Posted tagged ‘Mubarak’

Haben wir die Vorgänge in Ägypten verstanden?

15. Februar 2011

HonestReporting Media BackSpin, 15. Februar

Zeit für eine Abgleichung mit der Realität: David Frum (via Jeffrey Goldberg) macht sich begründete Sorgen, dass wir Ägypten nicht so gut verstehen, wie wir uns das einbilden:

80 Millionen Einwohner. 17 Millionen allein in Kairo. 200.000 Demonstranten auf dem Tahrir-Platz. Nur diejenigen, die des Englischen mächtig sind, sind auf unseren Sendern zu sehen.

Wenn wir umgekehrt über die Attraktivität der Muslimbruderschaft in Ägypten reden – und gleichzeitig über die Anziehungskraft der Demokratie – reden wir über Sachverhalte, von denen niemand genug weiß und wahrscheinlich kaum jemand etwas wissen kann. Einer von sieben Ägyptern kann nicht lesen. Die Hälfte von ihnen leben von weniger als 2 Dollar pro Tag. Was denken diese Leute? Was wollen sie? Und eine weitere dringende Frage könnte sich dringend stellen: wer steuert, führt und kontrolliert, was sie denken und wollen?

Dank moderner Technologie erfahren wir eine Menge über die Ereignisse auf dem Tahrir-Platz und Mubaraks Abdankung. Aber die Story gibt mehr her, wie David Frum [richtig] andeutet.

Das unmittelbare Moment des Aufstandes ist abgeklungen, und westliche Journalisten wollen nicht mehr in Ägypten herumhängen. Jerusalem bleibt immer noch eine gastfreundlichere Nahost-Basis für das Presse-Korps und Korrespondenten, die aus anderen Pulsschlägen abgezogen wurden und in ihre Büros zurückkehren.

Wird sich irgendjemand die Zeit nehmen, langfristige Untersuchungen anzustellen, die Frums wichtige Fragen beantworten?

Al-Ahram setzt sich von Mubarak ab

8. Februar 2011

HonestReporting Media BackSpin, 8. Januar 2011

Klar, dass Mubarak sich in Schwierigkeiten befindet, wenn der Chefredakteur von Al-Ahram, der größten ägyptischen Tageszeitung, die sich bisher der Regierung gegenüber unterwürfig zeigte, auf der Titelseite einen Leitartikel bringt, der die Protestbewegung unterstützt.

Dazu die Daily Telegraph:

In einem Leitartikel auf der Titelseite lobte Chefredakteur Osama Saraya die „vornehme Gesinnung“, was er als “Revolution” bezeichnete, und er forderte, dass die Regierung mit unumkehrbaren Verfassungs- und Gesetzesänderungen beginnen solle.

“Der Staat und alle seine Bürger, die ältere Generation, die Politiker und alle einflussreichen politischen Akteure müssen in sich gehen und sich selbst einschränken, um die Ambitionen der Jugend und die Träume dieser Nation zu verstehen”, schrieb er.

Es gab keine Aufforderung zum Rücktritt an den Präsidenten, und während es sich noch zeigen wird, ob Al Ahrams redaktionelle Umorientierung taktischer Natur war oder echt, äußerten Anhänger der Opposition Erstaunen über die Entwicklung.

Herr Saraya hat sich seinen Ruf als verlässlicher Apologet des Präsidenten erworben.

Der letzte Satz ist kein Scherz: Erst letzten September veröffentlichte Al-Ahram ein manipuliertes Foto, das Mubarak mit anderen Nahost-Regierungschefs im Weißen Haus zeigt. Zu dieser Zeit beharrte Saraya darauf, dass das veränderte Bild nur einem illustrativen Zweck diente.

Ich hätte gerne gewusst, wie die ägyptische Tageszeitung selbst sich äußert, aber Saraya macht sich mehr Sorgen um seinen Kopf nach Mubaraks Abgang. Dieses arrogante Interview mit Menassat lässt bei mir die Haare heute nicht weniger zu Berge stehen als bei der erstmaligen Lektüre vor wenigen Jahren.

Al-Jazeera, Ägypten und erster Entwurf 2.0 der Geschichte

1. Februar 2011

HonestReporting Media BackSpin, 1. Februar 2011

Vorgestern äußerte sich unser Kollege Alex Margolin zur Rolle von Facebook und Twitter bei den Protesten in Ägypten. Es steht außer Zweifel, dass die sozialen Medien dabei eine Schlüsselrolle spielen. Aber es gibt eine Facette, die einer genaueren Überprüfung bedarf.

Die Rolle der Medien, speziell die von Al-Jazeera.

Professor Marc Lynch von der George Washington University würde sie nicht als „Twitter-Revolution“ bezeichnen, zutreffender aber als „Neue herkömmliche Medienrevolution“:

Ich gehe davon aus, dass Analytiker nicht von Auswirkungen der neuen Medien als einer Entweder-oder-Prämisse „Twitter gegen Al Jazeera“ ausgehen, sondern stattdessen an neue Medien denken (Twitter, Facebook, YouTube, SMS, usw.) und Satellitenfernsehen, das insgesamt eine komplexe und mächtige Medienlandschaft hervorbringt. Ohne die neuen sozialen Medien wären die eindrucksvollen Bilder der tunesischen Demonstranten niemals der erstickenden Unterdrückung des Ben-Ali-Regimes entgangen – aber es war die Ausstrahlung dieser Videos auf Al Jazeera, selbst nachdem deren Büro in ihrer Arbeit strikt behindert wurde, das viele jener Bilder einem großen arabischen Publikum zugänglich machte und sogar vielen Tunesiern, die anders nicht realisiert haben, was in ihrem Land abging…..

