Ein Experte drängt Israels Regierung, den Kampf mit den Medien aufzunehmen

Simon Plosker, HonestReporting, 27. Oktober 2015

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Anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Buchs sprach HonestReporting exklusiv mit Dr. Manfred Gerstenfeld über die Delegitimierung Israels und die Rolle der Medien.

HonestReporting: Ihr neu veröffentlichtes Buch, „The War of a Million Cuts“, ist das erste, das den gesamten Delegitimierungsprozess Israels analysiert. Was sind seine Hauptmerkmale?

Manfred Gerstenfeld: „The War of a Million Cuts“ ist nicht auf eine Beschreibung und Analyse der Wesenhaftigkeit des gesamten Delegitimierungsprozesses und seiner Auswirkungen beschränkt, sondern zeigt auch einen praktischen Handlungsplan auf, mit dem man diesen Prozess bekämpfen kann. Das Buch beginnt mit einer Erklärung, wie sich der zeitgenössische Antiisraelismus und die beiden klassischen Arten des Antisemitismus, also religiöser und ethnischer Antisemitismus, überlappen, speziell insoweit ähnliche Motive berührt werden.

Die Kernthematik des Hasses aller drei Arten von Antisemitismus ist, dass Juden (und heute Israel) das absolut Böse repräsentieren. In der heutigen Zeit steht das ‚absolute Böse‘ in einem Land oder Volk gewöhnlich für nazihaftes Verhalten. Über 40% der erwachsenen Bevölkerung der EU glauben, Israel sei in seinem Verhalten gegenüber den Palästinensern nazihaft. Dieses Ergebnis vieler Umfragen ist ein wohlgehütetes Geheimnis in Europa und in Israel gleichermaßen.

Zudem beschreibt und analysiert mein Buch die wesentlichen Hassbotschaften gegen Israel. Es präsentiert eine Analyse der hauptsächlichen Tätergruppen einschließlich der Medien, Akademiker, Rechts- und Linksextremer, nichtstaatlichen Organisationen, Sozialdemokraten, gewissen Kirchenführern, Gewerkschaften usw.

Danach folgt eine Beschreibung, wie die antiisraelischen Aufwiegler ihre Botschaften in der Öffentlichkeit verbreiten können und wieviel Schaden sie damit bereits an Juden und Israel angerichtet haben. Die wichtigste Neuerung in diesem Buch jedoch ist das lange Kapitel, wie man Antiisraelismus bekämpfen kann.

HR: Bei HonestReporting liegt unser Interesse vor allem in der Analyse der Feindseligkeit der Medien gegenüber Israel. Was sind die Hauptelemente Ihres Buches über die Medien?

MG: Mediale Einseitigkeit hat Israel in vielerlei Hinsicht großen Schaden bereitet. Dies geschah sowohl durch Auslassungen wesentlicher Fakten, die Israel sonst in einem günstigen Licht dargestellt hätten, und durch Editorials und Meinungsbeiträge, die Angriffe auf Israel darstellten. Gleichzeitig werden palästinensische Verbrechen ignoriert, reingewaschen oder zu ihren Gunsten verharmlost.

the_war_of_a_million_cuts„The War of a Million Cuts“ bringt viele Beispiele aus einer Vielzahl von Ländern für die Unehrlichkeit der Medien bzw. ihre Voreingenommenheit gegenüber Israel und bietet einen umfassenden Überblick über die Probleme, die Israel mit Journalisten hat. Die große Reichweite dieser Präsentation ist weit nützlicher als ein enger Fokus auf ein einziges Land oder eine einzige Sprache. So erhält der Leser einen Überblick darüber, was der antiisraelischen Medienvoreingenommenheit zugrundeliegt und was für bestimmte Länder typisch ist.

Einige Elemente der Voreingenommenheit unterscheiden sich von Land zu Land. Beispielsweise hat Shmuel Trigano, ein sehr bedeutender französisch-jüdischer Denker und erfahrener Antisemitismus-Analyst die Gleichförmigkeit der Voreingenommenheit französischer Medien gegenüber Israel herausgestellt. Das ist in Ländern wie dem Vereinigten Königreich weit weniger der Fall. Trotz der Aktivitäten bekannter antiisraelischer Medien im Vereinigten Königreich wie z. B. der BBC, dem Guardian und dem Independent zeigen nicht alle britischen Medien eine ähnliche Voreingenommenheit. Der Telegraph zum Beispiel, eine bedeutende Tageszeitung, wird nicht von Antiisraelismus regiert.

HR: Wie haben proisraelische Medienbeobachter zum Kampf gegen antiisraelische Voreingenommenheit beigetragen?

MG: Der Beitrag proisraelischer Medienbeobachter ist groß, was die Identifizierung der Übergriffe der Medien auf Israel betrifft. HonestReporting ist hier einer der Hauptakteure. Die proisraelischen Medienbeobachter stehen an vorderster Linie, wenn es um die Aufdeckung eines weit größeren Phänomens geht, nämlich der Vorurteile und der Unfairness der Medien, die durch die Analyse ihrer einseitigen Berichterstattung gegen Israel offenbart werden.

