Jüdische Verbindungen zum Tempelberg – die Geschichte

Pesach Benson, 7. März. 2019

Ein Großteil des israelisch-palästinensischen Konflikts kreist um Land. Es gibt starke christliche, muslimische und tatsächlich auch jüdische Verbindungen zur Region. Aber es gibt ein bestimmtes Stück Land, das voller Geschichte, Symbole und Bedeutung steckt, nicht nur für die in Israel lebenden Juden und Palästinenser, sondern auch für die Menschen rund um die Welt.

Das ist der Tempelberg.

Dieses trapezförmige Plateau sind die heikelsten 37 Ar in Israel, vielleicht sogar in der Welt. Am bedeutendsten ist der mit seinem goldenden Dach glitzernde Felsendom mit seinem Kultstatus. Innerhalb befindet sich der Grundstein, von dem viele glauben, dass er der Ort des Allerheiligsten ist. Am Südende des Plateaus befindet sich die Al-Aqsa-Moschee. Unten an der Westseite der Umfassungsmauer um den Tempel befindet sich die Westmauer.

Foto von Yossi Zamir/Flash90 mit Ergänzungen durch HonestReporting

An jedem beliebigen Tag kommen Pilger aus aller Welt nach Jerusalem, um nach Gott zu suchen oder zumindest für eine Art spiritueller Erfahrung. In fußläufiger Nähe zum Tempelberg befinden sich der Zionsberg, der Ölberg, die Grabeskirche, die Via Dolorosa, der Siloah-Teich und der Hesekiel-Tunnel sowie weitere mit der Bibel in Verbindung stehende Orte.

Bei so vielen heiligen und historischen Stätten: Warum ist der Tempelberg der eine Ort, der so viel mehr Leidenschaften entfacht?

Die jüdischen Verbindungen zum Tempelberg gehen tief. In der jüdischen Tradition wird der Tempelberg als heiligster Ort der Welt betrachtet, die Stelle des ersten und des zweiten Tempels, gebaut jeweils von König Salomo und Serubbabel. Ground Zero wäre das Allerheiligste, dass innerste Heiligtum, das der Hohepriester nur einmal im Jahr betrat.

Auf Hebräisch als Har HaBayit (Tempelberg) oder Har HaMoriah (Berg Moriah) bekannt, ist die Heiligkeit des Tempelbergs derart überragend, dass viele praktizierende Juden nicht in einem Zustand ritueller Unreinheit (dazu unten mehr) dort hingehen. Diese Einschränkung zu Besuchen kompliziert die Bemühungen die jüdischen Bande zum Tempelberg zu stärken. Die Stelle, die dem Tempel am nächsten ist, wo die weit überwiegende Mehrheit der Juden betet, ist die Westmauer, eine Stützmauer um den Tempelberg.

Vom Grundstein (auf Hebräisch even ha-Schtiyya), der sich innerhalb des Felsendoms befindet, nehmen viele an, dass er die Stelle ist, wo die Bundeslade im Allerheiligsten stand, der erste Ort, wo am dritten Schöpfungstag die Erde erschien und die Stelle, wo Abraham seinen Sohn Isaak als Opfer vorbereitete.

Gemäß der jüdischen Tradition wird auch der dritte Tempel dort gebaut werden.

Die Muslime kennen den Tempelberg als Haram al-Scharif (das edle Heiligtum). Die Al-Aqsa-Moschee ist die drittheiligste Stätte des Islam.

Ein Großteil der Berühmtheit des Tempelbergs entstammt der Geschichte der Nachtreise des Propheten Mohammed. Gemäß dem Islam flog Mohammed von Mekka auf einem geflügelten Pferd nach Jerusalem, das oben auf der Westmauer landete. Vom Grundstein stieg er in den Himmel auf und traf dort andere Propheten, bevor er nach Mekka zurückkehrte.

Der Felsendom gehört zu den ältesten Werken vorhandener islamischer Architektur und seine glitzernde goldene Kuppel ist das kultigste heute mit Jerusalem verbundene Bild. Auf Arabisch wird die Westmauer nach dem Pferd Buraq-Mauer (Hait al-Buraq) genannt.

Für Christen ist der Tempel der Ort, wo Jesus als Junge vorgefunden wurde, wie er mit den rabbinischen Ältesten diskutierte (Der zwölfjährige Jesus im Tempel) und wo er später die Geldwechsler und Händler vertrieb (Tempelreinigung).

