Posted tagged ‘Haroon Siddiqui’

Medienspickzettel 6. Mai 2012*

6. Mai 2012

HonestReporting Media BackSpin, 6. Mai 2012


Israel und die Palästinenser

• Die in Hungerstreik getretenen Palästinenser  waren Thema des Tages, aufgegriffen von den meisten großen Medien. NY Times-Reporter Jodi Rudoren bezieht sich auf  das gewaltfreie Element und darauf, wie wenig Resonanz es bei den Palästinensern vor Ort hatte.

Bisher fielen die Solidaritätsdemonstrationen klein aus. Etwa 30 Personen versammelten sich am Dienstag am Kontrollpunkt Beituniya außerhalb des Ofer-Gefängnisses; sie intonierten 15 Minuten lang Sprechchöre, bevor es zwei Stunden lang zu Zusammenstößen mit israelischen Soldaten und Grenzpolizisten kam, bei denen es mehrere Verletzte gab.

„Es ist offensichtlich, dass es den Leuten egal war“, sagte Rizek Fadayel, der am Dienstag im Zentrum von Ramallah demonstriert hatte – mit einer palästinensischen Flagge und einem gerahmten Foto seines im Hungerstreik befindlichen Sohnes Rami, begleitet von den schmetternden Klängen einer Band zum Maifeiertag.

• Ein Artikel von Associated Press kurz nach dem von Rudoren in der NYT spricht von etwa 500 Teilnehmern einer von der Hamas organisierten Demonstration für die Hungerstreikenden, dazu von weiteren 300 bei einer anderen Kundgebung, die vom Islamic Jihad organisiert worden war.

Toronto Star-Kolumnist Haroon Siddiqui lobt den antiisraelischen Akademiker Ilan Pappe als „Dissident“ und lässt ihn Israel beschuldigen, neben anderen Maßnahmen ethnische Säuberung zu betreiben.

Iran / Nukleare Aufrüstung

• Der Iran wird zum zentralen Thema der bevorstehenden Wahlen in Israel. David Frum geht davon aus, dass [die] Wahlen zu einem nicht geringen Teil von der Beeinflussung der Nuklear-Verhandlungen zwischen Iran und dem Westen bestimmt sind.

Da die Verhandlungen mit dem Iran in diesem Herbst an Intensität zunehmen werden, zielt Netanjahu auf ein starkes innenpolitisches Mandat ab, das von seiner Wiederwahl gestützt wirdund nicht von sich bedrohlich abzeichnenden Monaten vor ihm.

Ein Gastbeitrag in Ynet zum Thema kommt zu dem gleichen Schluss wie oben, erwähnt jedoch auch den neuen Verzögerungstrick des Iran angesichts einer [drohenden] militärischen Konfrontation mit den USA.

Vorgezogene Wahlen werden dem Westen in seinen diplomatischen Verhandlungen mit dem Iran zugute kommen. Netanjahu verbirgt nicht seine Absicht, Teherans Atomanlagen anzugreifen, bevor sie immun gegen Angriffe sind. Daher seine Entscheidung für vorgezogene Wahlen, da seine Haltung zu diesem Problem eindeutig  und konsequent ist und von der Zuversicht zeugt, dass die israelische Öffentlichkeit hinter ihm steht und er damit mehr Glaubwürdigkeit für die die israelische Abschreckung gewinnt.

Diese Androhung ist eine der wirksamsten Möglichkeiten, Washington und Europa zu drängen, in den Gesprächen mit dem Iran nicht auf „Wird schon irgendwie“  zu setzen. Es scheint so auszusehen, dass jetzt selbst der Iran beginnt, dies zu fürchten.

Sonstiges

• Überraschung der Woche: UN-Bemühungen um einen Waffenstillstand in Syrien scheinen zu kollabieren.

• Ehud Olmert teilt CNN mit, dass „Millionen und Abermillionen“ amerikanischer Dollar daran gehindert hätten, einen Friedensvertrag anzustreben.

Der Economist mit einer Analyse der bevorstehenden Wahlen in Israel.

Sky News startet in Abu Dhabi arabischsprachigen Sender mit 400 redaktionellen Mitarbeitern.

AFP mit einem Blick auf republikanische Anstrengungen, Barack Obamas Online-Präsenz massiv entgegenzuwirken.

Forbes befasst sich mit den Projekten, die in der Google-Zentrale Israels entwickelt werden.

Verfolgen Sie Israel Daily News Stream auf Facebook (In Englisch natürlich).

========
*Den Israel Daily News Stream übersetze ich hin und wieder dann, wenn keine weiteren Übersetzungen für HonestReporting Media BackSpin anstehen (bd).