Im Verlauf der letzten Jahrzehnte haben viele Medien das für sie Beste aus einer einzigartigen Situation gemacht. Sie haben die Macht, andere erbarmungslos (und manchmal brutal) zu kritisieren, und es gibt kaum Möglichkeiten, sie dafür zur Verantwortung zu ziehen. Die Arbeit ihrer Angestellten ist lediglich der Selbstregulierung der Medien unterworfen. Außer in extremen Fällen sind Journalisten niemandem außerhalb ihrer Zunft für ihre Arbeit verantwortlich.

Reporter können die Fakten auswählen, die sie erwähnen oder auslassen, selbst wenn dies im Auge des Lesers zu starken Verzerrungen führt. Der Gaza-Krieg von 2014 ist eines der extremsten Beispiele. Dort konnten wir sehen, dass die Möglichkeiten zur verzerrten Darstellung von Informationen, sofern die Reporter solches wollen, fast unbegrenzt sind. Und die Medien kritisieren sich untereinander kaum, obwohl das zu einer weit größeren Verantwortlichkeit unter Journalisten führen würde.

Wenn die israelische Regierung in Zukunft in die Gänge kommt und einige der Medienschurken aufzudecken beginnt, wird die wichtige Arbeit der proisraelischen Medienbeobachter weit klarer werden. Ich sage absichtlich „wenn“ und nicht „falls“, denn der Tag wird kommen, an dem die israelische Regierung ihre Augen nicht länger den Problemen gegenüber verschließen kann, welche die extreme Einseitigkeit der Medien dem Land beschert.

HR: Könnte die israelische Regierung voreingenommene Medien besser bekämpfen als nichtstaatliche Medienbeobachter?

MG: Sie könnte dem Handeln der nichtstaatlichen Medienbeobachter eine starke zusätzliche Kraft hinzufügen. Die israelische Regierung hat den Kampf gegen die Medien, die das Land attackieren, weitestgehend vernachlässigt. Eine der zentralen Botschaften meines Buches ist, dass Israel eine Behörde einrichten muss, welche gegen die Propaganda vorgeht.

Dies ist nicht schwer nachzuvollziehen. Als Israel von ausländischen Armeen erst bedroht und dann angegriffen wurde, stellte es seine eigene Armee — die IDF. Als Israel von Geheimdiensten angegriffen wurde, investierte es viel Geld in den Aufbau seiner eigenen drei Geheimdienste, dem Mossad, dem inneren Sicherheitsdienst Shabak und dem militärischen Geheimdienst Aman.

Im Verlauf der Jahrzehnte errangen alle drei Dienste Erfahrung, lernten aus Fehlern, ersannen neue Methoden und Herangehensweisen und optimierten ihre Operationen. Jedes große neue Ereignis und die Methoden, damit umzugehen, trugen zu ihrer Erfahrung bei. Auch was die viele Cyberattacken betrifft, investiert Israel viel Geld und bildet Leute aus, um seine Cyber-Verteidigung auszubauen. Bald schon wird Israel ein internationaler Vorreiter auf dem Gebiet der Cyber-Verteidigung sein, wenn es diesen Status nicht ohnehin schon errungen hat.

Seit vielen Jahren steht Israel unter beständigem, anhaltendem Beschuss mit extremster Hasspropaganda. Trotzdem gibt es im Augenblick keine Organisation, die die großen Attacken beobachtet und studiert und die auf diesem Gebiet gewonnenen Erkenntnisse sammelt und benutzt. Somit lernt Israel nichts aus der Vergangenheit, und seine Feinde feiern ein antisemitisches Freudenfest.

Dieses antisemitische Freudenfest ist ein weiteres Schlüsselmerkmal der medialen Voreingenommenheit. Feindselige Reporter wissen, dass sie ohne jedes Risiko die negativsten Sachen über Israel schreiben können, selbst wenn das Geschriebene vollkommen unwahr ist. Medienschurken und ihre Herausgeber haben von Israelis nichts zu befürchten. Diese Reporter werden auch weiterhin ins Land gelassen und können weiterhin israelische Beamte interviewen und an Pressekonferenzen teilnehmen.

Um aber mit Palästinensern arbeiten zu können, sind Journalisten auf die Zusammenarbeit der Palästinenserbehörde angewiesen. Wollen PA-Führer einen bestimmten Journalisten nicht zulassen, dann verliert diese Person ihren Job, da er nicht mehr beide Seiten des palästinensisch-israelischen Konflikts beleuchten kann.

Einige klassische Fälle zeigen, dass diese Einseitigkeit bereits seit langer Zeit besteht. Thomas Friedman von der New York Times offenbarte — viele Jahre später –, dass vor dem Jahr 1982 in Beirut stationierte westliche Berichterstatter kein einziges Wort über die allseits bekannte Korruption der örtlichen PLO-Führung verloren. Ebenso sagte er, jene Berichterstatter hätten die Aktivitäten der PLO in einem weit positiveren Licht dargestellt als jene der Falangisten, der Israelis oder der Amerikaner. Und er erwähnte, dass es für Journalisten äußerst wichtig war, mit der PLO auf gutem Fuß zu stehen, ansonsten hätte ihr Auslandsredakteur sein ersehntes Interview mit Jassir Arafat nicht bekommen.

