Schräger Überblick

honestreporting Media BackSpin, 20. Mai 2008

Ombudsmann Edward Schumacher-Matos von der Miami Herald sah die Berichterstattung seines Blattes zum israelisch-palästinensischen Konflikt während der vergangenen drei Monate durch. Er war vom Ausmaß überrascht:

In 77 Artikeln wurden Israel und/oder die Palästinenser schon in den ersten beiden Absätzen erwähnt. Das bedeutet ein erstaunliches Interesse an einer kleinen Region mit 7 Millionen Israelis plus 4 Millionen Palästinensern. Im Vergleich dazu gab es 319 Beiträge zu Kuba und 203 zum Irak.

Und Schumacher-Matos fährt fort:

Als ich danach die 77 Geschichten analysierte stellte ich fest, dass nur drei davon von Palästinensern alleine handelten. Das ist natürlich nur eine grobe Einschätzung, was den Inhalt der Geschichten betrifft, aber es bestätigt einen von mir gefundenen generellen Trend. Israel erhält nicht nur mehr Aufmerksamkeit, sondern – noch wichtiger – Geschichten rund um den Konflikt zwischen den beiden Parteien wurden in weit überwiegender Zahl aus Israel selbst berichtet, auch wenn man israelische Aktionen kritisierte.

Dies ist teilweise verständlich: Fast alle Auslandskorrespondenten in diesem Gebiet, darunter auch Dion Nissenbaum von McClatchy, das mit der Miami Herald assoziiert ist, haben ihr Büro in Jerusalem. Verglichen mit Gaza und dem Westjordanland bietet Israel weit mehr Sicherheit, Kommunikationsmöglichkeiten, Kundenbetreuung, kulturelle Affinität und eine funktionierende Regierung. Außerdem besetzt es das Westjordanland.

Was heißt das?

Die permanente Berichterstattung aus den vorteilhaften israelischen äußeren Bedingungen heraus ist von Nachteil. So weit die Geschichten palästinensische Standpunkte beinhalten verwehrt dieser Umstand den Lesern die Möglichkeit, noch mehr Beiträge aus palästinensischer Sicht lesen zu können und so die Denkweise der Palästinenser besser einzuschätzen, sowohl im Guten als auch im Schlechten. Das Ergebnis ist subtile Beeinflussung, die nicht absichtlich oder notwendig für die eine oder andere Seite ist, vermittelt aber den Lesern über einen längeren Zeitraum hinweg ein größeres Verständnis für Israel als für die Palästinenser.

Der Ombudsmann wäre zu einem differenzierten Schluss gekommen, wenn sein Überblick den Einsatz von Agenturmeldungen bei der Miami Herald beinhaltet hätte; die meisten davon werden von palästinensischen Journalisten in Gaza und im Westjordanland geschrieben.

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