Der Iran erlernt die Sprache des Westens

Simon Plosker, HonestReporting.com, 2. Oktober 2013

Eine Meinungsumfrage von Washington Post und ABC News stellte vor kurzem fest, dass eine überwältigende Mehrheit der Amerikaner ihre Unterstützung für einen Plan der USA und Russlands zum Ausdruck brachte, Syriens Chemiewaffen abzubauen.

Und das, obwohl 68 Prozent derselben Menschen glauben, dass der Plan nicht wirklich funktionieren wird. Wie erklärt sich diese kognitive Dissonanz?

Es scheint so, dass der Wunsch jegliche Art von militärischer Verstrickung im Nahen Osten über alles andere triumphiert, wenn es um die öffentliche Meinung im Westen geht – selbst wenn die Menschen glauben, dass die Diplomatie zu Scheitern verurteilt ist.

Dieselbe Haltung scheint die Berichterstattung über den derzeitigen Public-Relations-Vorstoß des iranischen Präsidenten Rouhani zu dominieren. Werfen Sie einen Blick auf diesen Screenshot; er wurde von der britischen Zeitung The Independent gemacht:

Schlagzeile:
Benjamin Netanyahu fliegt in die USA und versucht
die Rückkehr des Iran in die Diplomatie abzublocken

Vergleichen Sie das Foto von Benjamin Netanyahu mit dem von Rouhani. Während der israelische Premierminister müde und vielleicht ein wenig aggressiv aussieht, strahlt der iranische Präsident Gelassenheit aus. So bis zum Unterschwelligen subtil das sein mag, es ist genau der Vergleich, den der Foto-Redakteur des Independent bei Ihnen erreichen will.

Und wie diese zu den syrischen Chemiewaffen befragten Amerikaner versuchen die internationalen Medien (und viele Politiker) ebenfalls verzweifelt den Konflikt mit dem Iran zu vermeiden. Also stellen sie Rouhani als den Führer dar, wie sie ihn gerne haben würden.

Sicher, Rouhanis Auftritt vor den Vereinten Nationen war herausragend, obwohl es nicht viel gab, dem er erwartungsgemäß gerecht werden musste. Der frühere Präsident Mahmud Ahmadinedschad stand auf dem Podium der Vollversammlung und leugnete den Holocaust, unterstützte 9/11-Verschwörungstheorien, bevor er behauptete er fühlte sich während seiner Rede „in Licht gebadet“ – gewiss kein der Gewinnung von PR-Punkten zuträglich.

Rouhanis Erscheinen vor der UNO erinnert mich an einen der berüchtigsten Momente der UNO (von denen es viel zu viele gibt), als 1974 PLO-Führer Yassir Arafat vor der Vollversammlung sprach und erklärte: „Ich bin mit einem Olivenzweig und der Waffe eines Freiheitskämpfers gekommen. Lassen Sie nicht den Olivenzweig aus meiner Hand fallen.“

Rouhani betrat die UNO mit dem Pendant einer Atombombe, die aus seiner Kleidung lugte. Doch wie bei Arafat vor ihm konzentrierte sich die Menge auf den „Olivenzweig“ und ignorierte die Waffe. In den Folgejahren war Arafats Schusswaffe für die Ermordung die Verwundung tausender Unschuldiger verantwortlich. Wird Rouhani es ihm gleich tun, nur mit furchtbareren Waffen?

Seit Nazi-Deutschland und der Sowjetunion ist Propaganda immer eine mächtige Waffe in der Hand von Diktatoren und Autokraten gewesen. Für westliches Publikum werden telegene öffentliche Auftritte, große Redekunst und clevere Zitate immer über trockene politische Mitteilungen triumphieren. Das ist etwas, das Rouhani klar erkennt. Selbst nachdem die USA jetzt angefangen haben den Iran anzugreifen, ist es Rouhanis anderer „Ton“, auf den verwiesen wird. Immerhin hat sich in der Substanz sehr wenig verändert.

Der Iran wird immer noch vom Willen des Obersten Führers Khamenei beherrscht. Menschenrechte und Freiheiten werden immer noch mit Füßen getreten, Homosexuelle verfolgt und Minderheiten unterjocht. Was immer Rouhani zu sagen haben mag, es ist immer noch derselbe Iran, der Syriens Präsident Assad unterstützt, die Terrororganisation Hisbollah bewaffnet und kontrolliert und Terror weltweit fördert.

Die Medien haben zu Rouhanis Rückkehr in den Iran berichtet, wo eine kleine Gruppe Demonstranten wegen seines offensichtlichen Entgegenkommens dem Westen ihn mit Schuhen und Schmähungen bewarfen. Doch selbst das hätte bewusst geplant worden sein und schaffte es Rouhani als den mutigen Pionier darzustellen, der die Unterstützung des Westens braucht, bevor sich ein Fenster der Gelegenheiten schließt. Könnte eine solche Demonstration tatsächlich ohne die stillschweigende Zustimmung des Regimes stattgefunden haben?

Vielleicht das Cleverste, das Rouhani erreichte, war ein weiterer erprobter und bewährter PR-Trick – die Neuausrichtung des Streits. Indem er einen atomwaffenfreien Nahen Osten forderte, lenkte Rouhani die Aufmerksam erfolgreich auf den einzigen anderen Staat in der Region, von dem man glaubt, dass er Atomwaffen besitzt – Israel.

Das wäre aber nicht ohne den vorherrschenden Zeitgeist möglich gewesen, der es vorzieht sich auf Israel und sein angenommenen Fehlbarkeiten zu konzentrieren, während man echte Probleme ignoriert oder Ausreden dafür findet, die auf der Prioritätenliste viel weiter oben stehen müssten, z.B. den syrischen Bürgerkrieg und – ja – das iranische Atomprogramm.

Während sich Benjamin Netanyahu also auf die Rede vor der UNO-Vollversammlung vorbereitet, findet er sich bereits als für die Rolle des Spielverderbers ausgewählt. Wird es, wie Rouhanis „Ton“, Netanyahus Ton sein, mit dem die Medien sich beschäftigen oder werden es substantielle Inhalte einer Rede sein, die die Welt an einschlägige Fakten erinnert will?

Leider scheint es so, dass der Iran den Nutzen der Ausübung weicher Macht durch effektive Kommunikation und PR gelernt hat. Wer braucht einen Atomsprengkopf?

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One Comment - “Der Iran erlernt die Sprache des Westens”

  1. Zahal Says:

    Hat dies auf World-Media-Watch rebloggt.


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