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NY Times von anonymen Quellen benutzt?

2. Juni 2009

HonestReporting Media BackSpin, 2. Juni 2009

Hatte die NY Times eine diplomatische Auseinandersetzung auf dem Rücken der ahnungslosen Journalisten ausgelöst? Helene Cooper berichtet, dass die Obama-Administration symbolische Maßnahmen gegen Israel in Erwägung zieht, um ihr Missfallen gegen Siedlungsaktivitäten zum Ausdruck zu bringen.

Schritte wie diese beinhalten „eine Abkehr von Amerikas nahezu unveränderter Unterstützung Israels“ in der UNO und die „Inanspruchnahme der exzellenten Plattform Obamas, um die Siedlungen zu kritisieren.“

Dabei handelt es sich nach Cooper durchaus um einen Politikwechsel und eine echte Sensation. Dummerweise basiert die Geschichte auf „anonymem Regierungsbeamten“, darunter einem, der „anonym bleiben wollte, weil er nicht befugt war, die Frage öffentlich zu erörtern.“

Und höchstwahrscheinlich wurde dies vorsätzlich von Insidern in Washington lanciert, um exakt jenen Druck auf Israel auszuüben und einen Sturm zu entfachen, indem man die Times dafür einspannte. Die möglichen Gründe:

* In erster Linie wird der diplomatische Einsatz zwischen Israel und den USA hochgetrieben.

* Ein in der NY Times berichteter Politikwechsel kann nicht übersehen oder ignoriert werden.

* Anonyme Drohungen können immer perfekt geleugnet werden.

Das Problem mit nicht identifizierten Quellen ist, dass die Leser nicht in der Lage sind, selbst zu beurteilen, wie glaubwürdig die Informationen oder die zugrunde liegenden Motive für ihre Veröffentlichung sind. Standardisierte Haftungsausschlusserklärungen, die betonen, dass die Quelle „nicht autorisiert ist, die Frage öffentlich zu behandeln“; verleihen nur eine dramatische Aura und Legitimität für etwas, das einem Puppentheater ähnelt.

Die Times ihrerseits verteidigt die Verwendung von anonymen Quellen als notwendiges Übel. (Lesen Sie die Stellungnahmen von Geschäftsführerin Jill Abramson und Clark Hoyt). Daniel Okrent, ehemaliger Public Editor der Gray Lady, im Gespräch mit David Ehrenstein von LA Weekly:

„Ich hasse nicht eindeutig zuzuordnende Quellen und denke, dass sie für den Journalismus absolut notwendig sind“, sagt Daniel Okrent. „Ich weiß, dass das wie ein schrecklicher Widerspruch klingt, aber anders kann ich es nicht beschreiben. Sie werden viel zu oft verwendet. Sie untergraben die Glaubwürdigkeit der Journalisten und der Publikationen. Andererseits verfügten Sie über sehr wenige Informanten, wenn Sie keine unklaren Quellen hätten. Angenommen, wir haben 100 nicht verifizierbare Quellen und 99 davon stammen von PR-Leuten oder anderen, die die Presse für ihre Zwecke benutzen, und die hundertste bietet Pentagon-Unterlagen an.“

Worauf Ehrenstein sofort entgegnete:

Okay, gut. Und wie viele Pentagon-Unterlagen sind seit Ellsberg ausgegraben worden? Genau. Vielen Dank auch! Abgesehen davon fiel der Name Daniel Ellsberg sofort. Ebenso wie „Informant“ Dr. Jeffrey Wigand, der die Tabakindustrie auffliegen ließ. Was also sollen wir mit jenen 99 Prozent restlichen Quellen machen, die keine Aufmerksamkeit wollen, weil es ihre Funktion als bezahlte Propagandisten enttarnen würde? Fragen Sie jeden Journalisten oder Redakteur und Ihnen wird schwindlig ob deren Geschwindigkeit, mit der sie das Thema wechseln.

Das Thema „Anonymität“ ist natürlich nicht nur auf die NY Times beschränkt. Kelly McBride vom Poynter Institute bietet Journalisten mögliche Fragestellungen mit Quellenangaben an, bevor diese „auf Sendung gehen“. Cooper und ihre Times wurden benutzt und es widerspricht jeglicher Logik, dass wir ihnen blind vertrauen sollen.

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