Sechs Herausforderungen für die Berichterstattung zum Nahost-Konflikt

Tracy Alexander, HonestReporting, 25. August 2019

Photo by Ruben Salvadori/Flash 90

Jahre des Betrachtens der Berichterstattung über den israelisch-palästinensischen Konflikt im australischen Fernsehen ließen mich frustriert zurück. Als Journalistin war mir das beliebte Sprachbild vertraut: „Wenn es blutet, ist es eine Nachricht.“ Das hat oft verzerrte Schlagzeilen und die Verbreitung irreführender Informationen zu Folge.

Von daher informieren in diesem Kontext grausame Bilder und unverhältnismäßige Opferzahlen die öffentliche Meinung über eine außergewöhnliche und vielschichtige Realität.

Der Nachrichtenkonsum in 12.000 Kilometer Entfernung zeigt als allgemeine Darstellung Israel als den Aggressor gegen eine entrechtete palästinensische Bevölkerung.

Da ich früher etwas Zeit in Israel verbracht habe, weiß ich, dass es eine viel breitere Realität gab.

Wie ich es erlebte schien die Art, wie der israelisch-palästinensische Konflikt in den Mainstream-Medien dargestellt wurde, das Fehlen eines tieferen Verständnisses der Situation zu zeigen. Ich sah mich gezwungen mich eingehend damit zu beschäftigen, warum solch unvollständige Narrative an ein internationales Publikum ausgestrahlt werden.

War es Medien-Voreingenommenheit? Oder ging da etwas anderes vor?

Das war ein Teil von dem, was mich veranlasste mit Berichterstattung aus Israel zu beginnen. Aber nachdem ich einige Zeit in dem verbrachte, was eine Konfliktzone darstellt, erkannte ich, dass es selbst für einen eifrigen und entschlossenen Geist bereits eingewurzelte Herausforderungen und Einschränkungen aufgrund der Natur der Industrie und des Konflikts gibt. Die Schichten gehen tief, der Zeitgeist ist komplex und es ist schwierig in Anbetracht der Einschränkungen und zeitkritischen Natur des modernen Journalismus, verbunden mit einer Öffentlichkeit, die oft ihre „Nachrichten“ in 280 Buchstaben erhält, für ein Auslandspublikum ein komplettes Bild zu zeichnen.

1. Die auf den Konflikt angewandte westliche Mentalität

Meine erste Offenbarung war, dass ich nicht erwarten kann, eine Demokratie im Nahen Osten im Einklang würde mit westlichen Idealen funktionieren. Die komplizierten Realitäten für ein Land wie Israel, umgeben von unerbittlichen Feinden und „Freinden“, verändern das Spiel und wir können daher nicht westliches Denken anwenden, wenn wir Nachrichten von hier analysieren – der Kontext ist schlicht nicht vergleichbar.

Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Geschichte ein paar Wochen nach Beginn meiner Arbeit bei einem internationalen Nachrichten-Sender in Israel, wo palästinensische Jugendliche Steine auf Fahrzeuge auf der Straße 60 geworfen hatten – einer Schnellstraße in Israel, die von Jerusalem nach Beer Sheva führt und dabei auch durch die Westbank verläuft.

Die israelische Armee war sofort in den Einsatz geschickt worden und im Prozess die Täter aufzuspüren wurde ein 15-jähriger Palästinenser erschossen. Aufgrund meiner Erfahrung schien dies unberechtigt zu sein, stellte einen Missbrauch von Macht und Missachtung menschlichen Lebens dar.

Mir fiel sofort eine Geschichte ein, über die ich berichtete; australische Teenager warfen Felsbrocken von einer Brücke über eine Autobahn – ich konnte mir nicht vorstellen, dass die lokale Polizei weiter gegangen wäre als einen Trupp „Hooligans“ festzunehmen. Das australische Militär zu beauftragen war unvorstellbar.

Deshalb nahm ich es auf mich direkt mit einem israelischen Verteidigungskorrespondenten zu sprechen, einem Experten für den israelisch-palästinensischen Konflikt. Er sah die Schwere des Vorfalls in der Westbank nicht, zu dem er mir in weiteren Erklärungen die Fallstricke verdeutlichte, die entstehen, wenn man versucht zu verstehen, was man nicht tagtäglich erlebt.

