Berichte, die E-Mail sei tot, scheinen übertrieben zu sein

HonestReporting Media Backspin, 12. August 2010

HonestReportings Gesellschafts-Redakteur Alex Margolin schreibt gelegentlich Einträge zu sozialen Medienfragen. Er ist für HonestReportings Facebook-Seite verantwortlich.

Seit dem Aufkommen der sozialen Medien haben Experten ständig den Zusammenbruch der E-Mail als Werkzeug der Massen prophezeit. Facebooks leitende Geschäftsführerin Sheryl Sandberg sagte kürzlich auf einer Konferenz dem Publikum, Teenager zögen E-Mails das Instant Messaging vor; sie signalisierte, dass die alte elektronische Post am Ende sei. „E-Mailing – ich kann mir ein Leben ohne nicht vorstellen – wird wahrscheinlich verschwinden“, sagte Sandberg. „Wenn Sie wissen wollen, was Leute wie wir morgen tun werden, dann sehen Sie sich an, was Teenager heute tun.“

Im Wall Street Journal erklärte Reporterin Jessica Vascellaro letzten Oktober, E-Mails erfüllten nicht länger ihren Zweck, wenn wir ständig über Mobiltelefone und schnelle Internetverbindungen miteinander verbunden sind.

Warum auf die Antwort auf eine E-Mail warten, wenn man über Instant Messaging eine schnellere Antwort bekommen kann? Dank Facebook können manche Fragen beantwortet werden, ohne dass man sie stellt. Man muss keine Freundin fragen, ob sie Arbeit übrig hat, wenn sie ihre öffentlichen „Status“ auf der Seite der Welt das mitteilt. E-Mailing, das im Zeitalter der Anhänge feststeckt, erscheint im Vergleich zu Diensten wie Google Wave, das sich derzeit in der Testphase befindet, langweilig; Google Wave erlaubt den Usern Fotos weiterzugeben, indem man sie per Drag and Drop von einem Desktop in Wave zieht und Kommentare in Echtzeit eingibt.

Nun, die Berichte des Todes der E-Mail scheinen übertrieben zu sein. Erst diese Woche kündigte Google an, es werde Google Wave nicht weiterführen. Der Dienst, von dem Google hoffte, er werde Gmail ersetzen, zog einfach nicht genügend User an.

Wie erklären wir aber den Sieg der E-Mail über einen so technisch fortschrittlichen Gegner wie Google Wave? Immerhin konnte Google Wave alles, was E-Mailing konnte und noch viel darüber hinaus, einschließlich Echtzeit-Zusammenarbeit zu Dokumenten. Abgesehen von den offensichtlichen Gründen – dass die Leute mit ihrem E-Mail-Dienst zufrieden sind und keine Notwendigkeit für Veränderungen sahen – hebt der Lauf der Ereignisse einige Trends hervor, die heute im Internet ablaufen. Zwei Trends stechen heraus.

1. Google Wave ist, wie viele neue technologische Innovationen, Teil einer Schwemme an Produkten, die viel schneller geschaffen werden, als die kritische Masse der Menschen sie konsumieren kann. Viele hoch technisierte Blogs bringen Rezensionen neuer Software-Pakete it erstaunlichen neuen Fähigkeiten. Am nächsten Tag gibt es einen Stapel neuer Produkt-Rezensionen. Das Ergebnis ist die Ansammlung von Technologie, deren Nutzbarkeit die Leute bisher nicht finden konnten.

Produkte, die sich durchsetzen, wichen durch die User oft von ihrer ursprünglichen Gebrauchsabsicht ab. Twitter zum Beispiel wurde ursprünglich geschaffen, damit den Leuten durch regelmäßige Updates ihrer alltäglichen Aktivitäten dabei geholfen werden konnte mit Freunden in Kontakt zu bleiben. Als es mehr und mehr angenommen wurde, richteten User – nicht das Twitter-Management, die Firma – Normen wie das „retweet“ und die Hashtag-Organisationssystem ein. Der Dienst stieg während des Anschlags auf Mumbai als wichtiges Kommunikationsmittel auf, weil die Leute Informationen beinahe in Echtzeit einstellten.

Also wird E-Mail überleben, weil die Menschen bereits wissen, wie sie planen können sie zu nutzen. Google Wave mag diese Optionen vergrößert haben, aber dass es sich nicht durchsetzen konnte zeigt an, dass es wenig Bedarf für einen Quantensprung im E-Mail-Leistungsvermögens gibt.

2. E-Mail wird weiterhin in signifikanter Zahl genutzt als Möglichkeit werden, dass die Menschen sich gegen Informationsüberflutung wehren.

Vollzeit mit dem Net verbunden zu sein, mag das Tempo der Produktivität beschleunigen, aber es könnte auch zu Burnout und dem Bedürfnis nach Rückzug führen. Es mag frustrierende sein „auf die Antwort auf eine E-Mail zu warten“, doch wir bestimmen zumindest das Tempo unserer Kommunikation.

Ironischerweise wurde derselbe Begriff für die Notwendigkeit benutzt, die Flut an E-Mails auszusieben, die die Leute jeden Morgen vorfinden würden, wenn sie zur Arbeit kommen. Für die heutige Arbeitsumwelt gilt das noch viel mehr.

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