss Israel andere kritische Interessen schützen. Als Staat, der infolge des Holocaust als sichere Zuflucht für das Weltjudentum geschaffen wurde, zahlt Israel einen Preis dafür, dass es angesichts einer raubtierhaften Macht zu schwanken scheint, die Jagd auf einen schwächeren Staat macht.

Derweil veröffentlichte Business Insider am 8. März Chuck Shumer sagt „in der Ukraine ist ein Holocaust im Gang“ während Milliarden Hilfe ins Land geschickt werden sollen:

Den Ukrainern fehlen Lebensmittel, ihnen fehlt es an allem, ihnen fehlen Bunker, Strom, Medikamente – wir müssen ihnen diese Dinge besorgen. Da ist ein Holocaust im Gang. Wenn du siehst, dass Menschen an Bussen Schlange stehen, nur um eine Konfliktzone zu verlassen, und Putins Artilleriegranaten diese Busse beschießen, dann ist das untermenschlich, unter jeder Würde.“

Außerdem haben die Führer sowohl Russlands als auch der Ukraine den Holocaust beschworen. Ein Text in der New York Times vom 23. Februar zitierte unkritisch wie folgt eine der Rechtfertigungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin dafür den Krieg zu beginnen:

„Ich habe die Entscheidung getroffen eine militärische Sonderoperation auszuführen“, sagte Putin. „Ihr Ziel wird sein Menschen zu verteidigen, die seit acht Jahren Verfolgung und Völkermord durch das Regime in Kiew erleiden. Dafür werden wir die Entmilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine anstreben…“

Der ukrainische Präsident Wolodymir Selensky seinerseits wurde in einem Artikel des Guardian vom 2. März mit dem Titel Ukraines Präsident bittet Juden weltweit sich gegen Russland zu äußern folgendermaßen zitiert:

„Ich spreche jetzt zu allen Juden der Welt – seht ihr nicht, was passiert? Es ist gerade jetzt sehr wichtig, dass Millionen Juden weltweit nicht weiter schweigen. Nazitum wird in Schweigen geboren…“

Warum der Holocaust anders ist

Die humanitäre Krise, die sich in der Ukraine entwickelt, ist katastrophal und ein Großteil der Welt tut zurecht seinen Teil das weit verbreitete Leiden zu lindern.

Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat zudem eine Ermittlung zu möglichen russischen Kriegsverbrechen eröffnet.

Wie dem auch sei, der Holocaust war grundlegend anders. Nazi-Deutschlands mörderisches Handeln gegen das jüdische Volk war von einer Vernichtungsideologie getrieben.

Hitlers Endlösung strebte an jeden Juden überall auszurotten.

Und das so sehr, dass der Begriff „Völkermord“ in direkter Reaktion auf den Holocaust geprägt wurde. Danach wurde eine juristische Definition des Begriffs in der Konvention zur Verhinderung und Bestrafung des Verbrechens des Völkermords von 1948 formuliert und kodifiziert

Warum Holocaust-Verzerrung so gefährlich ist

Laut der Internationalen Holocaust-Gedenkallianz (IHRA), deren Arbeitsdefinition für Antisemitismus von Dutzenden Ländern, einschließlich der USA, übernommen wurde, sind Holocaust-Leugnung und -Verzerrung moderne Formen des Judenhasses. Der Ernst des Themas ist im Kontext rapide steigenden Antisemitismus besonders akut geworden.

Entsprechend verurteilte das Holocaust-Gedenkmuseum Yad Vashem in Jerusalem am 27. Februar Vergleiche zum Holocaust aus Propagandazwecken im Kontext von Russlands Militäreinmarsch in die Ukraine. Dani Dayan, der Vorsitzende von Yad Vashem, machte deutlich, dass der Diskurs zum Konflikt „von unverantwortlichen Äußerungen und völlig inakkuraten Vergleichen mit der Nazi-Ideologie und -Taten vor und während des Holocaust durchtränkt“ ist.