Ein weiterer klassischer Fall von Medienvoreingenommenheit war, als Ricardo Christiano, Korrespondent des italienischen Staatssenders RAI, im Jahr 2000 einen Brief in der palästinensischen Tageszeitung Al-Hayat al-Jadida veröffentlichte, der den Lynchmord an zwei israelischen Reservesoldaten durch Palästinenser in Ramallah betraf. Er sagte, ein anderer italienischer Sender namens MediaSet habe den Lynchmord gefilmt und die Bilder ins Ausland geschmuggelt, und er selbst hätte selbstverständlich niemals diese Bilder veröffentlicht, wären sie in seinem Besitz gewesen. Danach konnte der MediaSet-Journalist nicht mehr im fraglichen Gebiet arbeiten.

HR: Was halten Sie von der Arbeit der proisraelischen Medienbeobachter?

MG: Es gibt zwei Hauptkategorien proisraelischer Medienbeobachter: Organisationen und Einzelpersonen. Es gibt größere Organisationen, die beständig einer großen Anzahl von Medien folgen, z. B. HonestReporting oder Camera, und einige kleinere für andere Sprachen. Was HonestReporting betrifft, schätze ich ganz besonders den Dishonest-Reporter-Preis [ein „Preis“ für die verlogenste Berichterstattung; Anm.d.Übs.]. Einen davon bekam Sidsel Wold, die norwegische Israelkorrespondentin beim Staatssender NRK, die ein Radiointerview mit mir ausstrahlte, welches sie völlig frei ausgeschmückt hatte.

Dann gibt es Einzelpersonen, von denen einige sich hin und wieder zu Sachverhalten äußern — Tom Gross ist ein Beispiel. Andere schreiben Bücher oder Berichte über spezielle Themen. Sergio Minerbi, einer der Vorreiter auf diesem Gebiet, schrieb über belgische Medienvoreingenommenheit. Vor kurzem veröffentlichte Joel Kotek einen Bericht über die Einseitigkeit französischsprachiger belgischer Medien. Trevor Asserson nahm eine tiefgehende Analyse der Voreingenommenheit der BBC im vergangenen Jahrzehnt vor. All diese Medienbeobachter, sowohl Organisationen als auch Einzelpersonen, haben einen großen Schatz an Informationen zusammengetragen, der gemeinsam mit der von ihnen entwickelten Methodik eine Grundlage für weitergehende Aktionen darstellt. Israel und das jüdische Volk sollte ihnen dankbar sein.

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4 Kommentare - “Ein Experte drängt Israels Regierung, den Kampf mit den Medien aufzunehmen”

  1. Paul Says:

    Sehr geehrter Herr Gerstenfeld,
    Sie haben ja so recht.
    Israel hat alle Kriege und andere militärischen Auseinandersetzungen gewonnen. Den Propagandakrieg gegen die Araber hat Israel verloren.

    Israel wird gerne immer als der Stärkere dargestellt, der gegen den Schwächeren eine haushohe Überlegenheit hat. Im militärischen Bereich mag das stimmen. Im Propagandabereich ist Israel der Kleinere der gegen die übermäßige Mehrheitsmacht der Araber und der Muslime antritt. Es kämpfen wirklich eine Handvoll Juden gegen eine unübersehbare Heerschar von Muslimen. Auch in der UNO haben sie bereits eine relativ stabile Mehrheit. Diese wird durch nichtmuslimische Judenhasser noch gestützt. Dieser Judenhass, der seine Wurzeln im Christentum hat, ist auch ein Grund für die Propagandaerfolge der Judengegner.
    Trotzdem muss Israel propagandistisch aufrüsten. In der aktuellen Auseinandersetzung mit den PA-Arabern bringt das natürlich nichts. Trotzdem muss Israel das tun, weil es auf Dauer gesehen nur so sein Ansehen in der Weltöffentlichkeit verbessern kann.
    Allerdings wir es noch Generationen dauern, bis gegenüber dem 2000 Jahre alten christlichen Antisemitismus eine Wirkung erreicht werden kann.
    Der Papst jedenfalls hat schon mal einen Anfang gemacht. Aber die Gläubigen folgen ihm nur halbherzig.

    Herzlich, Paul


  2. […] Falsches zu Nahost richtig gestellt « Ein Experte drängt Israels Regierung, den Kampf mit den Medien aufzunehmen […]


  3. […] Bullshit auf den Seiten der New York Times – PLO-Statistiken und die New York Times – Ein Experte drängt Israels Regierung, den Kampf mit den Medien aufzunehmen (Interview mit Manfred Gerstenfeld) – Ein Experte drängt Israels Regierung, den Kampf mit […]


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