Die New York Times und das jüdische Heimatland

Verfasst 13. April 2016 von yvainedewinter
Kategorien: Israel, Medienwelt, Palästinenser, Weltmedien und Nahost

Simon Plosker, HonestReporting, 11. April 2016

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Der Magazinteil der New York Times brachte einen Artikel von James Traub, in dem es um das Konzept von „Heimatland“ ging und warum dieses Wort im amerikanischen Kontext manchmal negative Konnotationen aufweist. Dort steht auch folgender Absatz:

Was genau hat das Wort „Heimatland“ an sich, dass es sich mehr wie eine Verletzung als wie eine Affirmation der amerikanischen Identität anfühlt? In der herkömmlichen Verwendung ruft das Wort die Verbindung zwischen einem Volk und einem Staat, der ihm gehört oder dessen Besitz es sich wünscht, herauf. Mit Israels Gründung im Jahr 1948 erhielten die Juden ein Heimatland. Die Palästinenser haben eines verloren. „Heimatland“ ist durchsättigt mit den Urkräften der Staatsbildung. Das Wort deutet auf eine Welt der Solidarität, geschmiedet durch Blutsbande, durch uralte Rituale und Legenden.

Haben die Palästinenser 1948 ein Heimatland verloren, wie James Traub vorbringt? Falls er argumentieren will, Heimatland und Eigenstaatlichkeit seien wesenhaft aneinandergekoppelt, dann besaßen Palästinenser nie ein Heimatland, das sie verlieren hätten können. Niemals in der Geschichte hat es je einen souveränen Palästinenserstaat gegeben. Getreu Traubs eigener Definition waren es die Juden, die ein Heimatland verloren haben, als sie 70 n. Chr. von den Römern aus ihrem biblischen Königreich vertrieben wurden — und welches sie später zurückerhielten.

In jedem Fall haben die Juden mit der Gründung Israels zwar einen unabhängigen Staat erhalten, aber das jüdische Heimatland existiert seit über 3.000 Jahren, und zwar ungeachtet dessen, wer zu irgendeinem Zeitpunkt in der Geschichte die Herrschaft über das Land innehatte.

Traubs Israel/Palästina-Beispiel versagt also. Und das lässt uns fragen, warum er es überhaupt angeführt hat. Zugegeben, die amerikanische Identität ist eher eine zivile als eine ethnische oder nationalistische. Aber zweifellos gibt es viele Amerikaner, die ein jüdisches Heimatland als positives Konzept sehen und nicht so negativ wie Traub.

Newsweeks Apartheid-Schlagzeile und die Reaktion eines Journalisten

Verfasst 12. April 2016 von yvainedewinter
Kategorien: Israel, Medieneinseitigkeit, Medienwelt, Nahost allgemein, Sonstiges

Simon Plosker, HonestReporting, 10. April 2016

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Bei Newsweek erscheint eine regelmäßige Kolumne namens „Tel Aviv Diary“ von Marc Schulman, der seine persönlichen Ansichten über das Leben in Israel beschreibt. In seinem jüngsten Beitrag schreibt er über die aktuelle Kontroverse, ausgelöst durch einen israelischen Untersuchungsbericht, dass jüdische Mütter in israelischen Krankenhäusern ein separates Zimmer bekommen, wenn sie nicht mit israelischen Arabern zusammenliegen wollen.

Das Thema wurde durch Kommentare von Knessetmitglied Bezalel Smotrich und seiner Frau verschärft, die von Politikern sowohl aus dem linken wie aus dem rechten Spektrum zurückgewiesen wurden, darunter auch von Bildungsminister Naftali Bennett, dem Vorsitzenden von Smotrichs Partei HaBayit haYehudi.

Angesichts der unangenehmen Natur der Thematik und des möglichen Schadens für Israels Ansehen in der Welt formulierte Marc Schulman seinen Beitrag auf faire und ausgewogene Weise — was sehr für ihn spricht.

Leider gilt das nicht für die Schlagzeile:

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Im zweiten Absatz stellt Schulman klar, die Trennung von Juden und Arabern habe „stattgefunden, obgleich es der offiziellen Politik des Gesundheitsministeriums und der offiziell verkündeten Politik der Geschäftsführung jedes der betroffenen Krankenhäuser entgegensteht“.

