Al-Dura: Was geschah wirklich?

honestreporting Media BackSpin, 26. Februar 2008

Hier eine vollständige Transkript-Übersetzung des Interviews, das HonestReporting mit dem Nahost-Analytiker und Medienexperten Tom Gross zur Mohammad Al-Dura-Affäre führte.

Um das Video anzusehen klicken Sie bitte hier.

Der Fall Mohammed Al-Dura geht zurück auf den September 2000 und viele Leute behaupten, dass er in Wirklichkeit die zweite palästinensische Intifada ausgelöst hat, die dann mehrere Jahre dauerte.

Ein kleiner Junge wurde angeblich erschossen, der staatliche französische Fernsehsender France 2 kam in den Besitz von Filmmaterial, hat es nicht einfach gesendet, sondern griff zu der sehr ungewöhnlichen Methode, Kopien anzufertigen und Videokassetten an Konkurrenten wie CNN oder BBC zu verschicken. Charles Enderlin sagte zuerst, dass der Junge gestorben war und zweitens, dass Israel diesen Jungen getötet hatte. Tatsächlich jedoch stellte sich später heraus, dass Charles Enderlin sich an jenem Tag gar nicht in Gaza aufgehalten hatte -, er war in Ramallah, und ein freiberuflich tätiger palästinensischer Kameramann hatte Charles Enderlin den Film ausgehändigt.

Fast augenblicklich wurde gefragt, wer den Jungen erschossen habe. Später stellte man sich die Frage, ob der Junge überhaupt erschossen worden sei. Der Winkel, von dem aus der Junge erschossen worden sein soll, stimmt nicht mit der Richtung überein, in der die israelischen Soldaten stationiert waren. Beobachter fragten sich: Wie können israelische Soldaten verantwortlich für den Tod des Jungen sein, wenn sie nicht in der Schusslinie positioniert waren?

Und ob der Junge tatsächlich erschossen wurde steht auch noch nicht fest. Bald stellte sich heraus, dass die Palästinenser an jenem Tag vorsätzlich viele andere Szenen für die Kameras gestellt haben. Wir wissen dies, weil Filme, die von Reuters-Kameraleuten gedreht wurden, verschiedene solcher Szenen zeigen – zum Beispiel Palästinenser, die in Krankenwagen des Roten Halbmondes transportiert werden und den Eindruck erwecken, als seien sie schwer verletzt, um dann Minuten später lachend aus dem Fahrzeug auszusteigen usw. So ist bekannt, dass an jenem Tag weitere Szenen an der Netzarim-Kreuzung gedreht wurden. Der von France 2 produzierte Film war sehr unglaubwürdig.

Seit einiger Zeit wird in Paris vor Gericht verhandelt und hoffentlich kommt man bald zu einem Ergebnis.

Bei der letzten Anhörung im November war France 2 aufgefordert worden, das Filmrohmaterial des „Al-Dura“-Videos zu beschaffen, das, wie die Autoren ursprünglich angaben, 27 Minuten Länge haben sollte. Aber als er [Enderlin] vor Gericht erschien, präsentierte er nur 18 Minuten, also zwei Drittel des Films. Die Richterin war ziemlich überrascht. Enderlin nuschelte irgendeine Entschuldigung, dass er nicht das vollständige Filmmaterial habe und es verloren gegangen sei; das erregte sicher großen Verdacht. Und im Film, den sie abspielten, schien es so, als habe Al-Dura seinen Arm bewegt, nachdem er erschossen worden war, und anschließend die Augen wieder geöffnet.

Al-Dura wurde zum Vorzeigekind der Intifada und darüber hinaus. Zum Beispiel bezog sich Osama bin Laden in seinem Video nach 9/11 auf Al-Dura; die Mörder Daniel Pearls zeigten ein Bild von Al-Dura in ihrem Enthauptungsvideo; in der gesamten islamischen Welt sind Straßen, Plätze, Bildungseinrichtungen etc. nach Al-Dura benannt worden.

Der Fall Al-Dura trifft die moderne Berichterstattung im Innersten.

Was man vorfindet sind freiberufliche Fotografen und Kameraleute, die oft parteiisch sind, bei einem Konflikt unter Einheimischen filmen, den Film redigieren und ihn an einen internationalen Sender wie France 2 schicken. Wegen des Drucks, rund um die Uhr Fernsehbilder liefern zu müssen, senden Stationen wie France 2 sofort, noch ehe irgendjemand den Film und seine Echtheit untersucht hat.

