Bietet der Kampf gegen den Antisemitismus einen Deckmantel für BDS-Aktivitäten?

Gastbeitrag, HonestReporting, 16. April 2015

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Der folgende Gastbeitrag wurde von Elijah Granet verfasst, HonestReportings Gewinner des Blankfeld Award 2014. Momentan studiert Elijah Politikwissenschaften an der Columbia University und den Talmud am Jewish Theological Seminary in New York City.

In der schulischen „Debatte“ über Israel gibt es eine verstörende Tendenz, und für gewöhnlich wird diese nicht von Students for Justice in Palestine und ihren Sympathisanten vorangetrieben, sondern von jüdischen Studenten.

Ich weiß, wie seltsam sich das anhört, und was ich in diesem Artikel sagen werde, hört sich vielleicht noch seltsamer an: der verstörende Trend sind Resolutionen zur Verurteilung von Antisemitismus.

Es sollte außer Frage stehen, dass ich Antisemitismus persönlich aufs schärfste verurteile, und zwar insbesondere als jemand, der ihm auf dem Universitätsgelände ausgesetzt war. Als gleichermaßen offensichtlich erachte ich, dass weltweit und auch an Universitäten zuwenig gegen Antisemitismus getan wird. Warum also bin ich so dagegen, dass jüdische Studenten Resolutionen zur Verurteilung von Antisemitismus auf den Weg bringen?

Diese Resolutionen wurden u. a. von UC Berkeley und UCLA beschlossen, und die malerische UC Santa Barbara beschloss jüngst eine parallel zu einer Divestment-Resolution. Sie wurden von studentischen Aktivitäten innerhalb der jüdischen Gemeinschaft auf den Weg gebracht und wurden bei erfolgreichem Beschluss wie ein Sieg behandelt. Sie wurden mit den besten Absichten verabschiedet, und viele Freunde von mir waren am Beschluss der UC Berkeley beteiligt.

Das größte und hervorstechendste Problem bei diesen Resolutionen ist, dass sie von exakt denselben Gremien diskutiert und beschlossen werden, welche die BDS-Resolutionen beschließen. Im Falle der UCSB wurden beide gleichzeitig beschlossen. Ich hatte früher bereits geschrieben, dass es ein großer Fehler ist, diese Resolutionen vor Studentenräten zu debattieren oder zu bekämpfen zu versuchen, da dies ihre falsche und voreingenommene Position legitimiert. Die Antisemitismusresolutionen bewirken etwas weit Schlimmeres als den Eindruck eines falschen Gleichgewichts – sie verschaffen der Dämonisierung Israels und den Angriffen auf Israel einen Deckmantel.

ucsbwave_144Zweifellos atmete der Studentenrat an der UCSB erleichtert auf, als jüdische Studenten ihn um die Verabschiedung einer Resolution zur Verurteilung von Antisemitismus baten, denn dies verschaffte dem Senat den perfekten Deckmantel zur Verabschiedung einer Resolution, welche vor Antisemitismus und extremem Israelhass nur so tropfte.

Diese Resolutionen erreichen absolut nichts, außer dass sie gute PR für die leeren Worte des Studentenrats darstellen. Alle „wissen“, dass Antisemitismus schlecht ist. Das ist keine mutige Aussage gegen irgendwas. Aber der Studentenrat kann jetzt behaupten: „Die Antipathie der BDS-Leute gegenüber Israel hat absolut nichts mit Antisemitismus zu tun. Dagegen haben wir eine Resolution verabschiedet!“ Werden jüdische Studenten gefragt, ob ihr ethnisch-religiöser Hintergrund sie von der Bekleidung bestimmter Positionen ausschließt, werden Studentenräte sagen, sie hätten sich dem Antisemitismus stets entgegengestellt. Jeder kann ein öffentliches Tabu verurteilen – aber Taten sind wichtig.

Werden BDS-Resolutionen und Resolutionen gegen Antisemitismus gleichzeitig auf den Weg gebracht, bietet dies eine Entlastung für die Mitglieder des Studentenrats, die letzten Endes normale Studenten sind und die nicht Teil irgendwelcher Kontroversen sein wollen. Sie werden glauben, die Juden mit ihren leeren Worten besänftigt zu haben und die BDS-Betreiber durch ihre Unterstützung von Divestment. Jeder Studentenrat, der eine Resolution gegen Antisemitismus verabschiedet, ist weit geneigter, direkt im Anschuss eine Divestmentstrategie gegen Israel einzuführen.