Dies und die anschließende öffentlichte Entrüstung reicht, um zu zeigen, dass „Apartheid“ ganz gewiss keine offizielle Staatspolitik ist und auch nicht vom israelischen Volk gestützt wird.

Scheinbar beschwor die Schlagzeile einen Sturm auf den Autor Marc Schulman herauf, der auf seinem persönlichen Blog wie folgt darauf reagierte (Hervorhebungen von uns):

Ich glaube, ich habe recht gute Arbeit geleistet, indem ich die Fakten dargelegt habe, ohne gegenüber den meisten Akteuren übermäßig kritisch zu sein, und ich habe Bildungsminister Naftali Bennett sogar in ein relativ schmeichelhaftes Licht gerückt. Daher war ich von den Kommentaren sehr überrascht, die der Artikel hervorgebracht hat. Aber ich hätte gar nicht überrascht sein brauchen, nachdem ich die Schlagzeile gesehen habe. Vielleicht sollte ich anmerken: Ich habe keinerlei Kontrolle über die Schlagzeile, etwas, was einzelne Kritiker nicht zu erkennen scheinen. Wir schreiben eine Story, und die Redakteure oder die Schlagzeilenschreiber formulieren die Schlagzeile. Hierfür suchen sie nach etwas, das eine Verbindung mit der Story hat und die Leute zum Anklicken und Lesen des Artikels bewegen soll. In jenen Tagen, in welchen die Medien vor allem auf Papier verbreitet wurden, wurde die Schlagzeile als wichtig betrachtet, als ein Weg, die Aufmerksamkeit des Lesers zu erregen. Heute ist sie noch weit wichtiger — denn die Leser lesen in den Medien nicht mehr linear wie früher, sondern überfliegen die Schlagzeilen und suchen sich dann die Storys aus, die ihr Interesse erweckt haben.

Zwar war ich mit der Schlagzeile „Apartheid in der Entbindungsstation“ nicht einverstanden, aber es ist eine wirksame Schlagzeile und spiegelte zumindest bestimmte Aspekte der Story. Natürlich ist Wirksamkeit eine Funktion der Resultate, und dieser Artikel führte gewiss zu dem Ausmaß an Leserschaft und Interaktion, die sich eine webbasierte Nachrichtenorganisation wünscht. Mein Redakteur und der Chef von Newsweek schrieben mir sogar ein E-Mail und dankten mir darin für den Artikel. Ist die Schlagzeile hundertprozentig zutreffend? Nein. Israel innerhalb der Grenzen von 1967 ist kein Apartheid-Staat. Araber können jeden Beruf ergreifen, überall hingehen, überall leben. Gibt es in der israelischen Gesellschaft Rassismus und Diskriminierung? Ja, so wie in praktisch jeder Gesellschaft. Sind Apartheid, Rassismus und Diskriminierung im Gesetz kodifiziert? Nein. Natürlich ist die Lage im Westjordanland ganz anders, aber das gehört in einen anderen Artikel. Was jedoch stimmt, ist, dass es in unserer Situation eines immerwährenden Krieges viel zu leicht ist, in die Falle zu laufen und ein Apartheidstaat zu werden.

Zwar ist Schulman nicht für die Handlungen der Newsweek-Redakteure verantwortlich, aber er hat im Grunde zugegeben, dass trotz der im Artikel erwähnten Fakten die Prioritäten des Blattes darin lagen, das Wort „Apartheid“ in der Schlagzeile zum Generieren möglichst vieler Leser zu missbrauchen. Der Gebrauch dieses Wortes ist beleidigend und ein kruder Versuch (wie Schulman selbst zugibt), auf Kosten der Akkuratesse Traffic zu generieren.

HonestReporting weist diese unethische und unprofessionelle Praxis zurück und vertritt die Ansicht, die Newsweek-Schlagzeile solle abgeändert werden.

Magazin „Foreign Policy“ bezeichnet die Hamas als palästinensische Widerstandsgruppe

Verfasst 11. April 2016 von yvainedewinter
Kategorien: Die Welt und Nahost, Nahost-Konflikt, Palästinenser, Weltmedien und Nahost

Simon Plosker, HonestReporting, 10. April 2016

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Die Hamas ist eine Terrororganisation. Leider fällt es zahlreichen Medien schwer, dies akkurat beim Namen zu nennen — lieber spricht man von „Militanten“ oder „Extremisten“.

