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„Kein Wort, das ich in meiner Berichterstattung schreibe, überzeugt mich“

11. Februar 2010

HonestReporting Media BackSpin, 11. Februar 2010

Das Problem: Du und deine Hamas-Kollegen sind de facto Herrscher in Gaza, nachdem ihr euch den Gazastreifen vor zwei Jahren in einem blutigen Coup einverleibt habt. Aber ihr fühlt euch delegitimiert durch die Nachrichtenmedien, die weiterhin von der Hamas als „abgesetzter Regierung“ sprechen, weil Mahmoud Abbas die nationale Einheitsregierung auflöste und anstelle Ismail Haniyehs seinen Gefolgsmann Salam Fayyad zum Premier ernannte.

Die Lösung: Verbietet ausdrücklich Medienverweise auf die Hamas als „abgesetzte Regierung“.

Okay, genau das hat die Hamas ja auch gemacht – mit den palästinensischen Journalisten mittendrin. Fares Akram von Xinhua beschreibt die Situation in einem bemerkenswert offenen Beitrag:

Weil es wegen dieser Umschreibung die Nase voll hatte, gab das abgesetzte Informationsministerium der Hamas letzten Monat eine Erklärung heraus, die darauf abzielte, dass man „die  exakten Redewendungen definiert und die Irritationen bei der Verwendung mancher Begriffe auflöst.“

„Von einer abgesetzten Regierung zu reden, wenn man sich auf die palästinensische Regierung in Gaza bezieht, ist beabsichtigter politischer Sprachgebrauch, voreingenommen, unrechtmäßig und eine Verzerrung der Wahrheit“, so die Erklärung der Hamas.

Sie [die Erklärung; bd] bot den Journalisten Umschreibungen für die Nennung der Hamas-Regierung an. „Wir legen Wert darauf, dass Sie alternative Begriffe verwenden, die irgendwie fairer klingen – so wie ‚Palästinensische Regierung’ in Gaza, die ‚Palästinensische Regierung’ von Ismail Haniyeh oder die ‚Regierung in Gaza’.

Raed Lafi zufolge sind einigen Journalisten bei ihrer Wortwahl die Hände gebunden durch Richtlinien, die ihnen von den Nachrichtenagenturen oder Zeitungen vorgegeben werden. „Bei jedem Begriff, den ich in meiner Reportage verwende, bin ich verunsichert“, sagte er.

Die Hamas und ihre Apologeten stützen einen Großteil ihrer Legitimität auf Wahlen für ein Parlament, dessen Legislaturperiode vor kurzem auslief. Abbas genießt dank der Zustimmung des (demokratischen) Zentralrats der PLO eine Präsidentschaft ohne Ablaufdatum. In anderen Worten: die palästinensische Demokratie ist ein Riesendurcheinander.

Die Erwägung, wer – wenn überhaupt jemand –  ein Mandat dafür besitzt, das palästinensische Volk in Friedensgesprächen mit Israel zu vertreten, kann nur zu unangenehmen Fragen führen, die besser unter den Teppich gekehrt werden. Am besten ist wohl, die palästinensischen Journalisten in Gaza zerbrechen sich über diese Frage selbst den Kopf, oder nicht?