Die Notwendigkeit den Holocaust korrekt zu beschreiben und sich korrekt auf ihn zu beziehen ist heute besonders wichtig, angesichts der Existenz eines Regimes im Iran, das einmal mehr eine völlige Auslöschung von mehr als 6 Millionen Juden verfolgt. Ali Khamenei, der oberste Revolutionsführer des Iran, hat ausdrücklich zu Israels Vernichtung aufgerufen und für eine offizielle Politik der Holocaust-Leugnung und -Verzerrung geworben, die diese Vorstellung normalisieren soll.

Mit diesem Ziel finanziert und bewaffnet Khamenei weiter von den USA als Terrororganisationen eingestufte Palästinenser und andere Terrorgruppen, die eine „Achse des Widerstands“ gegen den jüdischen Staat bilden.

Der Iran arbeitet daran Atomwaffen zu erlangen, was die Islamischen Republik mit den Mitteln versorgt einen weiteren Holocaust auszuführen.

Die Rolle der Medien beim kontern von Holocaust-Verzerrung

Nach Angaben des US-Außenministeriums bedroht die Verzerrung des Holocaust „unsere Fähigkeit aus seiner Geschichte zu lernen“. In einem Schritt hin zur Sicherstellung, dass nie wieder ein Völkermord zugelassen werden soll, nahm die UNO im Januar eine von Israel vorgeschlagene Resolution an, die die Leugnung und Verzerrung des Holocaust verurteilt.

Die UNO-Vollversammlung nahm die Resolution im Konsens an – was bedeutet, dass sie ohne Einzelabfrage der Länder angenommen wurde.

Einzig der Iran stimmte dagegen.

Massengräuel wie die noch relativ frischen Völkermorde z.B. in Kambodscha, Ruanda, Bosnien und Darfur heben die Notwendigkeit hervor Vernichtungsregime und Doktrinen eindeutig zu identifizieren und zu bekämpfen.

Indem sie es versäumen dem falschen Narrativ entgegenzuwirken, dass der russisch-ukrainische Konflikt irgendwie gleichbedeutend mit einem neuen Holocaust sei, manipulieren Nachrichtenorgane praktisch die Definition von Völkermord und verringern so die Notlage derer, die im Lauf der Geschichte das  Ziel der totalen Vernichtung waren.

Die Kunst der Fragestellung

1. September 2009

HonestReporting Media BackSpin, 1. September

Einige europäische Offizielle vermuten, dass Israel für das Verschwinden der Arctic Star gewesen sei, die kürzlich im Ärmelkanal aufgefunden wurde. Beleg dafür gibt es keinen, aber der Vorfall wirft etliche Fragen auf.

Ich bin beeindruckt, wie Time die Geschichte behandelt und Fragen zu Israel und Russland stellt – in verantwortungsbewusster Art und Weise. Unbestrittene Fakten werden herausgestellt, was nicht zutrifft wird eingeräumt und die Protagonisten im Original zitiert.

Und all dies ohne eine sensationell aufgemachte Doppelseite, die sich auf unbestätigte Behauptungen zu einem Vorfall aus dem Jahr 1992 stützten und zwischenzeitlich widerrufen wurden.

Memo an Donald-Bostrom, Jan Helin und Aftonbladet-Apologeten: Bei nicht vorhandenen Beweisen gibt es verantwortbare Wege für einen Journalisten, Fragen zu stellen.

Putin, Israel und die MSM-Schule der harten Schläge

17. September 2008

honestreporting.com Media BackSpin, 17. September 2008

Kolumnist Jay Bookman vom Atlanta Journal-Constitution zeigt auf, dass Wladimir Putin die Macht der MSM erfährt und zwar auf die harte Tour – genauso wie Israel während des Zweiten Libanon-Krieges:

Denn es [Russland, HE] wurde auf dem Schlachtfeld niedergekämpft, auf dem die meisten modernen Kriege heute entschieden werden: in den Medien.

Ich bin überrascht, wie mächtig die Propagandamaschine des so genannten Westens ist“, gab Putin zu und nannte es „atemberaubend“ und „verblüffend“.

Mehr ins Detail gehend sagte Putin, er sei vom Schweigen der Medien beeindruckt worden, als Georgiens Militär den Krieg damit begann, die zwei rebellierenden Provinzen mit Gewalt zurückzuholen…

Der letzte Krieg zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon bietet ein weiteres Beispiel für die Medien als entscheidendes Schlachtfeld.