Das Magazin Foreign Policy hat jedoch einen neuen Tiefpunkt erreicht, indem es ein Bild von Getty Images mit folgendem Begleittext versah:

Unterstützer der palästinensischen Widerstandsgruppe Hamas halten am 24. März einen Aufmarsch in Gaza-Stadt ab.

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Wir haben das Originalfoto lokalisiert. Dort steht:

Hamas-Mitglieder tragen symbolische Särge während der Veranstaltung zur Unterstützung des Aufstands in Jerusalem und Westjordanland. Die Veranstaltung fand am 24. März 2016 in Gaza-Stadt statt.

Dies scheint zu bedeuten, dass es Foreign Policy selbst waren, die plötzlich mit der Bezeichnung „Widerstandsgruppe“ anfingen.

Ist das willkürliche Abfeuern Tausender Raketen nach Israel „Widerstand“? Ist die Ermordung israelischer Zivilisten „Widerstand“? Ist der Missbrauch des eigenen Volkes als menschlichem Schutzschild „Widerstand“?

Nein. Es ist Terrorismus, und es ist höchste Zeit, dass Foreign Policy die Hamas nicht länger mit einem Heiligenschein versieht.

Hamas eine „Widerstandsgruppe“ zu nennen legitimiert ihren Terrorismus.

Mehr über irreführende Terminologie (einschließlich von Beschreibungen und Beispiele, wie die Medien den Terror falsch bezeichnen) gibt es in HonestReportings Buch „Rote Linien: Die 8 Kategorien von Medienvoreingenommenheit“ (in Kürze auch in deutscher Sprache erhältlich).

Voreingenommenheit #1: irreführende Terminologie

Verfasst 7. April 2016 von yvainedewinter
Kategorien: Medieneinseitigkeit, Medienwelt, Weltmedien und Nahost

 

Pesach Benson, HonestReporting, 4. April 2016

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Teil 1 einer achtteiligen Serie über die acht Kategorien von Medien-Voreingenommenheit.

Verletzung #1
Irreführende Definitionen und Terminologie

Den Lesern werden durch die verwendete Sprache Vorurteile vermittelt.

Sprache wird viel zu oft zur Beförderung einer Agenda benutzt. Die Medien müssen sorgfältig abwägen, welche Begriffe, Wendungen oder fremdsprachige Wörter sie benutzen (oder vermeiden). George Orwell beschrieb die möglichen Probleme dabei wie folgt:

Doch wenn Gedanken die Sprache korrumpieren, kann Sprache auch die Gedanken korrumpieren.

In diesem Video diskutieren Steve Linde und Gil Hoffman von der Jerusalem Post, Ruthie Blum von The Algemeiner und Dan Diker vom Jerusalem Center for Public Affairs mit HonestReporting über irreführende Terminologie:

BEISPIEL: Nach den Anschlägen vom 11. September verschickte Stephen Jukes, der damalige Reuters-Redakteur für globale Nachrichten, ein Memo, mit dem er die Reuters-Redakteure anwies das Wort „Terror“ zu vermeiden. Seine Erklärung wurde später zum geflügelten Wort für die moralische Mehrdeutigkeit der Nachrichtenindustrie:

Wir alle wissen: Des einen Terrorist ist des anderen Freiheitskämpfer; und Reuters hält an dem Prinzip fest das Wort Terrorist nicht zu verwenden.

Nicht zufrieden mit Reuters „terrorfreier“ Ausdrucksweise begann der kanadische Medienkonzern CanWest das Wort in seine Texte einzufügen. Reuters-Verantwortliche erhoben Einspruch und behaupteten, dieses Wort würde die Leserschaft verwirren und die Reporter Gefahren aussetzen. Scott Anderson von CanWest antwortete wie folgt (Hervorhebung von uns):

Führt man eine verbrämende Sprache ein, um die Leute zu schützen, sagt man dann noch die Wahrheit?

