Die Sunday Times hält einen Vorschlag für etablierte Politik

Yarden Frankl, HonestReporting, 22. Mai 2016

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Unter der Schlagzeile „Israel plant Todesstrafe für palästinensische Kämpfer“ stellt die britische Sunday Times die folgende Behauptung auf:

Israel ist im Begriff, die Todesstrafe für palästinensische Kämpfer einzuführen, nachdem Benjamin Netanyahu eine ultranationalistische Partei dazu eingeladen hat, seiner Koalitionsregierung beizutreten.

Bei dieser Schlagzeile und dem Artikeltext gibt es nicht nur eins, sondern gleich zwei dicke Probleme.

Das erste Problem ist die Verwendung des Wortes „Kämpfer“. Dieses Wort kann fast alle Menschen mit extremen Ansichten beschreiben. Fordert Lieberman wirklich die Todesstrafe für jeden Palästinenser, der als Extremist betrachtet wird?

Nein. Der von Lieberman unterstützte Vorschlag besteht in der Todesstrafe für überführte Terroristen. Zwar ist auch dieses Konzept kontrovers, aber es hört sich weniger extrem an, wenn akkurate Terminologie benutzt wird. (Siehe hierzu unseren Artikel und unser Video über irreführende Terminologie.)

Aber der irreführendste Teil von Schlagzeile und Artikel ist die Behauptung, der Staat Israel betreibe die aktive Planung solcher Gesetzgebung. Dies trifft schlichtweg nicht zu.

Nur weil ein Knessetmitglied, selbst ein baldiger Verteidigungsminister, eine bestimmte Sichtweise hat, macht es das nicht gleich zur nationalen Politik. Falls die israelische Regierung dies offiziell unterstützt und zur Regierungspolitik macht, es der Knesset zur Abstimmung übergibt, ist es nichts weiter als ein Vorschlag. (In diesem besonderen Fall hat Lieberman ursprünglich gewollt, dass Netanyahu seine Politik als Bedingung dafür akzeptiert, dass Lieberman sich der Koalitionsregierung anschließt. Zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels wird der Vorschlag immer noch diskutiert, obwohl es bedeutenden Widerstand innerhalb der Regierung gibt.)

Aber der Artikel der Sunday Times, der auch in anderen Medien weltweit erschien wie z. B. im Australian, versagt darin, seine Leser akkurat über die Details des Vorschlags und dessen Status zu informieren.

Die International Business Times nutzt die Schlagzeile „Israelische Regierung könnte Todesstrafe für palästinensische Kämpfer einführen„. Der Gebrauch des Wortes „könnte“ lässt die Leser zumindest wissen, dass es sich hier um eine Möglichkeit handelt und nicht um vollendete Tatsachen.

Ebenso erwähnt der Artikel:

Die Knesset, das israelische Parlament, hat Petitionen zur Ausweitung der Todesstrafe mehrfach abgeschmettert. 2015 brachte Liebermans Partei Yisrael Beiteinu einen Gesetzesvorschlag zur Erweiterung des Gebrauchs tödlicher Gewalt ein, was bei der ersten Lesung mit 94 zu 6 Stimmen abgelehnt wurde.

Es ist fair zu sagen, dass die Ernennung Liebermans nicht kontroversenlos geblieben ist. Aber die Medien haben die Verpflichtung, akkurat zu berichten und den Lesern eine informierte Meinung zuzugestehen.

Joe Hyams, Geschäftsführer von HonestReporting, sagte:

Die Verantwortlichkeit des Journalisten besteht in der Sicherstellung, dass der typische Nachrichtenleser auf vernünftige Weise zu einem informierten und zutreffenden Bild der Tatsachen vor Ort gelangen kann. Diese sensationsheischende Schlagzeile spiegelt mehr die Ansichten des Schreibers, als dass sie eine akkurate Beschreibung des Status des Vorschlags ist.

Foto von Nati Shohat / Flash 90.

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One Comment - “Die Sunday Times hält einen Vorschlag für etablierte Politik”


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