Die historischen jüdischen Wurzeln des Christentums machen den Tempelberg zu einer sehr beliebten Pilgerstätte. Obwohl sie keine formale Rolle in der Verwaltung der heiligen Stätte haben, verfolgen Kirchenführer die Entwicklungen auf dem Tempelberg und äußern sich oft zu Fragen in Sachen seines Status quo. Man nimmt an, dass die Überbleibsel eines Mosaiks aus der Byzantinerzeit, das unter der Al-Aqsa-Moschee – die einzige dort je vorgenommene archäologische Grabung – gefunden wurden, die Reste einer Kirche oder eines Klosters sind.

Der Zweck dieses Artikels besteht nicht darin die Ansprüche irgendeiner Seite zu beweisen oder zu widerlegen, sondern die jüdischen Verbindungen zum Tempelberg besser zu verstehen.

Der Status quo

Die bestehenden Umstände der Verwaltung des Tempelbergs gehen bis 1967 zurück, als Israel Ostjerusalem von Jordanien eroberte. Tage nach dem Krieg traf sich Verteidigungsminister Mosche Dayan mit Jerusalems muslimischen Führern. Weil er einen Religionskrieg fürchtete, stimmte Dayan zu die von Jordanien geführte Islamische Waqf weiterhin den Tempelberg verwalten zu lassen.

(Eine Waqf ist eine Treuhandverwaltung. Die heute den Tempelberg beaufsichtigende Waqf ist auch für die anderen muslimischen Institutionen in Jerusalem verantwortlich, einschließlich Schulen, Moscheen, Religionsgerichten, Waisenhäusern, Bibliotheken, Museen und anderen Immobilien.)

Der aus diesem Treffen gekommene informelle Status quo sieht wie folgt aus:

  • Juden und Nichtjuden soll es erlaubt sein den Tempelberg zu besuchen.
  • Juden und Nichtjuden, die den Tempelberg besuchen, werden die muslimischen religiösen Gefühle respektieren.
  • Juden und Nichtjuden ist es nicht erlaubt auf dem Tempelberg zu beten.
  • Die Westmauer sollte der Hauptort für jüdisches Gebet sein.
  • Die islamische Waqf sollte die alltägliche Verwaltung des Tempelbergs beaufsichtigen, während Israel die „Gesamtsouveränität“ behalten sollte.

Nach dem Krieg verabschiedete die Knesset das Gesetz zur Erhaltung der Heiligen Orte, das den freien Zugang und Schutz der heiligen Orte unter israelischer Zuständigkeit sicherstellen sollt, einschließlich des östlichen Jerusalem.

Israelische Fallschirmjäger auf dem Ölberg betrachten während des Sechstagekriegs den Tempelberg

Die israelischen Gerichte haben die Aufgabe des Verbots von jüdischem Gebet abgewiesen. In einem Urteil zu einem Fall, bei dem die Polizei einen Juden wegen Gebets vom Tempelberg warf, schrieb der Präsident des Obersten Gerichtshofs, Aharon Barak:

Das Grundprinzip lautet, dass jeder Jude das Recht hat den Tempelberg zu betreten, dort zu bten und Gemeinschaft mit seinem Schöpfer zu haben. Das ist Teil der religiösen Freiheit anzubten, es ist Teil der freien Meinungsäußerung. Doch wie bei jedem Menschenrecht ist das nicht absolut, sondern ein relatives Recht… Tatsächlich ist es, in einem Fall, bei dem es so gut wie sicher ist, dass das öffentliche Interesse verletzt wird, wenn die Rechte auf freie Religionsausübung zu Gbet und freier Meinungsäußerung einer Person umgesetzt werden, möglich die Rechte der Person einzuschränken, um das öffentliche Interesse zu wahren.

Das israelisch-jordanische Friedensabkommen von 1994 (Artikel 9) verankerte eine „Sonderrolle“ der jordanischen Monarchie in der Verwaltung der heiligen Stätten Jerusalems, einschließlich des Tempelbergs. In einer Sonderabmachung mit der palästinensischen Befreiungsorganisation von 1994 übergab jedoch Jordanien die Rolle des Großmuftis – der führenden religiösen Persönlichkeit – an die Palästinenserführung. Der aktuelle Großmufti, ernannt von Mahmud Abbas und mit Gehalt der PA, ist Mohammed Hussein, der jüdische Verbindungen zum Tempelberg zurückweist – insbesondere bestreitet, dass der Tempel dort je existierte.

