Herausgeber schweigen zu einem antisemitischen Brief

Update: Erfolgsmeldung! Die positive Reaktion steht im zweiten Teil des Beitrags nach den drei Sternen ***

Simon Plosker, HonestReporting, 15. November 2015

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Am 7. November erschien die folgende Leserzuschrift in der Watertown Daily Times und in der Carthage Republican Tribune, zwei Lokalzeitungen im US-Bundesstaat New York:

Es ist erstaunlich, wie viele Zufälle ich während der letzten Jahre beobachtet habe.

Vielleicht liegt es an meinem Desinteresse an Nachrichten wie z. B. über gescheiterte Basketballspieler, die sich in Bordellen Drogen reinziehen.

Der israelische Geheimdienst beharrte darauf, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitzt. Es wurden keine gefunden. Aber Saddam Hussein wurde ermordet.

Die USA gab 1 Billion Dollar aus und opferte Tausende von Leben. Dass Saddam der Feind Nr. 1 für die israelische Regierung war, war reiner Zufall.

Rebellen wurden bewaffnet, danach begannen sie massives Chaos in Syrien anzurichten. Jetzt bezahlen die Europäer den Preis. Dass Bashar Assad der Feind Nr. 1 für die israelische Regierung war, ist ein weiterer Zufall.

Ein Krankenhaus der Ärzte ohne Grenzen wurde angegriffen, viele Ärzte starben, nachdem es vorher zahlreiche Anrufe gab, um sie zu identifizieren. Dass sich die Aufmerksamkeit der Welt darauf konzentrierte, während die israelische Regierung die Vereinbarungen betreffs einer wichtigen muslimischen heiligen Stätte brach, war nur Zufall.

Ich denke mal, wenn ich mir diese Ereignisse anschaue und ein vertrautes Verhaltensmuster entdecke, dann bin ich ein Fanatiker. Das sind natürlich alles reine Zufälle, und die israelische Regierung ist und war immer das unschuldige Opfer, stimmt’s?

Dass Freunde des modernen Israel so viel Geld ausgeben, um amerikanische Kongressleute und Senatoren dahingehend zu manipulieren, dass sie mit ihrer Meinung übereinstimmen, ist ein weiterer Zufall.

Wenn Sie glauben, dass ich alles falsch kombiniert habe, dann pssssst. Aber ich habe eine richtig gute Brücke zu verkaufen.

Jimmy Helmar
Canton

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HonestReporting-Abonnent Dov Schwartz schrieb dem Herausgeber der Watertown Daily Times und beschrieb die unverhohlene Bigotterie und die Verschwörungstheorien im betreffenden Brief und fragte, wie so ein Brief überhaupt erst veröffentlicht werden konnte. Der Herausgeber antwortete, indem er die Gedanken des Editorial-Redakteurs wiedergab:

Jimmy Helmars Kritik richtete sich nicht gegen Juden im Allgemeinen, sondern gegen die israelische Regierung im Besonderen. Und die von ihm vorgebrachten Punkte waren Thema rigoroser Forschungen und Debatten. Ein Buch namens „The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy“ von John Mearsheimer und Stephen Walt spricht genau dieselben Themen an. Es handelt sich also nicht um wilde Verschwörungstheorien, wie Ben Schwartz behauptet. Jimmy Carter, ein bekannter Nahostexperte, hat ähnliche Themen angesprochen — und wurde danach ungerechterweise als Antisemit bezeichnet. So provokant Herrn Helmars Brief auch war, er überschritt keine Grenze. Und da eine rationale Antwort auf die im Brief vorgebrachten Punkte formuliert werden kann, würden wir nicht zögern, eine solche zu veröffentlichen.

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Auf dieser Grundlage entschied die Zeitung, den Brief unverändert zu lassen, da man glaubt, dass das Thema der US-Hilfen für Israel ein legitimes Diskussionsthema ist.

Natürlich ist es nicht falsch, die Beziehung zwischen den USA und Israel und die beteiligten Finanzmittel zu diskutieren. Und die israelische Regierungspolitik zu kritisieren ist etwas, das Millionen Israelis jeden Tag tun.

Aber der Brief hat eine Grenze überschritten. Er entfernt sich von legitimer Kritik und wechselt zu unverhohlenem Antisemitismus; er geht weit über die Texte von Israelkritikern zu diesem Thema wie z. B. Walt und Mearsheimer hinaus.

Wie der leitende Redakteur von HonestReporting, Simon Plosker, sagt:

Beschuldigt jemand Israel, eine versteckte Hand zu sein, die Weltereignisse und Berichterstattung manipuliert, dann ist dies die Art von Bigotterie ähnlich Nazisympathisanten, rechtsextremen Websites und Fans der berüchtigten Fälschung der Protokolle der Weisen von Zion. Dass die Herausgeber beider Zeitungen entweder unfähig oder nicht willens waren, das Gegeifer eines Verschwörungstheoretikers zu erkennen, und den Brief dann veröffentlichten, ist höchst beunruhigend.

Selbstverständlich ist Redefreiheit ein fundamentaler Wert. Trotzdem bedeutet das nicht, dass man den gesunden Menschenverstand in die Tonne kloppen und alles und jedes, einschließlich beleidigenden Materials und Hassreden, in einer seriösen Zeitung veröffentlichen kann.

Am 10. November schrieb HonestReporting den Inhabern der beiden Zeitungen und legten die Redakteure auf Cc.

***

Erfolgsmeldung: Tageszeitung im US-Bundesstaat New York entschuldigt sich für antisemitische Verschwörungstheorien

Alex Margolin, HonestReporting, 18. November 2015

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Die Watertown Daily Times gab ihren Fehler zu:

Diese Handlungen mit Lobbyismus zugunsten Israels in Verbindung zu bringen alarmierte viele Leser. Eine Organisation namens HonestReporting kritisierte die im Brief vorgebrachten Punkte und forderten uns auf zu erklären, warum wir ihn veröffentlicht haben. Wir haben zahlreiche E-Mails erhalten, die dem Brief widersprachen, der online und in unserer Druckausgabe erschienen ist.

Wir haben einen Fehler gemacht, indem wir den Brief so veröffentlicht haben, wie er verfasst wurde, und indem wir die Behauptungen in diesem Brief nicht hinreichend untersucht haben. Wir bleiben weiterhin der Veröffentlichung von Meinungen, insbesondere unbeliebten Meinungen, gegenüber verpflichtet, aber wir geloben, die Glaubwürdigkeit von Informationen in Briefen, die als faktisch akkurat dargestellt werden, von nun an besser zu prüfen.

Die Redakteure zitierten mehrere E-Mails, die sie von HonestReporting-Lesern erhalten haben. Die E-Mails enthielten scharfe Zurückweisungen des beleidigenden Briefs und zeigten den Redakteuren, dass eine „rationale Verteidigung“ des Briefes, wie ursprünglich von ihnen behauptet, in Wirklichkeit nicht möglich war.

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4 Kommentare - “Herausgeber schweigen zu einem antisemitischen Brief”


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  3. […] – Herausgeber schweigen zu einem antisemitischen Brief – Aufhetzung ist kein Spiel – Video: Israel nicht länger dämonisieren, sondern von […]


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