Die Lehre aus einem falschen Foto-Tweet

Pesach Benson, HonestReporting, 31. August 2015

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Hier das falsche Foto-Tweet des Tages: Pawel Ryschewski (internationale Transliteration: Pavel Ryzhevsky), ein Kolumnist der dem Kreml wohlgesonnenen Zeitung Komsomolskaja Prawda, tweetete ein Bild, das angeblich einen Zivilisten zeigte, der sein Baby in der von Separatisten kontrollierten Stadt Donetsk in der Ost-Ukraine vor einem Angriff abzuschirmen versucht. Ryschewski datiert das Bild auf den 13. Juli 2015.

Die Jerusalem Post liefert eine Übersetzung der Wörter auf dem Bild:

Während des Bombenangriffs versucht ein Vater ein Kind mit seinem Körper zu retten. Es sind Donchane (Leute aus dem Donetzbecken)“ schrieb Ryschewski laut einer Übersetzung des Journalisten Shimon Briman, der das zugehörige Bild entdeckt hat.

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Aber das Foto entstand nicht in der Ukraine und auch nicht 2015. Nicht einmal annähernd.

Es ist Eliran Fitusi, ein Israeli aus Beersheva, der sein Baby inmitten eines palästinensischen Raketenangriffs bei Operation Schutzrand schützte — ein Jahr vorher.

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Die Jerusalem Post fügt hinzu:

Dies war das zweite Mal, dass Ryschewski Bilder aus dem letzten Gazakrieg verwendet hat, so Briman. Er bezieht sich auf das Bild einer israelischen Frau, die über ihrem Kind kauert — ein Bild, das Ryschewski letztes Jahr getweetet hatte.

2012 verlor eine UN-Mitarbeiterin im Westjordanland namens Khulood Badawi ihren Job wegen eines falschen Foto-Tweets, das ein verletztes palästinensisches Kind aus dem Jahr 2006 zeigte. Ebenfalls 2012 entschuldigte sich der BBC-Reporter Jon Donnison für das Tweeten eines Fotos mit zwei syrischen Kindern, die fälschlicherweise als Gaza-Kinder dargestellt wurden, die bei einem israelischen Luftangriff verletzt worden waren. Bei beiden wurden Konsequenzen gezogen.

Aber ein Sprachrohr des Kreml ist per definitionem nur dem Kreml gegenüber verantwortlich. Alles, was die Leserschaft tun kann, ist, respektvoll ihr Missvergnügen mit Ryschewskis Twitter-Feed zum Ausdruck zu bringen und seine weiteren Tweets mit einer gehörigen Portion Skepsis aufzunehmen — oder einfach aufzuhören, ihm zu folgen.

Was ist also die Lehre daraus?

Zwar sind die meisten Bilder in den sozialen Medien real, aber es ist eine gewisse Skepsis angebracht. Hier einige Fragen, die ihr euch stellen könnt, bevor ihr ein Bild teilt:

  1. Wer ist der Urheber des Bildes?
  2. Wann wurde das Bild aufgenommen? Warum wird es jetzt geteilt?
  3. Könnte das Bild in einer Art und Weise beschnitten worden sein, die die wahren Geschehnisse falsch darstellt?
  4. Gibt es Grund für die Annahme, dass ein Bild digital verfremdet wurde?
  5. Wenn ein separater Artikel das Bild genauer erklärt, ist es dann hilfreich, das in einem Folge-Tweet zu teilen?
  6. Seid ihr völlig überzeugt davon, dass das Foto seriös genug ist, um es zu teilen?

Ihr seid für das Material verantwortlich, das ihr in den sozialen Medien teilt.

Falls ihr Zweifel habt — lasst das betreffende Material weg.

Bild: CC BY flickr/elisa mit Modifikationen von HonestReporting

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