Und nach den Terroranschlägen auf das Charlie-Hebdo-Büro und einen koscheren Supermarkt in Paris im Jahr 2015 erklärte Tarik Kafala, der Leiter von BBC Arabic, seine Zurückhaltung bezüglich des T-Wortes wie folgt:

„Wir versuchen zu vermeiden, irgendjemanden als Terroristen oder irgendeine Tat als Terrorismus zu bezeichnen. Was wir statt dessen zu sagen versuchen, ist: ‚Zwei Männer töteten 12 Menschen bei einem Anschlag auf das Büro eines Satiremagazins.‘ Das ist genug. Wir wissen, was das bedeutet und was das ist.“

Wertneutrale Worte wie Militante, Extremisten, Aktivisten etc. verharmlosen bewusst ausgeführte Gewalttaten, die Angst auslösen sollen und einem politischen Ziel dienen, und beschönigen sie.

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BEISPIEL: Die palästinensische Autonomiebehörde reichte beim portugiesischen Journalistenverband eine formelle Beschwerde ein. Anlass war ein Bericht des israelisch-portugiesischen Reporters Henrique Cymerman von Dezember 2015, dessen Ausdrucksweise von der PA bemängelt wurde. Insbesondere beschwerte man sich, dass in der Texteinblendung des auf dem portugiesischen Sender Sociedade Independente de Comunicação (SIC) gesendeten Beitrags von „Mord“ die Rede war, um die bei palästinensischen Messer- und Autorammangriffen getöteten Israelis zu beschreiben, die ums Leben gekommenen palästinensischen Angreifern hingegen einfach nur „getötet“ wurden.

Laut der PA stellt diese Formulierung „Besatzer und Besetzte gleich und geht einen Schritt weiter, indem es den kaltblütigen Mord an palästinensischen Kindern und Jugendlichen durch die israelische Besatzungsmacht rechtfertigt.“ Der Verband wies die Beschwerde zurück, indem er im Wesentlichen sagte, die Aussage, getötete palästinensische Angreifer seien ermordet worden, sei unzutreffend. Die vollständige Entscheidung kann man auf der Verbandswebsite nachlesen.

Henrique Cymermans Texteinblendung: "22 Israelis wurden ermordet und rund 100 palästinensische Angreifer getötet."

Henrique Cymermans Texteinblendung: „22 Israelis wurden ermordet und rund 100 palästinensische Angreifer getötet.“

BEISPIEL: Zirka dreitausend Jahre lang war Jerusalem eine einheitliche Stadt, die keine Unterscheidungen zwischen Ost und West treffen musste. Das Konzept von Ost- und Westjerusalem kam erst 1948 auf, nämlich am Ende des israelischen Unabhängigkeitskriegs, wo die Waffenruhe dazu führte, dass Israel die westlichen Viertel kontrollierte und Jordanien die östlichen.

Jordanien vertrieb alle Juden aus den jordanisch kontrollierten Bereichen, womit der Zeitraum von 1948 bis 1967 der einzige war, in dem Ostjerusalem glaubhaft als arabisch bezeichnet werden konnte. Jerusalem wurde 1967 wiedervereinigt und Juden und Araber können seither überall in der Stadt frei leben, so wie zuvor.

Trotzdem lesen wir Beschreibungen der Ostbereiche der Stadt als „traditionell arabisches Ostjerusalem“ (Associated Press) oder „arabisches Ostjerusalem“ (z. B. Daily Telegraph, BBC oder Los Angeles Times). Aber „arabisches Ostjerusalem“ ist als Bezeichnung nicht zutreffender als wenn man z. B. Harlem als „schwarzes Nord-Manhattan“ bezeichnen würde.*

BEISPIEL: Der BBC-Dokumentarbeitrag „Children of the Gaza War“ aus dem Jahr 2015, in welchem die Übersetzer das Wort Yahud absichtlich falsch mit „Israeli“ übersetzten (Yahud ist das arabische Wort für Jude). Beispielsweise sagte ein Gaza-Kind der Reporterin Lyse Doucet, die „Yahud“ würden Palästinenser massakrieren, und die dazugehörige Schrifteinblendung lautete „Israel massakriert uns“.

Das arabische Wort für Israeli ist „Yisraili“.

Weitere Beispiele

Sind die Asylsuchenden, die das Mittelmeer in Richtung Europa überqueren, Migranten oder Flüchtlinge? Sollten Angehörige des Islamischen Staates als „islamische Extremisten“ oder „gewalttätige Extremisten“ bezeichnet werden?