Nach traditionellen Standards war der Krieg ein überwältigender israelischer Sieg. Das israelische Militär drang tief in den Libanon ein, fügte der Hisbollah weit mehr Verluste zu als es selbst erlitt und zerstörte zivile und militärische Infrastruktur.

Aber selbst israelische Offizielle geben zu, dass sie den Krieg verloren.

Die internationale Meinung schlug so heftig gegen sie aus, dass sie gezwungen waren, den Kampf abzubrechen, bevor sie ihre Ziele erreichten, wodurch sie der Hisbollah den Anspruch auf den Sieg überließen.

Bookman trifft den Nagel auf den Kopf. Es macht einen Unterschied, ob Journalisten sich überall an der Front herumtreiben oder ob die Kämpfe in einem Gebiet stattfinden, das normalerweise außerhalb des Wahrnehmungsbereichs der MSM liegt. In Kriegszeiten müssen sich militärische und politische Führungspersönlichkeiten mehr als je zuvor darum sorgen , welche Art von „gängiger Meinung“ von den Medien zusammengebraut wird.

Gadi Evron zum Cyberkrieg

20. August 2008

honestreporting Media BackSpin, 20. August 2008

Cyberkrieg spielt im Konflikt zwischen Russland und Georgien eine bedeutsame Rolle. Um besser zu verstehen, wie Cyberkrieg funktioniert und welche Bedrohung für Israel in diesem Zusammenhang besteht, hat Redakteur Pesach Benson von MediaBackspin ein Interview mit Gadi Evron geführt.

Evron war in leitender Position zuständig für die Sicherheit des Internetservice-Providers der israelischen Regierung sowie ehemaliger Begründer und Manager des Computer Emergency Response Team (CERT). Im letzten Jahr half er beim estnischen CERT aus, als russische Hacker zahlreiche Webseiten des baltischen Staates hackten. Evron bloggt auch zu Sicherheitsfragen im Internet bei Circle ID.

Was ist in Georgien passiert?

Technisch gesehen nicht viel. Sie attackierten die Webseiten mittels Dienstverweigerung durch gestreute Angriffe, was die Seiten entweder nicht aufrufbar machte oder einen Crash verursachte. Sie haben sie schlicht überschwemmt. Die wichtigsten Webseiten, etwa ein, zwei Dutzend, wurden von der Regierung Georgiens betrieben.

Verstörend an diesem Zwischenfall in Georgien ist, dass auch ganz normale Leute angegriffen wurden. Dabei können einfache Tools eingesetzt werden, die man aus dem Internet runterladen kann und für die auf russischen Webseiten geworben wird. All diese Leute dachten, dass sie in etwas hineingezogen werden könnten, was sie ernsthaft in Schwierigkeiten brächte. Sie dachten – aus patriotischer, stolzer oder anderer Motivation heraus – dass sie diese einfachen Werkzeuge benutzen und sich einmischen dürften.

Was steht für Israel auf dem Spiel, wenn Hacker einen organisierten und anhaltenden Angriff starten?

Jedes Land ist mit der Gefahr von Online-Angriffen konfrontiert. Der Unterschied besteht darin, ob der Online-Angriff einer der gerissenen Art ist, der hochsensible Infrastrukturen attackiert. Die Hart 4 z.B zeigte sehr realistisch die Auswirkungen auf die Luftverkehrsüberwachung. Das ist der schlimmste anzunehmende Fall. Im Fall Estland wurde der gesamte Online-Bankverkehr, der entscheidend für das tägliche Leben ist, ins Visier genommen. In Georgien lag das Hauptgewicht mehr auf der Sichtbarkeit Georgiens im Internet und seine Fähigkeit, mit der Welt zu kommunizieren.

Was können Sie uns über die Hacker sagen?