Lebensweg eines gefälschten Zitats

10. August 2009

HonestReporting Media BackSpin, 10. August 2009

Schon faszinierend, wie ein verdrehtes Zitat selbst über Jahre hinweg ein Eigenleben entwickelt. Typischer Fall dafür ist ein „Kommentar“, der fälschlicherweise Moshe Ya’alon, einem heutigen Kabinettsmitglied, zugeschrieben wurde. Schon sehenswert, wie nun ein anderes großes Blatt eben diesen Eintrag berichtigt hat (mehr zu diesem Punkt weiter unten).

Die Geschichte dieses gefälschten Zitats beginnt 2003. Indem er auf israelische Aussagen Bezug nahm, dass es unter den Palästinensern keine Verhandlungspartner gebe, schrieb Henry Siegman im New York Review of Books:

Diese Übereinstimmung hat Premierminister Sharons Regierung in die Lage versetzt, dabei zu bleiben, dass ihre einzige Wahl darin besteht, einen unerbittlichen Krieg gegen die Palästinenser zu führen, der, nach Worten von IDF-Generalleutnant Moshe Ya’alon, „tief in das Bewusstsein der Palästinenser einbrennen wird, dass sie ein besiegtes Volk sind“, bevor irgendein politischer Prozess einsetzen kann.

Die Siegman-Version des Zitats wurde wiederum von Gary Fields (Professor für Kommunikationswissenschaften, nichts weniger) 2004 in der Chicago Tribune übernommen, dazu auch von Kolumnist Haroon Siddiqui von der Toronto Star (Original-Kolumne online vorerst nicht auffindbar). Und wiederum aufgespießt wurde das Zitat im Jahr 2006 von H.D.S. Greenway (Boston Globe); Siegman nahm es 2007 abermals auf, diesmal im London Review of Books.

Aber bis letzten Januar wurde dem „Zitat“ nicht die kritische Aufmerksamkeit zuteil, bis Professor Rashid Khalidi (Columbia University) es in der NY Times verwendete. Zu diesem Zeitpunkt zeigten unsere Kollegen von CAMERA erstmals die rote Flagge. Darüber hinaus verwies CAMERA auf ein Interview aus dem Jahr 2002, in dem Ya’alon in einem Interview mit Ari Shavit von Haaretz (Teil eins und zwei) sich völlig anders äußerte, als von Siegman, Felder, Siddiqui und Greenway dargestellt:

Shavit: „wie schätzen Sie diesen Erfolg ein? Ist Ihnen bewusst, wie Israels Ziel in diesem Krieg aussieht?

Ya’alon: „Ich hatte es vom Beginn der Konfrontation her definiert: die sehr tiefe Verinnerlichung bei den Palästinensern, dass Terror und Gewalt uns nicht besiegen können, kann uns nicht einlullen. Wenn diese tiefe Verinnerlichung zum Ende der Konfrontation nicht [mehr] existiert, haben wir ein strategisches Problem mit einer existentiellen Bedrohung für Israel. Wenn sich diese [Lektion] nicht ins palästinensische und arabische Bewusstsein einbrennt wird werden ihren Forderungen an uns nie aufhören.“

Ya’alon fügte später hinzu:

Die Fakten, die in dieser Konfrontation feststehen – bezüglich dessen, was in das palästinensische Bewusstsein gebrannt wird –  sind schicksalhaft. Wenn wir die Konfrontation auf eine Art beenden, die jedem Palästinenser verdeutlicht, dass Terrorismus nicht zu Vereinbarungen führt, verbessert das unsere strategische Position.

Times sowie Globe & Mail korrigierten ihre Online-Kommentare und die Tribune veröffentlichte diese Korrektur. Heute veröffentlichte die Toronto Star ihr mea culpa und hängte eine Erklärung von Siddiqui an:

„Die (Ya’alon) zugeschriebene Aussage kursierte nicht nur in der Blogosphäre, sondern wurde auch weit darüber hinaus in angesehenen Massenmedien veröffentlicht, “ erklärte Siddiqui.“Es hatte keine Korrektur oder Erklärung gegeben, von der ich gewusst hatte. So hatte ich keinen Grund anzunehmen, dass es kein korrektes Zitat war.“

Besser spät als nie.

Dummerweise werden aller Wahrscheinlichkeit nach viele Webseiten und Blogs, die ihr eigenes Hühnchen mit Israel zu rupfen haben, keinerlei Korrekturen vornehmen. Das erinnert an Electronic Intifada.

Und Siegman hat immer noch zu erklären, wie ein Zitat über Terror, der Israel nicht besiegen kann, sich in eines verwandelt, dass die Palästinenser total besiegt werden müssen. Bei London Review of Books und New York Review of Books waren jedenfalls keine Änderungen festzustellen.

Missbrauch von Zitaten kann die Karriere eines Journalisten ruinieren. 2002 wurde Holger Jensen, Auslandsredakteur der Rocky Mountain News, gefeuert, nachdem er eine Kolumne geschrieben hatte, in der er Aussagen einbaute, die zu Unrecht Ariel Sharon zugeschrieben wurden.

Dieses gefummelte Zitat ist nur eine weitere Leiche in Siegmans Keller.