Im Krieg zwischen der Hisbollah und Israel im Sommer 2006 waren einige Fotos, die von Reuters und Associated Press im Südlibanon aufgenommen wurden, gefälscht, und Reuters schmiss einige seiner schiitisch-libanesischen Fotografen raus.

Aber das kam zu spät. Als Reuters eine unabhängige Untersuchung einsetzte und feststellen musste, dass sie von ihren einheimischen Freiberuflern eingeseift worden war, hatten die Bilder schon überall Verbreitung gefunden, in Tausenden von Publikationen jeder Größe weltweit.

Beziehen wir uns auf den Fall Al-Dura, so hat er die Intifada ausgelöst, und zwar so, dass ohne den wieder und wieder gezeigten propagandistischen Film die Intifada begrenzte Unruhen gewesen wären, die ein paar Tage angedauert und eine geringe Anzahl an Opfern gefordert hätte.

Stattdessen peitschte er die Bevölkerung auf, was die PA vermutlich wollte, indem sie den Film stetig im Fernsehen wiederholte. Wenige Wochen später wurden zwei israelische Reservesoldaten in Ramallah vom Mob gelyncht, der Al-Duras Namen skandierte. Sie erinnern sich vielleicht an einen der Palästinenser, wie er seine bluttriefenden Hände aus dem Fenster streckte. Die Intifada geriet bald außer Kontrolle.

Deshalb klebt in einem gewissen Sinne auch Blut an den Händen von France 2, da die Intifada wohl niemals ausgebrochen wäre, wenn der Sender nicht immer wieder ausgestrahlt hätte, was möglicherweise ein Fake-Video über einen sterbenden Jungen namens Al-Dura ist.

Nun haben wir einen Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, der schlimmer ist als vor dem Fall Al-Dura. Es ist unverantwortlicher Journalismus, solche Bilder zu senden, ohne sicher zu sein, dass diese Bilder authentisch waren. Wie der Rechtsstreit bisher zeigte gibt es begründete Zweifel.

Andere werden weiter gehen als ich und sagen, dass sie sich sicher sind, dass die Bilder inszeniert wurden. Ich habe mir die Bilder angesehen; ich bin kein Gerichtsmediziner und arbeite auch nicht als Anwalt. Aber so weit ich das sehe, gibt es begründete Zweifel daran, dass das Filmmaterial authentisch ist, und selbst wenn der Junge starb gibt es begründete Zweifel daran, dass Israel für seinen Tod verantwortlich war.

Wenn also France 2 der Welt erzählt, dass Israel eigentlich ein wehrloses Kind ermordete und dazu Filmmaterial an internationale TV-Stationen verschickt, das nicht die Wahrheit wiedergibt, ist das sehr aufhetzend.

In Frankreich gab es nach dem Fall Al-Dura Anschläge, die mit der Gewalt in Nahost im Zusammenhang stehen – französische Juden wie zum Beispiel Ilan Halimi und andere wurden ermordet. Die Atmosphäre könnte durch das Filmmaterial von France 2 angeheizt worden sein.

Die israelische Regierung hat lange gewartet, bis sie sich des Falles Al-Dura annahm. Es blieb unabhängigen Organisationen wie HonestReporting vorbehalten, diesen Fall gründlich zu untersuchen. Ich denke, dass die israelische Regierung zu spät erkannte, wie wichtig die Medien in zeitgemäßer Diplomatie und bei Konflikten sind.

In der Vergangenheit sagten israelische Politiker wie Moshe Dayan, dass Israel keine Außenpolitik führe; es gäbe nur eine Verteidigungs- oder Sicherheitspolitik. Shimon Peres, während der Zeit des Osloer Übereinkommens von 1993 Israels Außenminister, sagte, dass „wenn Sie eine gute Politik betreiben, Sie keine PR brauchen, und wenn Sie schlechte Politik machen würde ihnen PR auch nicht helfen.“

Ich befürchte, dass dies nicht stimmt – ob Israel gute oder schlechte Politik betreibt ist für den Bereich Public Relations beinahe irrelevant. Wenn die Kritiker vorhaben, Israel angreifen, werden sie das auch tun.

Jedes Land der Welt muss sich bei der Öffentlichkeitsarbeit des Umgangs mit rund um die Uhr berichtenden Medien bewusst sein. Ich denke, dass Israel in der Schlacht um Öffentlichkeitsarbeit nicht nur im Vergleich zu anderen Ländern zurückgefallen ist, sondern besonders hinter Milizen wie Hamas, Hisbollah und ähnliche Organisationen.

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