Nach den Krawallen in Baltimore im April 2015 lagen sich die Redaktionen darüber in den Haaren, ob man „Plünderer“ oder „Protestler“ sagen sollte. Nachdem im Juni 2015 ein weißer Rassist in einer Kirche in Charleston neun Afroamerikaner getötet hatte, rangen die Journalisten mit der Frage, ob man die Worte „schwarz“ und „weiß“ groß schreiben sollte. Und sollte man die an einer Auseinandersetzung in Oregon beteiligten Männer als „Militante“ oder als „bewaffnete Farmer“ bezeichnen?

Was soll eine Nachrichtenagentur tun, wenn vulgäre Ausdrucksweise Teil der Story wird, wie es beispielsweise während des US-Präsidentschaftswahlkampfs 2016 der Fall ist?

Und die Columbia Journalism Review fragt: An welchem Punkt wird Jargon zu allgemeinem Sprachgebrauch, bei dem die Redakteure davon ausgehen können, dass jedermann ihn versteht?

Nächsten Monat folgt das nächste Kapitel dieser Reihe: „Unausgewogene Berichterstattung: Nachrichten werden durch unverhältnismäßige Berichterstattung verzerrt.“

„Red Lines: The Eight Categories of Media Bias“ ist auf Amazon als E-Book erhältlich.

* Anmerkung d. Übers.: Ein deutsches Pendant ist Ulrich Sahms entsprechend provozierende Formulierung „traditionell kommunistisches Ostberlin“.

Die acht Kategorien der Medienvoreingenommenheit

Verfasst 6. April 2016 von yvainedewinter
Kategorien: Medieneinseitigkeit, Medienwelt, Weltmedien und Nahost

Pesach Benson, HonestReporting, 4. April 2016

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Medienmanipulation ist einer der unglückseligsten Aspekte des israelisch-palästinensischen Konflikts.

Wir haben Texte gesehen, welche kein Journalismus mehr sind, sondern verhüllte Parteinahme. Es werden fatale Fehler beim Faktencheck gemacht, Fotografen und Palästinenser verbiegen in wechselseitig nutzbringenden Beziehungen die Realität, die Wortwahl wird politisch, und Nachrichtenverantwortliche vertuschen Nachrichten, um den Zugang dazu zu erschweren. Wir haben sogar gesehen, dass Journalisten sich vereinzelt mit Lesern anlegten, die ihnen zu widersprechen gewagt hatten.

Nichts davon liegt im öffentlichen Interesse. Nachrichtendienste, welche die Nahost-Berichterstattung verzerren, sind ebenso fähig, auch andere Bereiche ihrer Berichterstattung zu vermurksen.

  1. Von Journalisten erwarten wir professionelle Unabhängigkeit und Objektivität.
  2. Wir erwarten relevante, informative, verhältnismäßige und verbindliche Nachrichten.
  3. Wir erwarten Transparenz.

Soll sich die Wahrheit durchsetzen, müssen wir anspruchsvollere Nachrichtenkonsumenten sein. Ansonsten werden wir zum passiven Objekt der Agenda bestimmter Leute. Wie Matti Friedman, ehemaliger Korrespondent der Associated Press, sagte:

Die Welt reagiert nicht auf Geschehnisse in diesem Land, sondern auf die Beschreibung dieser Geschehnisse durch Nachrichtenorganisationen. Der Schlüssel zum Verstehen der eigenartigen Natur dieser Reaktionen liegt somit in der Praxis des Journalismus und insbesondere in einer ernsten Fehlfunktion bei jenem Berufsstand — meinem Berufsstand — hier in Israel.

Wir werden rund um die Uhr mit Nachrichten bombardiert, aber es mangelt an Bewusstheit über die objektiven Standards, die wir vom Journalismus erwarten sollten. Verstehen wir die acht Verletzungen medialer Objektivität, dann können wir zwischen Glaubwürdigem und Unglaubwürdigem unterscheiden sowie zwischen dem, was zum öffentlichen Diskurs beiträgt und dem, was ihn vernebelt.

Joe Hyams, der Geschäftsführer von HonestReporting, sagt: „Wir haben detailliertes Wissen zusammengetragen, wie die Überwachung von Nachrichten funktioniert, und zwar auf eine Art und Weise, die für Gemeinschaften an der gesellschaftlichen Basis leicht anzuwenden ist. Indem wir Medienvoreingenommenheit definieren, geben wir der ständig wachsenden Zahl von Nachrichtenkonsumenten die Werkzeuge an die Hand, um zu erkennen, wie destruktiv schlechte Berichterstattung sein kann und wie mächtig sie selbst sind, wenn sie wirksame Antworten hierauf finden können.“

Wie Sie sehen werden, sind diese Prinzipien auf alle Bereiche der Berichterstattung anwendbar — also nicht nur auf den Nahostkonflikt. Jeden Monat bringen wir ein neues Kapitel — und den Anfang machen wir gleich morgen.

