Journalismus mit Druck auf die Tränendrüse

HonestReporting Media BackSpin, 10. Juni 2009

Dieses Guardian-Video ist vermutlich das seichteste Stück Journalismus aus Gaza. Es spart nicht zu knapp mit Bildern der Not. Aber wie kann irgendjemand Inigo Gilmores Beitrag als seriösen Journalismus bezeichnen?

Jedem Palästinenser, der in diesem siebenminütigen Beitrag zu Wort kommt, wird eine Plattform für seine Sicht der Dinge und die Beschreibung des Elends gegeben – ohne irgendeinen Kontext zu den Bildern zerstörter Gebäude und den Geschichten der Verzweiflung herzustellen.

Selbst wenn Gilmore harte Fragen stellt, was sollten diese Menschen schon antworten? Die Palästinenser sind nicht mutig oder dumm genug, dem Reporter aus dem Westen zu berichten, dass ihre Häuser als Abschussrampen dienten, die Moscheen als Waffenlager und die Krankenhäuser von den Hamas-Führen requiriert worden waren.

Von westlichen Medien angeheuerte palästinensische Stringer (auch Freelancer; [Freie Mitarbeiter, BackSpin]) wurden immer wieder Opfer von Einschüchterungen durch die Hamas. Letzten Endes müssen sie, wenn Gilmore schon längst wieder abgereist ist, sich wieder in ihrem Alltag zurechtfinden und für ihre Familien sorgen.

Wobei wir uns nun Mustafa Khalili zuwenden, einem der im Video zu Wort kommenden Protagonisten. Anfang des Jahres deckte HonestReporting einige Guardian-Videos und Artikel auf, bei deren Produktion er mitgewirkt hatte. Khalili machte sich einen Namen, weil er Blogger angeschrieben und animiert hatte, möglichst sensationsheischende Beiträge über israelische Kriegsverbrechen zu erstellen oder daran mitzuwirken. Dieses Video ist ein weiteres beredtes Beispiel dafür, warum man bei einigen palästinensischen Stringern auf der Hut sein muss.

Leider bewirkt Einschüchterung nicht nur beim Guardian, dass Sand in die Augen gestreut wird. AP berichtet, dass Hamas-Aufpasser auch die von der UNO selbst durchgeführten Untersuchungen zu Kriegsverbrechen massiv behindern:

Und während der fünftägigen Reise durch den Gazastreifen letzte Woche hängten sich Sicherheitskräfte der Hamas an ihr Team und stellten Fragen bezüglich der Möglichkeiten von Augenzeugen, die Aktionen der militanten Gruppe ungehindert zu schildern.

Es gab extrem wenig Möglichkeiten für Palästinenser, sich frei zu äußern – Der Spiegel* erscheint im Vergleich zum Guardian als starker Kontrast. Reporter und andere Menschen, die sie interviewen, stehen zweifellos unter Beobachtung der Hamas. Diese Realität ruft geradezu nach einer Offenlegung der Journalisten, was man bei Gilmore und Khalili aber nicht erwarten kann. Dies aber ist es in Wirklichkeit das, was einen beim Betrachten des Guardian-Videos zum Heulen bringt.

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*Anmerkung (bd): Mir ist schon einige Male aufgefallen, dass Spiegel International etwas unabhängiger und weniger eingefärbt berichtet als die deutsche Version. An der Brandswiete weiß man halt’, was die Mehrheit der deutschen Leser wünscht.

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