Studie: Selbstzensur bei palästinensischen Reportern weit verbreitet

Alex Margolin, HonestReporting, 20. Oktober 2014
(Übs.: Yvaine de Winter)

SelfCensorship

Was können interessierte Leser tun, wenn sie eine Vorstellung von dem bekommen wollen, was in den Palästinensergebieten wirklich geschieht?

Wie sich herausstellt, ist es dabei das schlechteste, die palästinensische Presse zu lesen.

Eine Studie zeigt, dass gewaltige 80% der palästinensischen Journalisten eine Art Selbstzensur betreiben, und 68% der Journalisten „sagten, einiges von ihrem journalistischen Material und dem ihrer Kollegen durfte oftmals überhaupt nicht veröffentlicht werden“.

In der vom Palestinian Center for Development and Media Freedoms (MADA) durchgeführten Studie sagten nur 19% der palästinensischen Journalisten, sie hätten bei ihrer Arbeit niemals Selbstzensur betrieben.

Das bedeutet, dass nur einer von fünf palästinensischen Reportern den Versuch gemacht hat, die ganze Geschichte darzustellen, und nur einer von drei bekam seine Berichte nicht ständig abgelehnt und verworfen.

Selbstzensur bzw. die bewusste Zurückhaltung von Informationen ist besonders heimtückisch, da sie den Machthabern die Kontrolle über den Informationsfluss erlaubt, ohne den Anschein zu erwecken, auf die Journalisten Druck auszuüben.

Für gewöhnlich betreibt man Selbstzensur aus Angst vor Strafe oder Vergeltung in irgendeiner Form, wenn man nicht an der „Parteilinie“ festhält. Im letzten Gazakrieg beispielsweise haben Hamas-Terroristen die internationalen Presseleute aufmerksam verfolgt und begleitet, weshalb es praktisch keine Fotos davon gab, wie die Hamas Raketen auf Israel schießt.

Aber Selbstzensur kann auch stattfinden, wenn palästinensische Journalisten ihre Position zur Unterstützung eines politischen Standpunkts benutzen, z. B. der Antinormalisierungsbewegung in den Palästinensergebieten, die jede Form der Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinensern unterbinden möchte.

In jedem Fall ist der größte Verlierer bei dieser Praxis die Öffentlichkeit, die sich auf die Medien verlässt.

Zwar betrachtet die Studie die Selbstzensur als interne palästinensische Angelegenheit, sie hat aber auch Effekte weit über die Palästinensergebiete hinaus.

Westliche Reporter, die in den Palästinensergebieten arbeiten, verlassen sich oft auf palästinensische Mittelsmänner, Dolmetscher und Führer. Zensieren palästinensische Reporter ihre eigenen Berichte, wie können dann westliche Journalisten mit Sicherheit wissen, dass die Leute, auf deren Aussagen sie sich für ihre eigenen Storys verlassen, nicht dasselbe tun?

Und was noch wichtiger ist: Die Studie beweist aufs Neue, dass jede Information aus einer Region, die weder die Meinungsfreiheit unterstützt noch eine freie Presse unterhält, niemals hundertprozentig verlässlich sein kann.

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