Die acht Verletzungen der Medien-Objektivität

  1. Irreführende Definitionen: Über die Sprache werden den Lesern Vorurteile vermittelt.
  2. Unausgewogene Berichterstattung: Nachrichten werden durch unverhältnismäßige Berichterstattung verzerrt.
  3. Als Nachrichten getarnte Meinungen: Das unangebrachte Einschieben von Meinungen oder Interpretationen in die Berichterstattung.
  4. Fehlende Zusammenhänge: Der Bezugsrahmen wird den Lesern verschwiegen.
  5. Selektive Auslassungen: Bestimmte Ereignisse werden berichtet, andere ausgelassen — oder es werden Schlüsseldetails unterschlagen.
  6. Nutzung von Fakten für falsche Schlussfolgerungen: Nachrichten werden mit hinkender Logik verfremdet.
  7. Verzerrung von Tatsachen: Fakten werden falsch dargestellt.
  8. Mangelnde Transparenz: keine Offenheit und keine Rechenschaft gegenüber den Lesern.

„Red Lines: The Eight Categories of Media Bias“ ist auf Amazon als E-Book erhältlich.

Regenten der University of California verurteilen antisemitischen Antizionismus, und die Medien missbilligen das

Verfasst 5. April 2016 von yvainedewinter
Kategorien: Antiisraelismus, Antisemitismus

Cherryl Smith, HonestReporting, 4. April 2016

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Cherryl Smith, PhD ist Professor Emerita für Satzbau und Rhetorik an der California State University in Sacramento. Sie schreibt für Framing Israel.

Die University of California unternahm diese Woche einen bedeutsamen ersten Schritt zur Bekämpfung von Antisemitismus auf ihrem Campus. Die Prinzipienerklärung der Regenten verurteilt „antisemitische Formen des Antizionismus“ und erklärt, solche Verhaltensformen hätten „keinen Platz an der University of California“.

„Es steht zweifelsfrei fest, dass Antizionismus die treibende Kraft hinter dem alarmierendem Ausmaß von Antisemitismus an der UC und an Schulen im ganzen Land ist“, so Tammi Rossman-Benjamin, Fakultätsmitglied der UC Santa Cruz und Kopf der AMCHA-Initiative, welche den Antisemitismus auf dem Campus nachverfolgt.

Die meiste Berichterstattung über die Regentenerklärung unterschlägt jedoch diese Verbindung von Antizionismus und Antisemitismus: die Schlagzeilen sprechen von Antisemitismus, nicht aber von Antizionismus, und die Artikel suggerieren, es bestehe keine echte Notwendigkeit für diese Erklärung und die Redefreiheit sei nicht in Gefahr.

Die LA Times machte ihre Position per Redaktionsbeitrag explizit klar: „In Wirklichkeit ist es sehr wohl möglich, gegen den Zionismus zu sein oder sich für einen säkularen Staat im heutigen Israel und Westjordanland einzusetzen, ohne antijüdisch zu sein.“

Wenn wir mal außer Acht lassen, dass das jüdische Israel zuallererst säkular ist und von islamischen Ländern umgeben ist, die anders als Israel keine Religionsfreiheit besitzen, und wenn wir ebenso die säkularen zionistischen Gründer des jüdischen Staates außer Acht lassen, so bleibt immer noch die höchst beunruhigende Formulierung „heutiges Israel und Westjordanland“.

Irgendwie kann die LA Times, das auflagenstärkste Blatt der Stadt mit der zweitgrößten jüdischen Bevölkerung in den USA, deren Redaktion Antizionismus als „Gegner der Idee eines jüdischen Staates“ definiert, nicht begreifen, dass Universitätsstudenten von Ausgrenzung und Verfolgung berichten, weil sie (auf dem Campus) die Minderheitenmeinung vertreten, der einzige jüdische Staat der Welt solle weiterbestehen. Die Studenten erleben den altbekannten Antisemitismus in derartigem Ausmaß, dass selbst die Regenten der University of California, die wirklich ganz andere Sorgen haben, dies bemerkten.