Al Jazeera und das neue mediale Ökosystem verbreiteten nicht nur Informationen – sie erleichterten die Rahmenberichterstattung der Ereignisse und eine robuste öffentliche Debatte über deren Bedeutung. Ereignisse selbst haben keine Aussagekraft. Damit sie [aber] eine politische Bedeutung gewinnen, müssen sie interpretiert, in einem bestimmten Zusammenhang gestellt und mit Aussagekraft gefüllt werden. Die Araber selbst sahen diese Ereignisse sehr bald als Teil einer allgemein narrativen arabischen Darstellung von Neuerung und volksgeleitetem Protest – die „Al Jazeera Geschichte“ einer arabischen Öffentlichkeit, die gleichermaßen die arabische Regime und die US-Außenpolitik herausforderte.

Ereignisse in Tunesien hatten Bedeutung für Jordanien, für den Libanon, für den Jemen, und für Ägypten deshalb, weil sie innerhalb dieser arabischen Geschichtsdeutung zusammengefasst und gedeutet wurden.

In Kairo gibt es jede Menge Journalisten, die für die englischsprachige Welt berichten. Al-Jazeera ist aber anders. Er sendet auf Arabisch und genießt einen Vertrauensvorschuss – ob verdient oder nicht – zusammen mit dem sprichwörtlichen arabischen Mann auf der Straße. Mubarak wusste, dass eine Nachrichtensperre vergeblich war, aber er kappte Al-Jazeera.

Warum ich das heraushebe?

Vermutlich erkannte Mubarak – nicht gut genug und zu spät – was sich Al-Jazeera ausgedacht hatte. Was wir gerne als „ersten Entwurf der Geschichte“ betrachten, kann nicht mehr als „Entwurf“ klassifiziert werden. Er generiert mehr zu einer wechselseitigen Verschmelzung professioneller „News“-Berichterstattung mit Verbuchungsstatus, Fotos, Videos, Ansichten etc. Doch es steckt mehr dahinter: Al-Jazeera und der Protest haben einen multiplizierenden Effekt, mit hineinwirkenden Informationen auf die jeweiligen Gesellschaften, und von dort aus auf die arabische Welt. In Real-Time – nicht weniger.

Al-Jazeera hatte Erfolg mit ihrem Anschluss an die Protestbewegung bei der Berichterstattung in Sachen „erster Entwurf der Geschichte 2.0“, die Mubaraks Geschichts-Einmaleins bedeutet.

Ägyptens Sicherheitsbarriere instrumentalisieren

22. Dezember 2009

HonestReporting Media BackSpin, 23. Dezember 2009

Der Jerusalem Post zufolge löst der neue Grenzwall eine Krise zugunsten der Hamas aus. Reporter Khaled Abu Toameh folgert daraus:

Eine ausufernde Konfrontation zwischen der Hamas und Ägypten wird zweifellos Mubaraks Position untergraben, weil sie ihn so darstellen wird, als unterstütze er die USA und Israel in ihrem Kampf gegen die Bewegung. Eine Konfrontation sendet zusätzlich das Signal aus, dass auch Mubarak in die „Belagerung“ des Gazastreifens involviert ist.

Die Hamas andererseits profitiert von der verfahrenen Situation eines Regimes, das von vielen Arabern und Muslimen als Marionette der Israelis und Amerikaner betrachtet wird. Und jeder mögliche Erfolg der Hamas ist auch ein Sieg für Damaskus und Teheran.

Ein Blick in die Berichterstattung der LA Times über den ägyptischen Sicherheitswall zeigt, dass das Spin Game schon in vollem Gange ist.

Leseempfehlungen heute

24. März 2008

honestreporting Media BackSpin, 24. März 2008

Macht der Symbolik. Hasbara ist nicht in der Lage, auf den Gebrauch von Symbolen durch die Hamas zu reagieren, die die Gefühle ansprechen.

Palästinensische Ausstellung zeigt Kinder im Verbrennungsofen. Raten Sie mal wer die Nazis sind.

Jüdische Gruppe will YouTube von antisemitischen Videos säubern. Eine deutsche jüdische Organisation geht gegen Google vor – wegen “Unterstützung und Aufruf zu Rassenhass und Diskriminierung auf YouTube“.

Weist die Journalisten aus! Da sich niemand Israels Al-Jazeera-Boykott angeschlossen hat, schlägt Noah Pollak vor, dass Israel ein Schritt weiter geht.

Land voll Milch und Firmenneugründungen. Endlich gute Nachrichten.

Einsame Bloggerin tritt gegen UNO an. UNO korrigiert Webseite, nachdem Liza Rosenberg auf eine Ketten-E-Mail reagierte.

Letztes Lebewohl. Antirassismusblog sagt „Genug ist genug“ (Sehr schade!, d. Übersetzer).

Zehn größte Zeitungen sollten sich zusammentun, um Yahoo zu kaufen. Ist es an der Zeit, herkömmliche Redakteure durch algorithmische Manager zu ersetzen, die Artikel auf hohe Zugriffszahlen pushen?

Mubarak wird in Moskau Nukleargeschäft abschließen. Der Atomreaktor wäre ab 2017 betriebsbereit.

Saddam Hussein erhielt von der PA Informationen über Zielorte in Israel. Dokumente belegen, dass Repräsentanten von Force 17 und Hamas in Kontakt mit dem irakischen Geheimdienst standen.

Gegen Associated Press den Spieß umdrehen.


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