Die unglaubliche Antwort des Independent auf eine Leser-Beschwerde

Alex Margolin, HonestReporting.com, 6. August 2013

Jede Mainstream-Publikation berichtete über die israelische Entscheidung, palästinensische Häftlinge freizulassen, die langjährige Haftstrafen für Gewaltverbrechen verbüßen. Doch der Independet wies als einzige Veröffentlichung einen Unterschied auf, indem er sie in seiner Schlagzeile als „politische Gefangene“ bezeichnete (inzwischen ist das das geändert worden).

Eine Leserin beschwerte sich beim Verlag über die unangemessene Nutzung des Begriffs. Sie erhielt die folgende Antwort von Will Gore, dem stellvertretenden Chefredakteur und gab sie an HonestReporting weiter.

Ich widerspreche zwar nicht dem, was Sie über den Ernst der von den Freizulassenden begangenen Verbrechen sagen, aber ich stimme nicht mit Ihnen überein, dass der Begriff „politische Häftlinge“ falsch ist. Es gibt keinen Zweifel, dass die Taten sehr vieler der fraglichen Individuen, so schrecklich sie auch sind, durch das motiviert waren, was als politische Ziele bezeichnet werden kann. Sie werden sich bewusst sein, dass es keine festgesetzte Definition für „politischer Gefangener“ gibt und dass zum Beispiel die von Amnesty International genutzte Definition jeden Gefangenen einschließt, „dessen Fall ein beträchtliches politisches Element hat: ob die Motivation hinter den Taten des Gefangenen, die Tat selbst oder die Motivation der Behörden ist“. Selbst wenn man die Motivation für die Verbrechen beiseite lässt, sind die Gefangenen derzeit ein Druckmittel für Verhandlungen in einem größeren politischen Spiel, ihre Freilassung ist eine Sache der Politik, nicht einfach eines juristischen Prozesses.

Wir haben in dem Artikel klar auseinandergesetzt, warum die Gefangenenfrage so umstritten ist, und wir haben einige der von den Freizulassenden begangenen Verbrechen aufgezählt. Ich glaube nicht, dass unsere Berichterstattung zu dieser Sache irreführend ist, weder in ihren Worten noch mit den begleitenden Bildern.

Der Begriff „politischer Gefangener“ wird weithin falsch so verstanden, dass er eine Person beschreibt, die wegen ihrer Überzeugungen inhaftiert ist, nicht wegen ihrer Taten. Wenn jemand einen unschuldigen Zivilisten für eine politische Sache tötet – mögen das Tierrechte, Abtreibungsrechte oder die palästinensische Unabhängigkeit sein – dann sollte diese Person wegen des Mordes ins Gefängnis kommen, nicht wegen der politischen Sache, die sie unterstützt. Diese Unterscheidung ist wichtig. Einen Mörder als politischen Gefangenen zu bezeichnen, gewährt dem Verbrechen Legitimität. Damit erweist man den echten politischen Gefangenen und den Opfern der gewalttätigen Kriminellen einen Bärendienst.

Gores Hinweise auf ein „größeres politisches Spiel“ ist noch irreführender. Seiner Ansicht nach hat die Kennzeichnung als politischer Gefangener weder mit dem Verbrechen noch mit der Motivation dafür zu tun. Stattdessen wird sie davon bestimmt, ob eine dritte Partei glaubt, sie könne politisch davon profitieren, indem sie die Freilassung der Häftlinge fordert.

Wenn die Redakteure des Independent es ablehnen, jegliche Palästinenser als Terroristen zu bezeichnen, ist es dann ein Wunder, dass sie versuchen, ihren Verweis auf einen Mörder als politischen Gefangener zu verteidigen? Der Independent gibt den Palästinensern weiterhin einen Freifahrtschein für ihr gewalttätiges Verhalten. Selbst wenn Palästinenser töten werden sie über ihre Motivation definiert, nicht über ihre Taten.

Es scheint also so, als habe der Independent seine eigenen politischen Beweggründe.

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4 Kommentare - “Die unglaubliche Antwort des Independent auf eine Leser-Beschwerde”

  1. Paul Says:

    Wir in Deutschland haben zu „politischen Gefangenen“ eine historische Parallele.
    Die RAF-Terroristen bezeichneten sich selbst auch als politische Gefangene.
    Noch heute empfänden wir es als unangemessen, wenn irgend ein Medium sie so bezeichnen würde. Ganz besonders, wenn es ein ausländisches wäre.
    Die Berufung auf AI ist fragwürdig, genauso fragwürdig wie die ganze Organisation geworden ist. Eine Berufung auf andere Quellen ist oft zweifelhaft. Besonders dann, wenn es die einzige Begründung zur Rechtfertigung eigenen Handels ist.

    Als Kinder haben wir das gemacht: „Mutti, der XX darf das aber auch.“

    Werden Journalisten jetzt wieder zu Kindern?

  2. anti3anti Says:

    In unserem Denken ist der politische Gefangene unschuldig. Politische Gefangene gibt es nur in Diktaturen! Mörder sind niemals politische Gefangene!
    Es sind Worte, die unser Denken bestimmen. Die Mehrheit der Deutschen ist sich sicher, dass es in den USA und in Israel, beides Demokratien, politische Gefangene gibt. Folglich wird es auch in Deutschland bald politische Gefangene geben. NSU?


  3. […] Ein wunderbares Beispiel, wie sich Medienschaffende ihre eigene Welt schaffen bzw. Begriffe nach Gutdünken umdeuten, damit sie in ihre Agenda passen. […]


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