Ich gebe zu, ich habe Schwierigkeiten zu verstehen, welche Formen des Antizionismus nicht antisemitisch sind. Die Definition der LA Times, Antizionismus stelle sich gegen die Idee eines jüdischen Staates, suggeriert eine unmittelbare Antijüdischkeit des Antizionismus. Antizionismus ist jedoch auch eine eigene Form von Fanatismus. Die Forderung nach legalistischer Sprache zum Schutz jüdischer Studenten entspringt der Realität, dass Antizionismus auf dem Campus sehr akzeptabel geworden ist und Juden gleichzeitig keine „geschützte Minderheit“ sind.

Die von AMCHA erfassten vielen hundert antisemitischen Vorfälle sind verknüpft mit der weithin hörbaren Campus-Position, Israel solle nicht als jüdischer Staat existieren. Zudem wird der Zionismus verteufelt. Vielsagenderweise stellten Berichte der Associated Press, die in vielen kalifornischen Blättern einschließlich dem San Francisco Chronicle abgedruckt wurden, „Israelunterstützer“ in Kontrast zu „Unterstützern der Rechte von Palästinensern“, obgleich der Zionismus das Konzept des jüdischen Selbstbestimmungsrechts ist. Kein einziger Bericht, den ich finden konnte, beschrieb proisraelische Studenten als „Unterstützer der Rechte von Juden“.

Tatsächlich betitelte die LA Times ihren Redaktionsbeitrag mit „Ein Gleichgewicht zwischen Redefreiheit und Bigotterie finden“, als sei Antizionismus keine Form der Bigotterie und als seien antizionistische Aussagen nicht durch den ersten Verfassungszusatz geschützt.

Niemand legt die Situation so klar dar wie der UCLA-Professor Judea Pearl:

Die UC-Richtlinien gegen Antisemitismus sind grob unzureichend bei der Zügelung der aktuellen Welle antijüdischer Feindseligkeiten auf den Campussen, die im Großen und Ganzen nicht auf jene abzielt, die ihre Religion praktizieren, sondern auf jene, von denen man glaubt, sie würden Israel unterstützen…

…die UC-Regenten haben antisemitische, islamophobe und weißrassistische Reden nicht verboten und wollen auch keine antizionistischen Reden verbieten; vielmehr möchten die Regenten es berechtigterweise klarstellen, dass Letzteres den Rahmen des zivilen Diskurs überschreitet.

Legen die Regenten also die Prinzipien gegen Intoleranz fest, beschränken sie die Redefreiheit nicht offiziell. Aber, und das ist eine wichtige Unterscheidung, sie schicken der Gemeinschaft eine Botschaft, dass Antizionismus ähnlich wie Islamophobie und andere Hassideologien kulturell „keinen Platz an der University of California“ haben.

Ist ein „hilfloser“ Terrorist ein unschuldiger Terrorist?

Verfasst 4. April 2016 von yvainedewinter
Kategorien: Europ. Medien und Nahost, Israel, Nahost-Konflikt, Palästinenser

Simon Plosker, HonestReporting, 3. April 2016

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Ungeachtet der Kontroverse rund um das Erschießen eines entwaffneten palästinensischen Terroristen durch einen IDF-Soldaten in Hebron geht die folgende Schlagzeile der Times of London einfach zu weit:

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Einen Terroristen als „Hilflosen“ zu beschreiben nimmt ihm seine Rolle bei der Sache und erzeugt einen falschen Eindruck über die Taten und die Identität des beteiligten Palästinensers.

Die Handlung des israelischen Soldaten befindet sich jetzt vor Gericht. Der Palästinenser hingegen hatte einen israelischen Soldaten niedergestochen, bevor er neutralisiert wurde. Es gibt viele andere mögliche Beschreibungen, die man in der Schlagzeile hätte transportieren können, entwaffneter Terrorist oder Angreifer zum Beispiel, um dem Vorfall wesentlichen Kontext beizufügen.

Der sogenannte „Hilflose“ war gewiss kein unschuldiger oder zufälliger palästinensischer Zivilist, wie die Schlagzeile suggeriert, und die Handlungen des Soldaten sollten diese Tatsache nicht ändern.

Wir haben die Times of London um Korrektur gebeten.


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