Palästinenser liefern sich nördlich von Ramallah am 28. April 2017 Zusammenstöße mit israelischen Soldaten. (Foto: Flash90)

Was der Korrespondent mir erzählte: Die beschuldigten Palästinenser waren nicht nur störende Teenager, die Sachen machten, die störende Teenager tun, sondern sie hatten die Absicht israelische Pendler zu töten. Felsbrocken waren in diesem Fall tödliche Waffen – nur eines der Mittel in einer Reihe anderer (wie Molotowcocktails und Schusswaffengebrauch), die von Palästinensern bei früheren Anschlägen in derselben Gegend üblicherweise eingesetzt wurden. Insofern wurde mir nach weiterem Graben bewusst, dass in den vorhergehenden acht Monaten mindestens fünf israelische Zivilisten auf demselben 16 km langen Abschnitt der Straße 60 getötet worden waren. Ich verstand nun, dass dies kein isolierter Vorfall, sondern integraler Bestandteil des Konflikts war – das war keine Straftat, sondern ein Kriegsakt.

Entsprechend lässt die Formulierung der Story als „Israel tötet palästinensischen Steinewerfer“ den Knackpunkt komplett weg; es bedarf eines entschlossenen Journalisten, um die Verwirrung zu beseitigen.

2. Kontext verringert die Verwirrung

Die Debatte des „Wer war zuerst hier“ und „Wer nahm wem was weg“ geht bis in die 1920-er Jahre zurück und kann in einem einminütigen Sprachbeitrag nicht adäquat vermittelt werden. Angesichts der Zwänge moderner Berichterstattung der Sender, geregelt von Wortökonomie und zeitlicher Beschränkung, ist es oft unmöglich den notwendigen historischen Kontext eines aktuellen Vorfalls zu liefern. Darin liegt die Herausforderung, denn der angemessene Kontext erlaubt dem Einzelnen aktuelle Ereignisse vollständiger zu verstehen. Er bietet Tiefe, deren Fehlen zu Fehlinterpretationen führt.

Israelis wie auch Palästinenser haben ihren Anteil an Fehlern gemacht, aber Kontext ist wichtig, wenn man versucht das Handeln jeder Seite zu verstehen. Man darf z.B. den Einfluss von Jahren palästinensischen Terrorismus auf die israelische Psyche nicht unterschätzen. Man kann auch nicht behaupten in den Fußstapfen eines Israelis aus dem Süden zu laufen, der Ziel von abertausenden von Raketenangriffen der Hamas ist, die übrigens begannen, nachdem Israel 2005 einseitig den Gazastreifen verließ. Das soll aber auch nicht heißen, dass alle dieser Einwohner den Konflikt gleich sehen. Einige, die an der Front des Konflikts leben, sind stramme Linke – andere vertreten einen weit härteren außenpolitischen Kurs – ebenfalls etwas, das der Kontext liefern würde.

Darüber hinaus geht in der Gleichung oft verloren, dass Israel im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte der palästinensischen Autonomiebehörde zahlreiche umfassende Friedensvorschläge angeboten hat, von denen jeder einzelne abgelehnt wurde.

Die Palästinenser ihrerseits verbleiben in Teilbereichen der Westbank, wo rund 500.000 Juden leben,  unter israelischer Militärherrschaft. Das reduziert Möglichkeiten für Wirtschaftswachstum, schränkt die Bewegungsfreiheit ein, hat die Trennung von Familien verursacht und im Fall des Gazastreifens hat die Hamas-Ideologie Israel und Ägypten veranlasst eine Blockade über die Küstenenklave zu verhängen.

Daher haben zwar beide Seiten ihre Beschwerden, es ist aber unmöglich den vollen Kontext in ein paar wenigen Sätzen zu liefern, die für Rundfunkjournalismus zum Standardformat geworden sind. Das erklärt im Gegenzug, warum das Publikum oft ohne die volle Geschichte auskommen muss.

3. Bilder vermitteln nicht immer die Wahrheit

In Rundfunkmedien herrschen Bilder und können die Erzählung oft trüben. Je überzeugender die Bilder sind, desto mehr Sendezeit erhalten sie und die Bilder können auch den mildernden Faktor für Gewalt überschatten.