Wann immer es ethnische Spannungen gibt, so wie zwischen China und Taiwan, Russland und Georgien oder bei den Mohammed-Karikaturen, fühlen sich die Leute im Internet mit Macht ausgestattet. Es gibt überall lose verbundene Ad-hoc-Gruppen, die diese Angriffe lancieren. Von Hunderten täglicher Angriffe sind die wenigsten politisch motiviert. Sie geschehen überwiegend aus finanziellen Gründen oder aus simpler Boshaftigkeit. Pro-arabische und pro-israelische Hacker haben selbständige Webseiten von Banken, Zeitungen, Museen etc. angegriffen. Sie greifen eine Seite aus keinem anderen Grund an als dem, dass sie israelisch ist und verwundbar.

Die Attacken in Estland waren besser organisiert als jene in Georgien. Es war wie Online-Randale. Wir registrierten klare Anzeichen von Organisation, werden aber niemals in der Lage sein, definitiv zu beweisen, ob es ein Ad-hoc-Angriff war oder eine staatlich unterstützte und vorausgeplante Aktion.

Ich kann definitiv sehen, wie zukünftig Menschen die Blogosphäre benutzen werden, um Leute aufzuhetzen, zu hacken und online den Mob fernzulenken. Möglicherweise könnte jemand in Zukunft diese Info auf der Blogosphäre streuen und sie als eine Online-Form zur Lenkung des Pöbels nutzen.

Wie teuer käme es,einen Hacker mit der notwendigen Ausstattung zu fördern?

Die Kosten sind minimal und es erfordert keinen Zeitaufwand. Jeder kann sich beteiligen.

Welche Lektionen kann man daraus lernen?

Eine prompte Antwort darauf ist schwierig. Man kann nicht verhindern, dass bestimmte Dinge passieren, aber wenn sie geschehen sind, kann man danach beurteilt werden, wie man darauf antwortet und wieder Normalität herstellt.

Zweitens ist das Internet global. Sie können von überall her auf der Welt attackiert werden. Viele Computer sind von Trojanern und Botnets infiziert worden und können bei globalen Angriffen benutzt werden. Ein Computer irgendwo auf der Welt, der mit einem Botnet angesteckt worden ist, kann von einem Hacker ohne Kenntnis des Eigentümers kontrolliert werden. Wenn Sie 100 oder eine Million infizierte Computer kontrollieren, verfügen Sie über eine Armee. Sie können einen Befehl ausgeben und diese Computer werden machen, was Sie wollen. Dies unterstreicht die Wichtigkeit internationaler Zusammenarbeit.

Und bedenken wir zusätzlich: Das Internet ist perfekt geeignet für plausibles Abstreiten. Angenommen, Ihr Computer wird benutzt, um den Ihres Nachbarn zu hacken und dort Schaden anzurichten. Sind Sie dafür verantwortlich oder die Hacker? Um vor Gericht den Nachweis zu erbringen ist guter Rat teuer.

Wenn zwei gegeneinander Krieg führen, ist es dann für deren Bürger legal, eigenmächtig zu handeln, um die Websites des feindlichen Landes anzugreifen?

Das ist Neuland. Einige Länder haben eine sehr klare Gesetzgebung in Computerdingen. Wenn man angreift oder Wissen stiehlt, muss man dafür haften. Aber die Strafverfolgung muss daran interessiert sein, Verstöße zu verfolgen und die Beweise zu erbringen. Sagen wir jetzt einmal, Sie könnten beweisen, dass ein staatlich gelenkter Angriff stattfand, wie würden sie damit umgehen? Ist das ein Argument für Krieg? Im Internet dürften Sie wissen, wer Ihre Feinde, Rivalen und Gegner sind, aber Sie haben wahrscheinlich keinen Schimmer, von wem Sie angegriffen werden.

Sollten Hacker wie feindliche Kämpfer behandelt werden?

Ich sehe sie als Kriminelle. Feindlicher Kämpfer ist ein unscharfer Begriff mit vielen verschiedenen Bedeutungen.

Die staatlichen Webseiten Georgiens wurden auf Google Blogger umgelagert, während Einzelpersonen Twitter genutzt haben, um über die Kämpfe auf dem Laufenden zu bleiben. Was sagt dies über die Rolle der sozialen Medien in der Kriegsführung aus?

