Posted tagged ‘Dämonisierung Israels’

Israel dämonisieren? Wer, wir?

8. Oktober 2013

Simon Plosker, HonestReporting.com, 6. Oktober 2013

Kaum hatte HonestReporting die Petition gegen die Dämonisierung Israels in den Medien gestartet, da erschien das Problem der Dämonisierung in einem bekannten UK-Medium. Der Independent reagierte mit rechtschaffener Entrüstung auf Schuldvorwürfe eines jüdischen Gemeindeleiters und Journalisten einer rivalisierenden Zeitung, dass der Independent regelmäßig Israel dämonisiere.

Der Independent veröffentlichte dieses Editorial (Hervorhebungen hinzugefügt):

In einer Nebenbemerkung sagte gestern Alex Brummer, City Editor der Daily Mail in der Sendung „Today“ von Radio 4: „Im Vergleich mit dem Guardian und dem Independent, die Israel regelmäßig dämonisieren, und damit die breitere jüdische Gemeinschaft dämonisieren, steht die Daily Mail unmittelbar hinter ihnen.“ Der Guardian kann für sich selbst sprechen. Was den Independent angeht, ist Mr. Brummers Behauptung falsch, kurzsichtig, willentlich ignorant, eine Beleidigung der Integrität unserer Mitarbeiter und eine Beleidigung von Ihnen, unseren Lesern.

Es stimmt, dass der Independent seit seiner Gründung 1986 Werte der Aufklärung hoch gehalten hat; und es hat Zeiten gegeben, in denen das Handeln der israelischen Regierung nicht von aufgeklärtem Denken getrieben gewesen ist.

Unsere Berichterstattung zu Israel wird von unserem vielfach preisgekrönten Nahost-Korrespondenten Robert Fisk geführt. Mr. Risk versteht nach drei Jahrzehnten Berichterstattung über diese Region diese besser als die meisten, die ihn beleidigen, und ist sehr bemüht zwischen Opposition zur israelischen Politik und Antisemitismus zu unterscheiden.

Das wäre dann derselbe Robert Fisk, dem im Oktober 2006 die Titelseite des Independent gegeben wurde, um die Verleumdung zu verbreiten, Israel habe während des Kriegs dieses Sommers im Libanon Waffen auf Uranbasis eingesetzt. Das wurde damals von HonestReporting hinterfragt, gefolgt von einer UNO-Ermittlung, die Israel kurz darauf von den Vorwürfen freisprach, was ebenfalls von offiziellen Vertretern des Libanon bestätigt wurde. HR kritisierte den Independent wegen seines schlampigen Journalismus und weil er keine Richtigstellung brachte.

Bis heute haben Fisk und seine Zeitung es verfehlt den Vorwurf zurückzunehmen.

Könnte diese Art von Verleumdung zur Dämonisierung Israels beitragen? Sicher nicht, folgt man dem Independent.

In der Tat hat Fisk eine lange Geschichte antiisraelischer Schmähungen; er macht Israel für alles verantwortlich, woran die Palästinenser kranken und den Westen für muslimische Verstimmungen. Am Tag nach dem 11. September 2001 trotzte Fisk der zivilisierten Welt und machte Israel, Amerika und sogar die Niederlage des ottomanischen Reichs für den Terroranschlag auf das WTC verantwortlich. Fisk proklamierte:

„… Dies ist nicht der Krieg der Demokratie gegen den Terror, den die Welt in den kommenden Tagen aufgefordert wird zu glauben. Es geht auch um amerikanische Raketen, die in palästinensischen Häusern einschlagen und US-Hubschraubern, die Raketen 1996 in einen libanesischen Krankenwagen feuerten und amerikanische Granaten, die in ein Dorf namens Qana einschlugen und um eine von Amerikas israelischem Verbündeten bezahlte und uniformierte libanesische Miliz, die sich ihren Weg durch Flüchtlingslager hackte, vergewaltigte und mordete.“

Wie kann der Independent – mit völlig gutem Gewissen – tatsächlich Robert Fisk hoch halten und versuchen Vorwürfe zu parieren, die Zeitung dämonisiere Israel?

Das Editorial des Indepentent fährt fort:

Mr. Brummer beging dann zwei intellektuelle Fehler. Erstens misinterpretierte er unsere robusten Ansichten und Skepsis als Dämonisierung; zweitens verschmolz er Opposition zu israelischer Politik mit Antisemitismus. Letzteres ist ironisch angesichts der vielen Juden in Britannien und andernorts, die gegen das Tun aufeinander folgender israelischer Regierungen opponieren.

Vielleicht können wir den Independent an seine berüchtigte und abscheuliche politische Karikatur aus dem Jahr 2003 erinnern:

Die Karikatur stellt Ariel Sharon dar, wie er in das Fleisch eines palästinensischen Babys beißt. Der Hintergrund zeigt Apache-Hubschrauber, die Raketen schießen und die Botschaft trompeten: „Wählt Likud!“

Aber wie könnte diese Art widerwärtiger Darstelllung Israel dämonisieren? Sicher nicht, folgt man dem Independent.