Vor kurzem, im Februar 2019, erweiterte Jordanien die Größe des Waqf-Rats, um mehr Palästinenser unterzubringen. Der vergrößerte Rat schließt den ehemaligen Mufti Ikrama Sabri ein, der Ankara nahe steht und hilft den türkischen Einfluss in Jerusalem auszuweiten.

Die Geschichte des Tempelbergs

Schöpfung: Nach jüdischer Tradition war der Tempelberg das erste Land, das erschien, als Land und Waser am dritten Tag der Schöpfung getrennt wurden.
ca. 2000 v.Chr.: Abraham bereitet Isaak als Opfer vor (1. Mose 22).
ca. 1000 v.Chr.: König David kauft die Tenne von Arunah, dem Jebusiter (2. Samuel 24 und 1. Chronik 21). Der Kauf markiert den Beginn der formellen jüdischen Verbindung zum Tempelberg.
825 v.Chr.: Salomo baut den ersten Tempel.
423 v.Chr.: Der babylonische König Nebukadnezar zerstört den ersten Tempel.
353 v.Chr.: Juden bauen den zweiten Tempel.
164 v.Chr.: Hasmonär-Aufstand gegen die Griechen, reinigen und weihen den Tempel neu; an die Ereignisse erinnert das Hanukkah-Fest.

Ein Modell des zweiten Tempels nach der Renovierung durch König Herodes.

20 v.Chr.: König Herodes beginnt mit der Renovierung des Tempels, baute den Tempelberg aus und baute eine Stützmauer um ihn herum. (Die Westmauer ist der einzige verbleibende Teil dieser Stützmauer.)
70 n.Chr.: Die Römer zerstören den zweiten Tempel, bauten darauf einen Tempel für Jupiter Capitolinus.
335 n.Chr.: Die Byzantiner weihen die Grabeskirche. Sie betrachteten die Zerstörung des Tempels als Erfüllung des christlichen Sieges über die Juden. Da die christliche Gottesverehrung zur Grabeskirche verlagert wird, wird der Tempelberg zur Müllkippe.
638 n.Chr.: Omajjaden-Muslime erobern Jerusalem und beginnen den Tempelberg aufzuräumen.
692 n.Chr.: Die Omajjaden vollenden den Bau des Felsendoms.
705 n.Chr.: Die Omajjaden bauen die Al-Aqsa-Moschee an der Stelle eines kleinen muslimischen Gebetshauses am Rand des Tempelbergs.
1099: Christlich Kreuzfahrer erobern unter der Führung von Gottfried von Bouillon Jerusalem. Sie konvertieren den Felsendom in eine Kirche und die Al-Aqsa in den Templer-Hauptsitz.
1187: Die Ayyubiden erobern unter der Führung von Saladin Jerusalem von den Christen und renovieren den Felsendom und die Al-Aqsa.
1517: Die Osmanen erobern das heilige Land.
1917: Britische Streitkräfte besiegen im Ersten Weltkrieg die Türken. Von Großbritannien in den Obersten Muslimrat ernannten Palästinensern wird die Verantwortung für die Verwaltung des Tempelbergs übergeben.
1948: Der israelische Unabhängigkeitskrieg. Jordanien besetzt Ostjerusalem einschließlich des Tempelbergs. Der von Jordanien betriebenen Waqf wird die Verantwortung für die Aufsicht über den Tempelberg gegeben.
1967: Israel erobert im Sechstage-Krieg den Tempelberg.
1996: In Verletzung des Status quo beginnt die islamische Waqf den Umbau eines Durchgangs im Untergrund in eine massive Gebetshalle, die Marwani-Moschee genannt wird. Tausende Tonnen Erde und Schutt, die Überreste von Altertümern aus der Zeit der Tempel beinhalten, werden ohne archäologische Aufsicht abgekippt. Die Waqf tut Vorwürfe der systematischen Tilgung jüdischer Verbindungen zum Tempelberg ab.
2017: Zwei israelische Polizisten werden von einem Terroristen getötet, der eine Schusswaffe auf den Tempelberg schmuggelte. Palästinenser randalieren, als Israel Metalldetektoren installiert, die später entfernt werden.