Das ist nicht einfach nur hypothetisch. Erinnern wir uns an die UCSB, wo der studentische Senat exakt dieses betreibt. Zum einen stand vor kurzem auf der Facebookseite „Against UCSB Divestment from Israel“:

Ein Senator (dessen Name unerwähnt bleiben woll) sagte vor kurzem, die jüdische Gemeinschaft sei „scheinheilig“, weil sie sowohl Antisemitismus als auch Divestment verurteilt.

Genau das stand dort. Sehen wir uns nun die Tragödie an, die in einem kurzen Auszug eines Beitrags in der öffentlichen Facebookgruppe „Santa Barbara Hillel“ durch dessen Direktor Rabbi Evan Goodman zum Ausdruck kommt:

Vielen Dank an den Senat, dass er zugehört und gehandelt hat. Der Senat entschied ebenfalls, dem Ausschuss eine antiisraelische BDS-Resolution zu übersenden.

BDS1Normalerweise würde ich mich nicht so aufregen. In Wahrheit können die Studentenräte nicht viel an der Politik im Nahen Osten ändern (obwohl sie sehr wohl etwas gegen Antisemitismus tun könnten, wenn sie sich dazu durchringen könnten), und es liegt nichts Falsches darin, einer allgemein anerkannten Wahrheit zuzustimmen (z. B. dass Antisemitismus schlecht ist). Das Problem ist, dass im Hintergrund kein Kampf gegen BDS stattfindet. Die Medien berichten eifrig über diese Geschehnisse, und das Ergebnis dieser Debatten beeinflusst nicht nur ein paar Studenten, sondern die amerikanische Sicht Israels insgesamt. Die Resolutionen gegen Antisemitismus bieten einen bequemen Deckmantel, und die Tatsache, dass diese Resolutionen von der jüdischen Gemeinschaft getragen werden, macht es umso schlimmer. Bald wird „ich habe jüdische Freunde“ ersetzt durch „ich habe zugestimmt, dass Antisemitismus schlecht ist“. Vielleicht wäre meine Reaktion anders ausgefallen, wenn diese Resolutionen zu toleranzfördernden Programmen oder zu Aktionen gegen Antisemitismus auf dem Campus geführt hätten, aber Resolutionen, die den Antisemitismus einfach nur „verurteilen“, sind weniger als bedeutungslos – sie sind Munition in den Händen der Feinde der jüdischen Gemeinschaft.

Es schmerzt mich sehr, öffentlich meinen Freunden und Mitangehörigen der jüdischen Gemeinschaft entgegentreten zu müssen, aber es ist überaus wichtig, dass die jüdische Campusgemeinschaft erkennt, dass es bei der Debatte über das öffentliche Image Israels und über die giftige BDS-Kampagne keine harmlosen Handlungen gibt. Man muss nur ein bisschen auf dieser Seite (HonestReporting) herumklicken, und man sieht überall, wie fast alles, was ein Israelunterstützer sagt, aus dem Kontext gerissen, verdreht und gegen ihn selbst gerichtet wird. HonestReporting macht ausgezeichnete Arbeit, indem sie diese groben Verzerrungen ans Tageslicht bringt, aber auch wir in der jüdischen Gemeinschaft haben die Verantwortung, dass unsere Bemühungen uns am Ende dienlich sind und nicht gegen uns benutzt werden.

Ich werde mich weiter gegen die Geißel des Antisemitismus einsetzen und bin froh zu sehen, dass sich Studenten und unsere Verbündeten gegen die Dämonisierung Israels stellen. Ich hoffe nur, dass wir das nutzen können, um echte Veränderungen herbeizuführen und nicht nur zum öffentlichen Bild unserer Gegnerschaft beitragen.

Titelbild: CC BY Bruce Krasting via flickr, modifiziert durch HonestReporting

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One Comment - “Bietet der Kampf gegen den Antisemitismus einen Deckmantel für BDS-Aktivitäten?”

  1. caruso Says:

    Judesein allein schützt leider weder vor Dummheit noch vor Bosheit.
    lg
    caruso


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