Ich bin kein Medienfachmann. Aber es ist logisch, dass in jedem Kriegsfall die Aggressoren versuchen würden, den Informationsfluss zu kontrollieren, und das Internet ist eine natürliche Ergänzung dazu. Es ist die neueste Form der Kommunikation, die wir haben.

Was kann Israel von Georgiens Bemühungen lernen, seine PR-Botschaft trotz aller Hackerangriffe weltweit zu verbreiten?

Georgien und Russland führten einen Medienkrieg, und sie sind Fachleute. Die ganze Medienkriegführung war äußerst extrem. Wenn man zwischen amerikanischen und russischen Nachrichtenseiten hin und her wechselt, kann man nicht feststellen, wer die Wahrheit sagt. Wahrscheinlich gibt es Beweise dafür, dass Georgien zu manchen Dingen nicht die Wahrheit sagte, um die Medien auf seiner Seite zu halten. Was wir von Georgien und Russland lernen können, ist deren Fähigkeit, die eigene Situation zu erklären und umfangreiche PR-Kampagnen zu lancieren. Das brauchen wir, und uns wurde deutlich aufgezeigt, an was es uns mangelt; uns itst gezeigt worden, wie Könner vorgehen.

Sind pro-israelische Webseiten im Ausland auch verwundbar?

Es gibt Websites außerhalb Israels, die gehackt worden sind, aber ich kann mich aus dem Bauch heraus an keine einzelne erinnern.

Was unternimmt Israel, um die Unversehrtheit seiner Internet-Infrastruktur zu schützen?

Keine Ahnung. Die Regierung ist mein ehemaliger Arbeitgeber. Dort müssen Sie nachfragen.

Welche Vorsichtsmaßnahmen können jüdische Websites treffen?

Zuerst sollten sie Sicherheit in ihr System bringen; sich vergewissern, dass ihre Systeme auf dem neuesten Stand sind, ebenso ihre Software, und sie sollten ihre Schwachstellen kennen. Alles, was gegen normale Hacker schützen kann, wird gegen Hacker mit Motiven schützen. Aber am wichtigsten ist, das Betriebssystem, die Programme und andere Sicherheitsmaßnahmen auf dem neuesten Stand zu halten.

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Krieg an der Cyberfront

13. August 2008

honestreporting Media BackSpin, 13. August 2008

Einige Nachrichten griffen das Thema „Russische Cyberattacken auf georgische Webseiten“ auf, die mit Beginn der Invasion einsetzten. Dazu die Christian Science Monitor:

Zuerst eröffnete Georgiens Außenminister wieder seine Webseite bei Google Blogger und gab Reportern seine Gmail-Adresse für den Kontakt zum Nationalen Sicherheitsrat.

Aber die NY Times erklärt, warum der Schaden nicht größer ausfiel:

Cyberattacken haben auf ein Land wie dieses weit weniger Auswirkungen als dies bei mehr Internet-abhängigen Nationen wie Israel, den USA oder Estland der Fall wäre, wo unerlässliche Dienste wie das Transportwesen, Energieversorgung und Bankenwesen untrennbar mit dem Internet verbunden sind.

Ein wahrscheinlicher Modus Operandi, wie von Tech News World beschrieben, könnte von arabischen Hackern übernommen werden, die es auf israelische Webseiten abgesehen haben:

Das Problem für Georgia und Außenstehende besteht darin, dass die kürzlich erfolgten Cyberattacken einem Muster folgten, das von mutmaßlichen russischen Kriminellen eingeführt wurde, die auf Online-Verbrechen spezialisiert sind.

„Die haben das schon früher so praktiziert“, so James Lewis, leitender Wissenschaftler für Technologiepolitik am Center for Strategic and International Studies gegenüber TechNewsWorld. „Es lohnt sich für alle. Die Kriminellen erhalten ein wenig Rückendeckung und die russische Regierung bekommt ein Ereignis geliefert, ohne dass ihre Fingerabdrücke zu erkennen sind. Das ist die Voraussetzung. Wie Estland haben wir keine Links zur russischen Regierung, aber es ist kein Zufall, das dies auf unerklärliche Weise passiert, wenn ein echter Krieg beginnt“.

Dazu passend: Hacking Back

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