Bei einem Besuch auf Bali machte ich vor kurzem die Erfahrung, dass Fotografie und Video bestimmen können, wie Menschen eine Geschichte interpretieren. Als ich mit einer hoch gebildeten und fähigen Australierin über den Konflikt sprach, drückte sie Mitgefühl für die Gaza-Araber aus, wobei sie Israelis militärische Überlegenheit als Grund anführte. „Die Palästinenser haben nur Steine, um gegen israelische Panzer und Flugzeuge zu kämpfen“, behauptete sie. Diese Sichtweise wird von vielen Westlern aufgrund der Macht der Bilder Meinungen zu formen geteilt.

Ich fragte, was sie über die 700 Raketen weiß, die in der Woche zuvor auf Israel geschossen wurden, was zu israelischen Todesopern führte. Sie war schockiert, dass sie nichts von Raketen und israelische Opfern wusste. Obwohl die Hamas manchmal erbarmungslos Raketen verschießt, werden die meisten von fortschrittlichen israelischen Verteidigungssystemen abgefangen, ganz besonders von der Eisernen Kuppel – die zufälligerweise hunderte, wenn nicht tausende palästinensischer Lebens gerettet hat, weil sie die Zahl israelischer Opfer beträchtlich reduziert hat, die ansonsten viel heftigere militärische Reaktionen ausgelöst hätten.

Israelische Sicherheitskräfte inspizieren die Szene eines Hauses, das am 25. März 2019 von einer aus dem Gazastreifen in den Moschaw Mischmeret in Zentralisrael geschossenen Rakete getroffen wurde. (Foto: Noam Revkin Fenton/Flash 90)

Dennoch muss Israel zurückschlagen und die daraus resultierenden, um die Welt geschickten Bilder  zerstörter palästinensischer Infrastruktur sind das, woran sich die Leute erinnern.

Im weiteren Gespräch verriet sie, dass sie von den gewalttätigen, seit einem Jahr laufenden „Marsch der Rückkehr“-Protesten entlang der gemeinsamen Grenze wusste, aber nichts von den tausenden Sprengsätzen, die derzeit nach Israel flogen und massive Umweltverheerung anrichteten.

Sie wusste auch nichts von den Terrortunneln, die in den Hinterhöfen von Israelis im Norden entdeckt wurden, die die Hisbollah aus dem Libanon grub. Diese Bilder machen keine Schlagzeilen, genauso wenig wie eine Geschichte von der Absicht Israelis zu entführen oder zu toten internationale Aufmerksamkeit wachrüttelte.

Das macht die Arbeit eines Reporters noch schwieriger, wenn es darum geht den Konflikt auf faire Weise darzustellen und das GESAMTE BILD zu schildern.

4. Vorfälle zum Status quo sind unauffällig

Der andauernde Status quo des Konflikts – definiert von gescheiterten Initiativen und periodischer Gewalt – hat „Erschöpfung“ zur Folge, die sich oft in Apathie zeigt. Vorfälle, die alltäglich sind, werden von den internationalen Medien als unauffällig betrachtet, wenn sie allerdings im Westen auftreten sollten, würden für gewaltiges Interesse und Berichterstattung sorgen.

Entsprechend wird über die tagtäglichen Geschehnisse in Israel zu wenig berichtet. In israelischen Grenzstädten im Süden heulen zum Beispiel allzu regelmäßig die Sirenen, um vor einfliegenden Raketen zu warnen, was die Einwohner in Bunker schickt. Die meisten Gebäude und selbst Wohnungen in Israel haben einen „Sicherheitsraum“, besonders im Süden, wo Kindergarten-Spielplätze gleichzeitig als Luftschutzunterstände dienen.

Wegen meiner Verantwortung als Journalist habe ich eine App auf meinem Handy installiert, die mir jedes Mal eine Botschaft schickt, wenn irgendwo im Land eine Sirene ertönt. Es muss gar nicht erst gesagt werden, dass ich meistens, wenn die App sich meldet, nicht erwarte, dass die Medien, insbesondere die Auslandsmedien, die Story aufnehmen.

So machen nur große Ausbrüche Schlagzeilen, was weder die Wirklichkeit zeigt noch Informationen zu Standardabläufen des israelischen Militärs oder der Moral liefert, die die Armee versucht bei Gegenschlägen einzuhalten.