Jüdische Verbindungen zum Tempelberg in der Tradition

Juden an der Westmauer betrauen an Tischa B’Av die Zerstörung des Tempels.

Jüdische Verbindungen zum Tempelberg sind über Jahrhunderte hinweg durch eine Reihe jüdischer Bräuche am Leben erhalten, darunter:

  • Rund um die Welt beten Juden mit Blickrichtung auf Jerusalem.
  • In Jerusalem beten Juden mit Blick zum Tempelberg.
  • Theoretisch würden auf dem Tempelberg betende Juden mit Blick in Richtung des Allerheiligsten.
  • Jüdische Gebete dreimal am Tag beinhalten die Bitte um die Restaurierung des Tempels.
  • Von einem Juden, der die Ruinen des Tempels sieht, wird erwartet, dass er seine Kleidung zerreißt und sagt „Unser Haus der Heiligkeit und Pracht, in dem unsrer Vorfahren Dich singend priesen, und alles, das wir so sehr schätzten, ist zerstört worden.
  • Juden fasten und trauern wegen der Zerstörung der Tempel, die beide an Tischa B’Av fielen.
  • Das Pessah-Seder und die Gebete an Yom Kippur enden beide mit den Worten „Nächstes Jahr im wiederaufgebauten Jerusalem“, was sich auf den Tempel bezieht.
  • Bei jüdischen Hochzeiten zertritt der Bräutigam ein Glas und zitiert Psalm 137, dass Jerusalem nicht vergessen wird und „möge meine Zunge an meinem Gaumen festkleben, … wenn ich Jerusalem nicht zu meiner höchsten Freude erhebe“.
  • As zusätzliches Zeichen der Trauer werden jüdische Verbindungen zum Tempelberg von vielen praktizierenden Juden betont, indem sie einen kleinen Teil ihres Hauses unverputzt und unangestrichen lassen.

Trotz der lange andauernden jüdischen Verbindungen zum Tempelberg verbieten viele rabbinische Autoritäten Juden das Gelände zu betreten, weil die Regeln zur rituellen Reinheit für bestimmte Bereiche weiter gelten. Die genaue Position der inneren Höfe des Tempels und des Allerheiligsten sind wegen der im Talmud beschriebenen verschiedenen Möglichkeiten die Maße des Tempelbergs zu verstehen nicht gesichert; außerdem ist der Tempelberg beträchtlich größer als er es war, als der Talmud festgelegt wurde.

In den vergangenen Jahre haben einige rabbinische Meinungen argumentiert, dass Juden die Bereiche des Plateaus zu betreten, die gesichert nicht zu den inneren Höfen oder dem Allerheiligsten gehörten, weil die Gebote der rituellen Reinheit nicht auf den gesamten Tempelberg gelten. Einige Rabbiner ermutigen Juden sogar das Plateau zu besuchen, um die jüdischen Verbindungen zum Tempelberg aktiv zu behalten.

Die Einzelheiten dieser Entscheidungen und die Fragen, die sie aufwerfen, gehen über den Umfang dieses Artikels hinaus.

Ein Luftbild des Tempelbergs

* * *

Jüdische Verbindungen zum Tempelberg zurückzuweisen hilft den Palästinensern jüdische Ansprüche auf Jerusalem zu untergraben und das Konzept Israels als jüdischer nationaler Heimat zu leugnen. Das ist der Grund, weshalb Palästinenser wertschätzen, dass Organisationen wie die UN Educational, Scientific and Cultural Organization (UNSCO) Resolutionen verabschieden, die darauf bestehen, dass Israel keine rechtlichen und historischen Ansprüch auf Jerusalem haben.

Weil der Tempelberg ins Herz des Kerns jüdischer, muslimischer und christlicher Narrative geht, stellt er die größte Streitfrage für die Zukunft von Vereinbarungen zwischen Israel und den Palästinensern dar.

Fotos/Bilder: CCO Pixabay; Stern, Halbmond und Kreuz via Wikimedia Commons; Zweiter Tempel via Wikimdia Commons; Tischa B’Av via Wikimedia Commons; Luftbild via Wikimedia Commons.

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One Comment - “Jüdische Verbindungen zum Tempelberg – die Geschichte”

  1. spotplenni Says:

    Hat dies auf abseits vom mainstream – heplev rebloggt.


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