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Mitgefühl für die Teufel

19. August 2013

HonestReporting Media BackSpin, 19. August 2013

Abbildung: Mahmoud Abbas feiert Freilassung palästinensischer Terroristen.

Der Economist meint, dass Israel bei der Freilassung von Gefangenen letzte Woche zu knauserig gewesen sei.

Als Maßstab für die Ernsthaftigkeit der Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern offenbart die Zahl der palästinensischen Gefangenen, die am Vorabend der Gespräche veröffentlicht wurde, düstere Aussichten, so Pessimisten. Als sich beide Seiten vor zwei Jahrzehnten zu Verhandlungen zusammensetzten, entließ Israel nach der Unterzeichnung des Osloer Abkommens im Jahr 1993 in einem einzigen Jahr 2.000 Palästinenser. In den folgenden Jahren ließ Israel durchschnittlich 1.000 Häftlinge pro Jahr frei. Danach sank die Zahl auf ein paar Hundert ab. Und nun, angesichts der neu aufgenommenen Gesprächsrunde, die am 14. August in Jerusalem begann, ließ Israels Ministerpräsident Benyamin Netanyahu nur 26 frei.

Und selbst dies hat in Israel Empörung ausgelöst.

Überrascht, dass sich der Economist so desinteressiert für den Schmerz israelischer Terroropfer zeigt?

Vielleicht ein wenig. Wie man weiß, begab sich das Blatt in genau die gleiche Kalamität, als es Abdelbaset al Megrahis Freilassung aus der Haft im Jahr 2009 verurteilte. Schottische Behörden hatten den Lockerbie-Bomber aus „humanitären Gründen“ freigelassen, nachdem bei ihm Krebs diagnostiziert worden war. Megrahi wurde bei seiner Ankunft in Libyen als Held empfangen und lebte noch drei Jahre.

Abbildung: Lockerbie-Attentäter Abdelbaset al-Megrahi als Held empfangen.

Was der Economist dann von sich gab, passt zu den 26 Mördern, die nun ihre unverdiente Freiheit genießen:

Der Grund, Herrn Megrahi aus der Haft zu entlassen, war weniger praktisch als symbolisch – die Gräueltaten, (270 Menschen getötet; 189 von ihnen Amerikaner), deren er schließlich im Jahr 2001 für schuldig befunden wurde. Terrorismus wird manchmal unscharf mit einer Art intellektueller Seriosität in Verbindung gebracht, die bei banaler Gewaltanwendung fehlt. Aber beim Lockerbie-Bombenanschlag handelte es sich um kaltblütigen Massenmord; Megrahis Verbrechen war schlimmer als das jedes anderen Häftlings in Großbritannien. Der Zweck der Haft besteht darin, die Ächtung der Gesellschaft zu bekunden, die Opfer zu rehabilitieren und potentielle Täter abzuschrecken; und aus moralischen Gründen hätte Megrahi bis zu seinem Tod eingesperrt bleiben müssen.

Wie kann man sich das neu entdeckte Mitleid des Economist für die Teufel erklären?

Es ist natürlich viel einfacher, Häftlingsentlassungen zu befürworten, wenn die Terroranschläge nicht in der eigenen Nachbarschaft stattgefunden haben. Falls man noch einen weiteren Beweis dafür braucht, denke man an die Empörung, als ein Diplomat die palästinensischen Häftlinge mit Anders Breivik verglich, der im Jahr 2011 in Norwegen bei einem Amoklauf 77 Menschen getötet hatte.

Entweder so, oder es braucht 270 tote Israelis, um die Aufmerksamkeit des Economist zu bekommen.

Wird die NATO den Lockerbie-Bomber ins Visier nehmen?

28. Juli 2011

HonestReporting Media BackSpin, 28. Juli 2011

Schlechter Zug, Freundchen.

Du sprengtest ein PanAm-Flugzeug über Schottland in die Luft und tötetest 270 Menschen. Dein Prostatakrebs und die Entlassung aus dem Gefängnis aus „humanitären Gründen“ wurden zu einem politisch heißen Eisen in den USA und Großbritannien. Dein ehemaliger Justizminister hatte gesagt, dass du den Anschlag auf Gaddafis Anweisung hin ausgeführt hattest.

Und nun bombardieren die Leute aus dem Westen, die darüber empört sind, dass du die medizinische Prognose überlebt hast, dein Land. Dein Patron, Oberst Gaddafi, liefert sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit einem anderen [syrischen] Autokraten um den Ruf als meist gehasste Person auf diesem Planeten.

Du hättest dich in deiner komfortablen Villa in Tripoli besser bedeckt halten, höflich von Gaddafi distanzieren und Formulierungen wie „kein Kommentar“ und „Ich fühle mich nicht gut“ gebrauchen sollen.

Stattdessen tauchtest du in einer vom Fernsehen übertragenen Kundgebung für Gaddafi auf. Nicht sehr klug.

Anfang dieses Monats berichtete die Daily Mail, dass die USA die libyschen Rebellen aufgefordert hatte, dich bei deren Einnahme Tripolis gefangen zu nehmen, damit man dir in den USA den Prozess machen kann. Natürlich wird Gaddafi dich töten lassen, bevor dies geschieht. Du weißt einfach zu viel.

Aber du bist dir auch der Tatsache bewusst, dass dein Wissen über Gaddafis Verstrickung in den Fall Lockerbie weniger wert ist als der Kampf des Großen Führers um sein eigenes Leben. Im Vergleich zu den Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wegen der Gaddafi unter Anklage in Den Haag steht, bist du plötzlich eine kleine Nummer.

Wenn dich also die NATO letztlich in einen Luftangriff tötet, wer wird dir dann eine Träne nachweinen? Gaddafi wird in seiner typisch wortreichen Art protestieren, aber im Innersten weißt du, dass deine Leiche nur etwas weniger Ablenkung vom Großen Führer bedeuten würde.

Abdelbaset al-Megrahi: Im Greenock-Gefängnis warst du besser dran. Hast du dir jemals vorgestellt, dass es so weit kommen konnte?