Es sind jedoch diese kleinen Details, die erklären, warum Israels Entscheidungen eingeschränkt sind, warum viele die Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden verloren haben sowie das hohe Niveau des Misstrauens gegenüber den Medien in Jerusalems Korridoren der Macht erklären.

5. Drama, Drama, Drama

Ich kam aus einem Land nach Israel, das sich wenig Sorgen machen muss, vergleicht man es mit denen im Nahen Osten. Von daher sind die australischen Medien ziemlich darauf geschult Storys aufzubauschen, um überzeugendes Fernsehen zu schaffen. Hier in Israel trifft das Gegenteil zu. Ereignisse, die mich als Australier schockieren würden, erschüttern meine israelischen Kollegen kaum, so normal sind Messeranschläge in Jerusalem oder Auto-Rammanschläge in der Westbank geworden. Obwohl sie Terrorakte darstellen, reagieren Israelis auf diese Vorfälle weniger leidenschaftlich als es australische Journalisten es beim Sammeln der Einzelheiten eines tödlichen Autounfalls tun würden.

Ich arbeitete für einen internationalen Sender mit Sitz in Israel – also würden wir diese Art von Storys vielleicht berichten – und wenn sie nur kurz in den Nachrichten erwähnt würden. Aber in der internationalen Presse bekommen diese Geschichten überhaupt keine Erwähnung, womit das internationale Publikum daran gehindert wird das volle Bild des Alltagslebens in einem Land zu erhalten, in dem der Status quo aus dem Konflikt besteht.

6. Internationale Spaltungen führen zu polarisierender Berichterstattung

Abhängig von einem Interviewten kann es sein, dass ich unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage erhalte. „8 Millionen Bürger, 8 Milliarden Meinungen“, ist in Israel eine übliche Redewendung. Daher muss ein Journalist, um ein realistisches Bild zu liefern, durch dieses Gemenge an Ansichten und Perspektiven waten, um Ausgewogenheit zu liefern, um sicherzustellen, dass allen Elementen der Gleichung gleiches Gewicht gegeben wird. Das Ideal besteht darin sachkundige Englisch sprechende Quellen aufzuspüren, die die Geschichte einigermaßen zusammenfassen können.

Die innewohnende Natur einer von Redaktionsschluss getriebenen Umgebung bläht die Herausforderung weiter auf. Mit dem aktuellen Appetit für Berichterstattung auf die Minute über Weltereignisse kann die Notwendigkeit Talent zu gewinnen, das eine Story auf ausgewogene Weise darstellt, sich als schwierig erweisen. Fügen Sie dem noch Ressourcenprobleme hinzu – zunehmend schwindende Nachrichtenredaktionen, ist die für die Verfolgung angemessenen Talentes einfach nicht vorhanden. Man muss auch die Agenda der interviewten Personen bedenken und in Betracht ziehen, außerdem das Niveau der Indoktrination, Repression oder Angst sich ehrlich zu äußern.

In den Palästinensergebieten kann dies eine besonders schwierige Aufgabe sein, angesichts des das aktuelle Klimas, sind diejenigen, die bereit sind einer in Israel sitzenden Nachrichtenorganisation Einsichten zu liefern, manchmal dünn gesät. Selbst diejenigen, die bereit sind zu kommentieren, tun das sehr zurückhaltend.

Unter dem Strich

Insgesamt besteht der Job eines Reporters darin die Fakten zu vermitteln, einschließlich Kontext, und mit Einzelnen von allen Seiten des Gangs zu reden, damit die Menschen ausreichend mit den notwendigen Informationen bewaffnet sind, um sie in die Lage zu versetzen ihre eigenen Schlüsse zu ziehen.

Um die Feinheiten des Jahrzehnte alten Konflikts zu vermitteln, muss man unparteiisch daran herangehen, ganz zu schweigen von der Motivation sich selbst zu bilden, um weitere Fragen zu stellen und kritisch zu analysieren. Tut man das nicht, dann führt das zu eindeutigen Missverständnissen des Wesens der Ereignisse.

Das ist bedauerlicherweise eine der größten Schlachten von heute – und eine, die zu schlagen es wert ist.

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