US-Luftangriffe auf ISIS und der Doppelstandard der Medien

Jesse Lewis (Praktikant), Honest Reporting, 10. November 2014
(Übersetzung: Yvaine de Winter)

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In den letzten Monaten hat ISIS die Aufmerksamkeit von Medien, Politikern und der breiten Öffentlichkeit erregt, da die Terrororganisation bei ihrem Bestreben, ein islamisches Kalifat zu errichten, Unschuldige köpft und ermordet. Infolge der auf Video gebannten Enthauptungen amerikanischer und britischer Journalisten durch ISIS und deren immer größer werdende Kontrolle des Irak und Syriens haben die USA mit Luftschlägen begonnen, um die Bedrohung zu eliminieren.

Nicht nur tun sich die Medien damit schwer, diese Gruppe als Terroristen zu bezeichnen, auch die US-Luftschläge weisen große Ähnlichkeit mit Israels Operation Fels in der Brandung diesen Sommer auf. Eine Untersuchung zeigt deutlich den Doppelstandard, den wir im Falle von Israel leider nur allzu oft sehen.

Trotz Obamas Einstufung der ISIS als Terrorgruppe haben sich die großen Medien wie die New York Times, die LA Times und die Washington Post dem nie angeschlossen.

Die New York Times hält an der Bezeichnung „Militante“ fest und nimmt von deutlicherer Terminologie Abstand. Die Los Angeles Times bezeichnet ISIS als „brutale Militanten des Islamischen Staats“, und der Einschub „brutal“ ist wesentlich beim Verständnis ihrer Taktiken und bei der Unterscheidung dieser Gruppe von legitimen Armeen.

Zumindest hat die Bezeichnung „Militante“ eine leicht negative Konnotation, aber am 16. September schrieb die Associated Press, ein Luftschlag habe „einen bewaffneten LKW und Kämpfer getroffen“. Der Begriff „Kämpfer“ ist nicht nur neutral, sondern manchmal sogar positiv. Sind US-Bodentruppen, die diese islamische Bedrohung eliminieren wollen, nicht ebenfalls Kämpfer? Diese Terminologie vermenschlicht die ISIS und deutet an, die Gruppe habe einen greifbaren und rationalen Grund zum Kämpfen. Sie vergleicht die Handlungen der ISIS mit dem Militär zivilisierter und fortschrittlich denkender Nationen auf der ganzen Welt.

In keinem einzigen der zahllosen ISIS-Artikel dieser großen Nachrichtenportale wird die Gruppe als „Terroristen“ beschrieben. „Militante“ und „Extremisten“ sind die häufigsten Bezeichnungen, und während diese Worte zwar negativ konnotiert sind, zögern die Medien (oder haben zuviel Angst), diese Gruppe als das zu bezeichnen, was sie ist: Terroristen. Hinsichtlich Israel gebrauchen sie gedankenlos dieselben brandstiftenden Begriffe, die sie bei ISIS verwenden. In einem Meinungsbeitrag in der New York Times sagte Ali Jarbawi Folgendes über Israels angebliche „brutale Besatzung“:

In Israel gibt es nun eine extremistische, rassistische ideologische Strömung, die nicht nur den kürzlichen Angriff auf den Gazastreifen rechtfertigt, sondern sogar zum Gebrauch erheblicher, unverhältnismäßiger Gewalt gegen Zivilisten ermutigt, was zur Auslöschung ganzer Familien geführt hat.

Ja, er nennt Israel „rassistisch“ und „extremistisch“, dieselben Begriffe, die man zur Beschreibung von ISIS und deren barbarischer Taten gebraucht. Er benutzt dieselben Worte zur Beschreibung eines zivilisierten, fortschrittlichen Landes, das seine Bürger gegen ungerechtfertigte Terrorhandlungen verteidigt, wie für eine radikale Sekte, die Ungläubige sinnlos enthauptet, Frauen und Kinder ermordet und einige der gravierendsten Menschenrechtsverletzungen auf dem gesamten Planeten begeht.

Der Doppelstandard gegen Israel ist auch im Washington-Post-Artikel vom 23. September über den Beitritt von fünf islamischen Staaten bei den Luftschlägen gegen die ISIS zu spüren. Im Artikel steht:

US-Militärführer sagten am Dienstag, das Luftbombardement Syriens sei nur der Beginn eines längeren Einsatzes, der sich stoßweise über mehrere Monate ziehen wird und schwieriger werden wird, da die Militanten in bevölkerten Gebieten Deckung suchen.

Dies ist interessanterweise die einzige Erwähnung, dass Luftschläge über bevölkerten Gebieten stattfinden.

Diesen Sommer gab es jeden einzelnen Tag haufenweise Artikel in praktisch jedem einzelnen Medium, die sich damit beschäftigten, dass Israel bevölkerte Gebiete in Gaza angriff. Es wurde geschrien, wie teuflisch das sei, und es gab enorme Kritik über den Verlust unschuldigen Lebens in Gaza.

Aber bei der US-Offensive gegen die ISIS gibt es keinen vergleichbaren Aufschrei. Zwar ist es wichtig zu wissen, dass es nur sehr wenige westliche Journalisten in den von den USA bombardierten Gebieten gibt, aber trotzdem gibt es noch Luft für weitere Berichte und mediale Aufmerksamkeit. Dieser Mangel an Aufmerksamkeit spiegelt die Tatsache, dass es praktisch keinen öffentlichen Aufschrei gibt – keine Proteste, keine Forderung zur Eliminierung des amerikanischen Staates, keine Anschuldigungen von Brutalität und Rassensäuberung – alles Dinge, denen sich Israel täglich ausgesetzt sieht. Anders als im Falle von Israel werden jedoch keine Raketen auf amerikanische Wohnhäuser abgeschossen noch gibt es Tunnel in amerikanische Vorstädte, über welche die ISIS in Bevölkerungszentren einfallen und Zivilisten ermorden könnte. Zwei Amerikaner wurden auf ausländischem Boden enthauptet – eine schreckliche Tat und womöglich ein Grund für eine militärische Antwort, aber es gibt trotzdem keinen Vergleich zwischen der möglichen Bedrohung amerikanischen Lebens und der jeden einzelnen Tag höchst greifbaren Bedrohung israelischen Lebens.

Die International Business Times berichtet, dass ein einzelner US-Luftschlag am 18. Oktober 24 Tote zur Folge hatte. Warum bricht keine Lawine von Namen und Bildern quer über sämtliche internationalen Medien herein? Dies zeigt einen Doppelstandard, wo Israel an einem unmöglich hohen Standard gemessen wird und andere, in diesem Fall die USA, nicht.

Ich sage nicht, dass die USA ihren Einsatz gegen die ISIS abbrechen soll, aber ich glaube, wären die Medien konsistenter, dann sollte der Kollateralschaden aus diesen Angriffen ebenso viel – wenn nicht sogar mehr – Aufmerksamkeit erhalten wie Israels unvermeidliche Angriffe diesen Sommer.

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