In seinem Editorial scheint der Independet zu argumentieren, dass Opposition zu israelischer Politik mit Antisemitismus zu verbinden, angesichts der Tatsache, dass die israelische Regierungspolitik von vielen Juden nicht geteilt wird, „ironisch“ ist. Statt Alex Brummers Kommentaren ist dies die wahre Beleidigung der Intelligenz.

Niemand legt nahe, das Kritik an Israel automatisch antisemitisch ist. Dass Juden, einschließlich Israelis, und andere sich gegen die Politik israelischer Regierungen stellen, ist ein gesundes Eingeständnis lebhafter Debatte, die nicht auf die Ebenen der Schande absinkt, die vom Independent über Israel ausgekippt wird.

Jüdische Opposition gegen israelische Politik zu nutzen, um aus der Möglichkeit zu entkommen, dass Kritik an Israel die Linie in die Dämonisierung überschreiten kann, ist unredlich.

Der Independet steht auf der Liste der wichtigen internationalen Medienorgane, denen wir unsere Petition schicken werden, mit der wir fordern, dass sie die Antisemitismus-Definitionen des US-Außenministeriums und der EU übernehmen, genau deshalb, damit die Medien wissen, wann sie die Linie überschritten haben.

Helfen Sie uns, indem sie die Petition unterschreien und sie in Ihrer Familie, bei Freunden und Kollegen verbreiten. Der Independent erkennt offensichtlich Dämonisierung nicht. Es ist an der Zeit, dass er das lernt.

Washington Post: Verantwortung für Omars Tod spielt keine Rolle

13. März 2013

HonestReporting Media BackSpin, 13. März

Es muss ziemlich stressig gewesen sein für Max Fisher, so viele Fotos verwundeter Palästinenser und Israelis während des letztjährigen Gaza-Konfliktes betrachtet zu haben.

Der Washington Post-Blogger argumentierte im November und nun wieder, dass es keine Rolle spiele, wer das Baby Omar getötet hat.

Gibt uns eine Schuldzuweisung für Mishrawis tragischen Tod, so schrecklich er auch ist, einen wirklichen Einblick dafür, wer für 60 Jahre Krieg zur Rechenschaft zu ziehen ist? Und dient eine Aufteilung von Schuldzuweisung wirklich dazu, beiden Seiten gerecht zu werden?

Schwer herauszufinden, inwiefern das Wissen darüber, durch welche Rakete Mishrawis getötet worden sein könnte, die umfassenderen Fragen beantworten könnte, für die diese Debatte stellvertretend steht: Verantwortung für die Weiterführung des lange andauernden Konflikts, für die Auslösung der Kämpfe im vergangenen November und für die israelischen und palästinensischen Zivilisten, die letztlich darunter leiden.

Aber hier handelt es sich bekanntermaßen um heikle Debatten. Wie sonst bei so vielen lang anhaltenden geopolitischen Konflikten kommt dabei niemand als Engel oder Dämon davon, auch wenn man sich das auf den jeweiligen Seiten so wünschte. In vielerlei Hinsicht bietet ein singuläres Foto wie das eines verwundeten oder getöteten Kindes oft ein sauberes und geringeres Risiko, über Probleme zu reden, die zu verworren sind, als dass man sich mit ihnen direkt auseinandersetzen will. Sie [die Probleme [bd, Medien Backspin]) offerieren eine willkommene Gelegenheit, Argumente durchzusetzen, dienen aber nicht zwangsläufig dazu, ihnen einen Riegel vorzuschieben.

Ja, Krieg ist schmutzig.

Und ja, das Foto zeigt einen kleinen Ausschnitt eines zähen Abnutzungskrieges.

Aber wenn Nachrichten der sprichwörtlich „erste Entwurf einer Geschichte“ sein sollten, obliegt es den Massenmedien, die Fakten richtigzustellen. Das ist der beste Weg, vielen unnötigen Debatten zu begegnen.

Es ist die Zeitgeschichte, die uns die Möglichkeit gibt, Ereignisse in einen größeren historischen Kontext zu stellen. Ich kann Fishers sehnlichen Wunsch nachvollziehen, das Große Ganze sofort erfassen zu wollen. Aber nach was er Ausschau hält ist das Produkt von Geschichte, nicht von Nachrichten. Nachrichten behandeln harte Fakten, die man im Einmaleins des Journalismus lernt: Wer, was, wo, wann, warum und wie.

Die „Was dies alles bedeutet“ – Fragen stellen sich fehlbaren großen Denkern, jenen, die wir als Experten, Streber und moderierende TV-Sprecher bezeichnen.

Leider findet die Dämonisierung Israels im Hier und Jetzt statt – und derzeit, da die Welt anlässlich Fotos wie diesem zu Jihad Mishawaris Tragödie bedauernswerte Rückschlüsse zieht.

Und was den ersten Entwurf der Geschichte angeht, wird die Anzahl der Menschen, die das Foto im November sahen und in einen Zusammenhang mit israelischer Verantwortlichkeit interpretierten, niemals der Zahl derjenigen Menschen entsprechen, die heute die echte Geschichte kennen. Der Israel zugefügte Schaden kann nicht rückgängig gemacht werden.

Aber welche Lehren können die Washington Post und die Mainstream-Medien daraus für die Zukunft ziehen?