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Lebensweg eines gefälschten Zitats

10. August 2009

HonestReporting Media BackSpin, 10. August 2009

Schon faszinierend, wie ein verdrehtes Zitat selbst über Jahre hinweg ein Eigenleben entwickelt. Typischer Fall dafür ist ein „Kommentar“, der fälschlicherweise Moshe Ya’alon, einem heutigen Kabinettsmitglied, zugeschrieben wurde. Schon sehenswert, wie nun ein anderes großes Blatt eben diesen Eintrag berichtigt hat (mehr zu diesem Punkt weiter unten).

Die Geschichte dieses gefälschten Zitats beginnt 2003. Indem er auf israelische Aussagen Bezug nahm, dass es unter den Palästinensern keine Verhandlungspartner gebe, schrieb Henry Siegman im New York Review of Books:

Diese Übereinstimmung hat Premierminister Sharons Regierung in die Lage versetzt, dabei zu bleiben, dass ihre einzige Wahl darin besteht, einen unerbittlichen Krieg gegen die Palästinenser zu führen, der, nach Worten von IDF-Generalleutnant Moshe Ya’alon, „tief in das Bewusstsein der Palästinenser einbrennen wird, dass sie ein besiegtes Volk sind“, bevor irgendein politischer Prozess einsetzen kann.

Die Siegman-Version des Zitats wurde wiederum von Gary Fields (Professor für Kommunikationswissenschaften, nichts weniger) 2004 in der Chicago Tribune übernommen, dazu auch von Kolumnist Haroon Siddiqui von der Toronto Star (Original-Kolumne online vorerst nicht auffindbar). Und wiederum aufgespießt wurde das Zitat im Jahr 2006 von H.D.S. Greenway (Boston Globe); Siegman nahm es 2007 abermals auf, diesmal im London Review of Books.

Aber bis letzten Januar wurde dem „Zitat“ nicht die kritische Aufmerksamkeit zuteil, bis Professor Rashid Khalidi (Columbia University) es in der NY Times verwendete. Zu diesem Zeitpunkt zeigten unsere Kollegen von CAMERA erstmals die rote Flagge. Darüber hinaus verwies CAMERA auf ein Interview aus dem Jahr 2002, in dem Ya’alon in einem Interview mit Ari Shavit von Haaretz (Teil eins und zwei) sich völlig anders äußerte, als von Siegman, Felder, Siddiqui und Greenway dargestellt:

Shavit: „wie schätzen Sie diesen Erfolg ein? Ist Ihnen bewusst, wie Israels Ziel in diesem Krieg aussieht?

Ya’alon: „Ich hatte es vom Beginn der Konfrontation her definiert: die sehr tiefe Verinnerlichung bei den Palästinensern, dass Terror und Gewalt uns nicht besiegen können, kann uns nicht einlullen. Wenn diese tiefe Verinnerlichung zum Ende der Konfrontation nicht [mehr] existiert, haben wir ein strategisches Problem mit einer existentiellen Bedrohung für Israel. Wenn sich diese [Lektion] nicht ins palästinensische und arabische Bewusstsein einbrennt wird werden ihren Forderungen an uns nie aufhören.“

Ya’alon fügte später hinzu:

Die Fakten, die in dieser Konfrontation feststehen – bezüglich dessen, was in das palästinensische Bewusstsein gebrannt wird –  sind schicksalhaft. Wenn wir die Konfrontation auf eine Art beenden, die jedem Palästinenser verdeutlicht, dass Terrorismus nicht zu Vereinbarungen führt, verbessert das unsere strategische Position.

Times sowie Globe & Mail korrigierten ihre Online-Kommentare und die Tribune veröffentlichte diese Korrektur. Heute veröffentlichte die Toronto Star ihr mea culpa und hängte eine Erklärung von Siddiqui an:

„Die (Ya’alon) zugeschriebene Aussage kursierte nicht nur in der Blogosphäre, sondern wurde auch weit darüber hinaus in angesehenen Massenmedien veröffentlicht, “ erklärte Siddiqui.“Es hatte keine Korrektur oder Erklärung gegeben, von der ich gewusst hatte. So hatte ich keinen Grund anzunehmen, dass es kein korrektes Zitat war.“

Besser spät als nie.

Dummerweise werden aller Wahrscheinlichkeit nach viele Webseiten und Blogs, die ihr eigenes Hühnchen mit Israel zu rupfen haben, keinerlei Korrekturen vornehmen. Das erinnert an Electronic Intifada.

Und Siegman hat immer noch zu erklären, wie ein Zitat über Terror, der Israel nicht besiegen kann, sich in eines verwandelt, dass die Palästinenser total besiegt werden müssen. Bei London Review of Books und New York Review of Books waren jedenfalls keine Änderungen festzustellen.

Missbrauch von Zitaten kann die Karriere eines Journalisten ruinieren. 2002 wurde Holger Jensen, Auslandsredakteur der Rocky Mountain News, gefeuert, nachdem er eine Kolumne geschrieben hatte, in der er Aussagen einbaute, die zu Unrecht Ariel Sharon zugeschrieben wurden.

Dieses gefummelte Zitat ist nur eine weitere Leiche in Siegmans Keller.

BBC erfindet Bericht über Wohnhausabriss

12. März 2008

honestreporting Media BackSpin, 12. März 2008

Unsere Kollegen von CAMERA ertappten die BBC dabei, wie sie einen Bericht über die Zerstörung des Wohnhauses von Ala Abu Dheim fabrizierte – des Bewaffneten, der letzte Woche 8 Yeshiva-Studenten ermordete.

BBC-Reporter Nick Miles aus dem Off, wie er behauptete:

In den Stunden nach dem Anschlag zerstörten israelische Planierraupen sein [des Terroristen] Wohnhaus. Später brachten die Trauernden Fahnen der Hamas und des Islamischen Dschihad neben dem Haus an.

Das Wohnhaus Abu Dheims im Viertel Jabel Mukaber in Ostjerusalem steht immer noch.